Das Highlight kam aus Worms

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Der „Rheinland-Pfalz-Tag 2018“ aus musikalischer Sicht (Max Giesinger, Matthias Schweighöfer, Worms 35, Kim Wilde, Nik Kershaw u.a.)

Text: Frank Fischer & Dennis Dirigo

01. – 03. Juni 2018 – Festtagsgelände in Worms:

Nach der Bekanntgabe der musikalischen Top-Acts für den Rheinland-Pfalz-Tag machte sich eine gewisse Enttäuschung in den Sozialen Netzwerken breit. Ob Max Giesinger, Matthias Schweighöfer oder 80er Jahre Stars wie Kim Wilde und Nik Kershaw – tatsächlich haftete den auftretenden Künstlern in erster Linie das Etikett „familienfreundlich“ an, was aber für ein Landesfest nicht untypisch ist. Zudem war die Stadt Worms der falsche Adressat für die teils harsche Kritik, denn für die Auswahl der Künstler auf den verschiedenen Musikbühnen waren die jeweiligen Medienpartner verantwortlich. Die einzige Musikbühne, deren Programm von Verantwortlichen der Stadt Worms gestaltet wurde, stand auf dem Schlossplatz. Bezeichnenderweise erlebten die Besucher ausgerechnet dort den musikalischen Höhepunkt des dreitägigen Landesfestes.

Auf dem Festplatz stand die größte Musikbühne, die RPR1/BigFM Bühne, deren Programm sich an ein eher jüngeres Publikum richtete. Insofern machte die Verpflichtung von MIKE SINGER durchaus Sinn, belegte dieser doch zu diesem Zeitpunkt die Spitze der deutschen CD-Charts. Derweil hielt sich die Begeisterung über den Samstags-Top-Act, MATTHIAS SCHWEIGHÖFER, dezent in Grenzen. Da hatte Alzey vor zwei Jahren, trotz kleinerem Landesfest, mit Rea Garvey den renommierteren Top Act am Start. Weniger überraschend war auch der Name des erst kurz zuvor bekannt gegebenen Headliners für den Freitag, MAX GIESINGER, der ein gern gesehener Gast bei Landesfesten ist und bereits 2016 beim RLP-Tag am Start war. Diesmal brachte er aber noch seinen Kumpel MICHAEL SCHULTE mit, der drei Wochen zuvor beim Eurovision Song Contest einen überraschenden 4. Platz für Deutschland eingefahren hatte. Und was soll man sagen? Auch wenn MAX GIESINGER für viele eine Reizfigur der deutschen Popmusik ist, gibt es an den Live-Qualitäten des Vollblutmusikers wenig auszusetzen. Vom ersten Song an hatte Giesinger das Publikum fest im Griff, und als wolle er zeigen, dass er noch mehr kann als radiotaugliche Hits wie „Roulette“, „Legenden“ oder „Wenn sie tanzt“ zu produzieren, gab es zwischendurch auch „Can’t Stop“ (Red Hot Chilli Peppers), „What’s up“ (4 Non Blondes) oder „Get Lucky“ (Daft Punk) zu hören. Natürlich durfte auch MICHAEL SCHULTE, nach einem Duett mit Giesinger („Feeling Good“), anschließend noch seinen ESC-Hit „You Let Me Walk Alone“ performen. Im Zugaben-Block gaben die beiden ehemaligen WG-Kumpels dann noch ganz reduziert „I Follow Rivers“ (Lykke Le) zum Besten und sorgten für intime Clubatmosphäre auf dem weitläufigen Festplatz. Als Giesinger kurz vorm Ende davon erzählte, wie er vor nicht allzu langer Zeit als Straßenmusiker nur vor einer Handvoll Leuten gespielt hat, dann gönnt man dem bodenständig wirkenden Karlsruher seinen Erfolg. „Geil Leute, ihr seid heute Abend hier und sitzt nicht vor der Glotze!“ rief er noch in die Menge, ehe eine zwölfminütige Version von „Einer von 80 Millionen“ (inklusive drei Kindern aus dem Publikum als Background-Chor) ein überraschend gutes Konzert beendete. Am Samstagnachmittag waren dann bei MIKE SINGER mehr Handys in der ersten Reihe zu sehen, als in jeder gut sortierten Auslage eines Elektronikmarktes. Der 18-Jährige wurde über You-Tube bekannt und hat ein paar Millionen Follower bei Facebook, Instagram & Co. Autodidaktisch komponierte und schrieb er seit dem 12. Lebensjahr seine ersten Songs, die er dann zuhause selbst produziert hat. Auch wenn die überwiegend minderjährige Fanschaft bei Songs wie „Netflix & Chill“, „Stage“ oder „Alles nur gelogen“ Zeile für Zeile mitsingen konnte, muss man vermutlich noch sehr jung sein, um bei diesen Themen mitfühlen zu können. Aber so ein bisschen kann man den Hype um den jungen Mann schon nachvollziehen, auch wenn der mit Schlagzeug, Gitarre und Keyboard aufgepeppte Sound des Youngsters musikalisch (noch) nicht viel hergibt. Ein ähnliches Fazit trifft auch auf die Musik des danach folgenden MATTHIAS SCHWEIGHÖFER zu, den man „eigentlich“ als Schauspieler kennt. Unter dem Titel „Lachen. Weinen. Tanzen“ hat Schweighöfer Anfang des Jahres eine CD veröffentlicht, die das ganze Dilemma der aktuellen deutschen Popmusik offenbart. Nichtssagende Texte, gepaart mit den immer gleichen Plastik-Melodien, mit denen auch Wincent Weiss, Tim Bendzko oder neuerdings auch Sasha gefüttert werden. Vermutlich sind die überwiegend ruhigen Songs wie „Durch den Sturm“, „Supermann und seine Frau“ oder „Immer wenn ich dich singen hör“ in einem kleinen Club besser aufgehoben, als auf einer großen Open-Air-Bühne. Dementsprechend hoch war der Geräuschpegel des Publikums bei einigen Songs. Erst gegen Ende hin, kam bei „Auf uns zwei“ oder dem Titelsong des Schweighöfer-Albums etwas Bewegung ins Publikum.

