Ein Mann – kein Wort

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Eine Wormser Provinzposse um den Besuch eines Weltstars

Als die Macher des Backfischfestblogs – um ihren kreativen Kopf Peter Englert – im Jahr 2016 die Geschichte um die „Terence-Hill-Brücke“ ersannen, entwickelte sich die Satireaktion binnen kürzester Zeit zu einem medialen Renner. Der Rest ist hinlänglich bekannt. Worms stand dank dieser kostenlosen Promotion für einige Zeit im Fokus der Öffentlichkeit, im Volksmund hat die „Karl-Kübel-Brücke“ längst einen neuen Namen erhalten, aber vom Prinzip war die damals lustige Geschichte damit auserzählt.

Bis sich Oberbürgermeister Kissel im Zuge der anstehenden Deutschland-Tour des Hollywoodstars daran zurückerinnerte und das Management von Terence Hill kontaktierte, um es zu überzeugen, neben München, Berlin oder Dresden, auch Worms in den Tourplan mit aufzunehmen. Kissels Plan: Im Wormatia Stadion soll Open Air Kino mit 4.000 Besuchern stattfinden, bei dem Terence Hill seinen neuen Film „Mein Name ist Somebody“ persönlich vorstellt. Anschließend sollte der Namensgeber zur Backfischfesteröffnung „seine Brücke“ einweihen, um dann gemeinsam mit dem OB und Initiator Peter Englert über den Festplatz zu laufen. Um Hills Manager zu überzeugen, schickte Kissel ihm Filmmaterial von Englerts Backfischfestblog, der bereits vor zwei Jahren die inoffizielle Brückeneinweihung mit Hunderten Wormsern gefeiert hatte. Tatsächlich funktionierte Kissels Überzeugungsarbeit und das Management von Terence Hill sagte zu, dass der Weltstar am 24.08. auch Worms einen Besuch abstatten würde. Anschließend setzte Kissel die KVG zur Planung des Events in Bewegung und organisierte ein paar Sponsoren, um die Kosten dieser öffentlichkeitswirksamen Aktion abdecken zu können. Soweit so gut.

Eine Idee, die dem Wahlkampf geschuldet war?
Man könnte an dieser Stelle sicherlich fragen, ob Kissel auch auf die Idee gekommen wäre, das Thema „Terence-Hill-Brücke“ zwei Jahre später noch einmal hoch zu kochen, wenn nicht am 4.11. die OB-Wahl anstehen würde. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass sich unser OB gerne als jemand inszeniert, der der Stadt viel Aufmerksamkeit beschert, die allerdings zumeist auch sehr viel Geld kostet. Im Wahljahr sollte erst die Landesgartenschau nach Worms kommen, letztendlich wurde es der Rheinland-Pfalz-Tag, der sich zum größten in der Geschichte des Landes entwickelte und mit mindestens einer Million Euro Defizit abschließen wird. Dazu kommen die Nibelungen Festspiele, Jazz & Joy und andere Festivitäten. Nicht umsonst wird Kissel von seinen Befürwortern gerne als „Macher“ gelobt, der viel bewegt habe in der Stadt. Derweil werfen ihm seine Kritiker vor, allzu leichtfertig mit Steuergeldern umzugehen.

Kissels wahre Intention?
An dieser Stelle sei noch einmal daran erinnert, dass Peter Englert mit seiner Satireaktion, der scherzhaften Umbenennung der Karl-Kübel-Brücke, Kissel selbst den Spiegel vorhalten wollte, weil dieser zuvor ein Versprechen gebrochen hatte. Anfangs war Kissel überhaupt nicht begeistert von der Aktion und blieb seinerzeit auch der von Englert initiierten Brückeneinweihung fern. Wie der OB nun in der Pressekonferenz, in der die Sensationsmeldung verkündet wurde, offen bekannte, habe er sich quasi nachträglich von der Wirkung dieser Marketingaktion überzeugen lassen. Über die wahren Hintergründe von Kissels Kehrtwende kann man aber nur spekulieren. Allzu offensichtlich wäre, dass er mit seinem Terence-Hill-Coup die jungen Leute um den bestens vernetzten Künstler Peter Englert als Wähler gewinnen wollte, denn in den Sozialen Netzwerken wurden Kissels Entscheidungen von den überwiegend jüngeren Usern zumeist kritisch kommentiert. Oder wollte Kissel damit sogar Englert selbst einfangen? Schließlich hält sich seit Monaten hartnäckig das Gerücht, dass Peter Englert als unabhängiger Kandidat bei der OB-Wahl antreten wolle.

Die Sensation wird verkündet
Als Kissel höchstpersönlich am 5. Juni verkündete, dass Terence Hill nach Worms kommen wird, schlug die Nachricht ein wie eine Bombe und verbreitete sich wie ein Lauffeuer in den Sozialen Medien. Zudem hatte der mittlerweile 79-Jährige Mario Girotti, so sein bürgerlicher Name, eine Videogrußbotschaft angefertigt, in der er auf Deutsch fragt:

„Ist das wahr, dass ihr einer Brücke
meinen Namen geben wollt? Ist das möglich?
Wenn ja, ich komme gerne…“

Knapp eine Stunde nach der Pressekonferenz verschickte die Stadt Worms eine offizielle Pressemitteilung, die für etwas Verwirrung sorgte, tauchte doch darin erstmals auf, dass die Brücke zukünftig einen Doppelnamen erhalten solle:

Terence Hill kommt nach Worms – und er wird „seine“ Brücke nochmals höchstpersönlich taufen…()…„Für mich war damit sofort klar, dass Terence Hill unbedingt ins Rahmenprogramm des Backfischfestes gehört – denn schließlich ist im Zuge unseres großen Weinfestes auch die Brückenbenennung entstanden“, so OB Kissel. Aber, so Kissel, wichtig sei ihm dennoch, dass die Brücke nicht gänzlich umbenannt werde. „Denn auch Karl Kübel war eine herausragende Persönlichkeit unserer Stadt, der wir viel verdanken“, betont der Oberbürgermeister…().. „Die Brücke wird deshalb quasi einen Doppelnamen erhalten, sofern die Gremien zustimmen. Sie wird künftig Karl-Kübel-Terence-Hill-Brücke heißen“, erklärt OB Kissel. Und zwar dann ganz offiziell!

Der Schuss geht nach hinten los
Im Laufe des Tages stürzten sich nahezu alle großen Blätter auf die Meldung, dass der Weltstar nach Worms kommt, um eine nach ihm benannte Brücke einzuweihen. DER SPIEGEL, DIE WELT, DIE ZEIT, Bild, FFH, SWR, ZDF, RTL, SAT 1, VOX – alle berichteten sie über den genialen Marketingcoup der Stadt, vergaßen dabei aber nicht zu erwähnen, dass es der Wormser Künstler Peter Englert war, der den Stein ins Rollen brachte. Zwar titelte die Wormser Zeitung pflichtbewusst: „Terence Hill kommt zum Backfischfest nach Worms: Mit OB Kissel gemeinsam über die Brücke.“ Gleichwohl wussten die meisten Kommentare bei Facebook, wem eigentlich die Lorbeeren zustehen. Der Top-Kommentar mit den meisten Likes stammte von Sandra Conradt: „Der müsste eigentlich mit Peter Englert über die Brücke, nicht mit Kissel!“ Dass die Leute bei Facebook und selbst die überregionalen Medien in erster Linie Peter Englert gefeiert haben, muss den OB ziemlich gefuchst haben. Kissel ist zwar jemand, der Spaß versteht, aber es nicht gerne sieht, wenn ihm jemand die Show stiehlt. