„Das Schreiben ist eine Mischung aus Rausch und Vernunft“

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WO! im Gespräch mit Feridun Zaimoglu und Günter Senkel

1964 in der Türkei geboren, zogen seine Eltern bereits ein Jahr später nach Deutschland und gehörten zur ersten Generation der Gastarbeiter. Nach erfolgreichem Abitur schwankte sein Berufswunsch zwischen Medizin und Kunst. Letztlich obsiegte die Lust am Fabulieren. Feridun Zaimoglu gilt heute als einer wichtigsten Gegenwartsautoren. Zahlreiche Romane und Theaterstücke belegen diesen Status. Bekannt wurde er mit dem Buch „Kanak Sprak“. In dem Roman thematisierte er das Leben junger türkischstämmiger Männer abseits eines blumigen Multikulti. Im letzten Jahr veröffentlichte er den Roman „Evangelion“, in dem er sich mit Martin Luther beschäftigte. In diesem Jahr schreibt er erstmals für die Festspiele und ersann hierfür eine Fortsetzung der berühmten Sage. Das Buch verfasste er gemeinsam mit Günter Senkel, mit dem er schon seit vielen Jahren zusammenarbeitet. WO! sprach mit dem Autorenduo über die Annehmlichkeiten der Zusammenarbeit und die Schwierigkeit, einen Text zur Welt zu bringen.

WO! Sie arbeiten beide seit mehreren Jahren gemeinsam an Büchern. Wie kam es zu diesem Teamwork?
Zaimoglu: Am Anfang stand ein Telefonanruf, bei dem gefragt wurde, ob wir gemeinsam ein Theaterstück schreiben könnten. Das ist ungefähr 20 Jahre her. Weil wir beide Geschichtenerzähler sind, gab es kein Zaudern. Man muss uns vorstellen als zwei Seminaristen eines Workshops für Schriftsteller, und wir sind überdies auch bestens befreundet. Was wir direkt von Anfang an eingeführt haben, ist, dass wir zusammen rumkontern. Wir bleiben dabei nicht in der Stube, sondern gehen raus. Wenn wir einen Auftrag bekommen haben, denken wir erst mal über den Stoff nach. Mal geht es um ein eigenes Stück, mal um eine Adaption eines alten Stoffs auf neue Verhältnisse. Wichtig ist, dass wir genau das liefern, was von uns verlangt wird. Ist das klar, geht es zwischen uns hin und her.

WO! Schicken Sie sich dann die Manuskriptentwürfe hin und her oder muss man sich das wie in einem Writers Room vorstellen?
Zaimoglu: Weder noch, eigentlich sitzen wir gerne in Straßencafés und besprechen gemeinsam unsere Ideen. Aber auch ansonsten müssen wir die Texte nicht hin und her tragen, da wir Tür an Tür wohnen. Das sind doch ziemlich kurze Wege (lacht).

WO! Dann kann es sein, dass in der Nacht geklopft wird und Sie sagen: „Du Feridun, ich hab da gerade eine großartige Idee!“?
Senkel: Ja, so ähnlich kann das schon mal passieren (lacht).

WO! Wie ist es eigentlich zu dem Stück „Siegfrieds Erben“ gekommen?
Zaimoglu: Ich war 2016 Mainzer Stadtschreiber. In dieser Zeit kam man auf uns zu. Das war zunächst Volker Gallé, der uns auf das Thema Festspiele angesprochen hat. Dann haben wir uns zusammengesetzt und wir hatten überhaupt keine Zweifel bzw. hatten vielmehr große Lust, diesen Stoff zu bearbeiten. Das Besondere war natürlich der Freiluftcharakter. Wir hatten bereits für die Passionsspiele in Oberammergau ein Moses Stück geschrieben („Moses“, Uraufführung 2013, Anm. der Red.). Diese Erfahrung hat für uns die Arbeit hier sehr erleichtert, gilt es doch, die große Bühne zu bespielen.