Derweil richtete sich das Programm auf der SWR-Bühne am Marktplatz eher an die Ü-50-Generation, die in den 80ern zu KIM WILDE und NIK KERSHAW ihre ersten Tanzversuche unternahm. Beide hatten sowohl freitags als auch samstags die Gelegenheit zu zeigen, dass sie längst noch nicht zum alten Eisen gehören. Freitags verwandelte sich der Marktplatz zunächst in ein Fernsehstudio, ausgelegt mit roten Teppichen und besucht von jeder Menge politischer Prominenz. Es war absehbar, dass in einem solchen Rahmen, der zusätzlich noch durchsetzt von Interviews war, für Musik nur wenig Raum war. Selbstverständlich nutzten die musikalischen Haudegen diese kurze Zeit, ihre größten Hits zu präsentieren. Neben den genannten Engländern taten das noch BELL, BOOK & CANDLE sowie FOOLS GARDEN. Samstagsabends sah das schon ganz anders aus, zwar wurde auch hier der ein oder andere Pflichttalk abgehandelt, im Mittelpunkt stand aber ganz klar die Musik. Begleitet von einer mitreißend spielenden SWR-Band konnte NIK KERSHAW dem zahlreichen Publikum beweisen, dass auch heute noch ein guter Songwriter in ihm steckt. Toll gespielte Cover Versionen querbeet durch die 80er („Rock Me Amadeus“, „Sunday, Bloody, Sunday u.a.) und ein gut gelaunter SIDNEY YOUNGBLOOD, der sich auch als veritabler Flötist zeigte, rundeten die musikalische Zeitreise ab. Das Publikum zeigte sich am Ende des Abends restlos begeistert.

Vor der Rheinhessen-News-Bühne am Römischen Kaiser versammelte sich die klassische Innenstadt-Klientel, die der Einstellung des einst sehr beliebten Starefestes immer noch hinterher trauert. Sowohl am Freitag-, als auch am Samstagabend stimmte dort die Musik, die in erster Linie aus bekannten Hits bestand. Während am Freitag die Pink-Coverband FUNHOUSE anfangs noch mit Soundproblemen zu kämpfen hatte, änderte sich das im Laufe des Abends. Bei ausgelassener Stimmung und den großen Hits wie „Just Like A Pill“, „Trouble“ oder „God Is A DJ“ feierten die Besucher bis um Mitternacht. Am Samstagabend war es der Foreigner-Coverband COLD AS ICE vorbehalten, dem überwiegend älteren Publikum Welthits wie „Urgent“, die Schmachtfetzen „Waiting For A Girl“ und „I Want to Know What Love Is“ und zum Finale hin natürlich „Juke Box Hero“ um die Ohren zu hauen.

Zwischen den Zelten des Wormser Weindorfs befand sich auf dem Platz der Partnerschaft die Bühne des Landesverbandes der MUSIKSCHULEN RHEINLAND-PFALZ. Wer sich eine gewisse Zeit an diesem Ort aufhielt, konnte eine gewisse Parallele zur Jazz & Joy-Bühne nicht verhehlen – und das ist durchaus positiv gemeint. Die jungen Talente aus u.a. Speyer, Frankenthal, Neuwied und Worms zeigten definitiv, dass hier der ein oder andere Musiker zu hören war, der vielleicht in ein paar Jahren auf der Jazz-Bühne an diesem Platz spielt. Dass Musikschulen abgesehen davon auch mal kräftig rocken können, bewies das Jazz und Rock Unit der Musikschule Alzey-Worms. Besonders die uns unbekannte Sängerin beeindruckte mit kräftigem Timbre. Als besonderes Schmankerl erwies sich das Bandprojekt WORMS 35. Rund 1.500 Menschen drängten auf den Schlossplatz, um dieses einmalige Bandprojekt zu erleben. Ganz nebenbei unterstrich dieses Konzert, dass Wormser durchaus interessiert sind, Wormser auf der Bühne zu erleben. Ebenso, dass es in unserer Stadt viele talentierte Musiker gibt. Ein Umstand, der bei Jazz & Joy in den letzten Jahren kaum noch Beachtung findet und die Verantwortlichen dringend zum Nachdenken animieren sollte. Eigentlich waren für diesen zwei Stunden Gig die titelgebenden 35 Musiker vorgesehen. Da die Idee bei den angesprochenen Musikern so gut ankam, standen letztlich 45 auf der Bühne. Die Einstiegsmoderation übernahm Schauspieler, Sänger und WO! Kolumnist Peter Englert, der zusammen mit Jazz & Joy-Kopf David Maier mit dem 60’s Klassiker „Dancing in The Street“ zugleich die musikalische Marschrichtung vorgab, nämlich „Dancing on The Schlossplatz“. Höhepunkt des Abends war der Auftritt der Band AFRODISIA. In den 70ern gegründet, feierten sie auf der Bühne für einen Abend eine musikalische Wiederauferstehung, die vom Publikum frenetisch begrüßt wurde. Kurzum: Die Wormser Musikszene lebt!

Unser Fazit
Es ist müßig darüber zu diskutieren, ob es auch nur ansatzweise möglich ist, den musikalischen Ansprüchen aller Wormser gerecht zu werden. Etwas weniger Mainstream und mehr Unkonventionelles hätten dem Programm zwar gut getan. Gleichwohl konnte man an den drei Tagen tolle Konzerte erleben, z.B. von Max Giesinger, Nik Kershaw oder Klangfabrik auf dem Weckerlingplatz. Von regionalen Musikprojekten wie „Worms 35“ hätte man gerne noch viel mehr gesehen auf dem Rheinland-Pfalz-Tag 2018.