WO! Das heißt, dass der Schaffungsprozess auch nicht so schwierig war wie bei Ihrem Roman „Evangelion“? Ich habe gelesen, dass die Erfahrung sehr aufwühlend war und sie schlaflose Nächte gehabt hätten. Raubten Ihnen die Nibelungen dennoch den Schlaf?
Zaimoglu: Doch schon. Das eine ist, den Auftrag mit Freude anzunehmen, das andere ist, das Ringen um die Worte. Schreiben ist ja schon ein einsames Geschäft. Man muss erstmal in die Geschichte hineinfinden und das geht nicht innerhalb weniger Tage, was übrigens für uns beide gilt. Hier war der Auftrag, die Geschichte fortzuschreiben.

WO! Das war bereits die Vorgabe der Festspiele?
Zaimoglu: Das ergab sich in den Vorgesprächen. Bei der Entwicklung der Geschichte ist es dann schon so, dass man leiden muss. Ich weiß, das klingt dramatisch. Das ist so gemeint, dass wir als Schreiber uns anverwandeln müssen, auch in die Figuren. Nicht nur in die Männerrollen, sondern in das ganze Spektrum. Die Geschichte fortschreiben, hieß für uns auch, erstmal zu klären, wer zuvor verschieden und wer im wahrsten Sinne des Wortes übriggeblieben ist?

WO! Leben Sie während dieses Schreibprozesses auch in dieser Welt?
Zaimoglu: Ja, ich würde es aber mehr als eine Art Entrückung beschreiben. Man taucht ein in diese Welt. Sie müssen sich vorstellen, dass ich viele Tage mit glasigen Augen da saß, kurz zur Bäckerei ging, schnell gefrühstückt habe und anschließend weiterschrieb. Jeder von uns kam sich vor wie ein flagranter Geist zwischen zwei Welten. Das Schreiben an sich ist eine Mischung aus Vernunft und Rausch. Es bedarf tatsächlich eines mehrwöchigen Angangs, sich in der Welt, in die man eintaucht, wiederzufinden.

WO! Was war das zentrale Thema an dem Nibelungenstoff, das Sie reizte, in diese Welt einzutauchen?
Senkel: Es waren vor allem die Charaktere. Wenn man ihnen ihre Funktion wegnimmt, dann sind sie Menschen, die ihrer Zeit und ihrem Gefühlsleben verhaftet sind. Das ist ähnlich wie bei Shakespeares Königsdramen. Weil alle Figuren so grandios sind und einfach glaubhaft sind. Man möchte ihnen am liebsten zurufen, nein, tu das nicht, aber sie tun trotzdem bestimmte Dinge. So ist das auch bei den Nibelungen. Man denkt sich, mein Gott Kriemhild, warum nähst Du jetzt das Lindenblatt auf das Hemd von Siegfried? Sie tut es ja, weil sie Hagen vertraut. Das sind Dinge, die einfach richtig menschlich sind. Es ist ein klassisches Stück, ein Königsdrama, aber sie verhalten sich so menschlich, wie wir uns heute auch verhalten. Und das ist toll, wenn man sich das anschauen kann und sogar weitererzählen kann. Die Frage war für uns nun: „Was werden die überlebenden Figuren tun, wenn sie aufeinander treffen?“

WO! Fühlte es sich für Sie befreiend an, sich vom Korsett des Nibelungenliedes entledigen zu können?
Zaimoglu: Ja, schon, aber es gibt eine der Geschichte innewohnende Logik. Man kann natürlich herumspinnen und die Figuren entkoppeln wollen, aber da weiß ich nicht, ob das so gut ist. Es ist ja eine gleichnishafte Geschichte. Jeder ist frei, den Bezug zu heutigen Verhältnissen herzustellen. Uns war es sehr wichtig, diese Freiheit nicht zu missbrauchen, in dem wir eine völlig verrückte Geschichte den Menschen vorsetzen. Die Herausforderung war für uns, die Geschichte im Sinne des Nibelungenliedes so anständig wie möglich zu erzählen, so dass sie der Zuschauer gerne mit nach Hause trägt.

WO! Dann sind wir mal sehr gespannt auf die Geschichte, die Sie vor dem Dom erzählen werden. Wir danken Ihnen für das Gespräch.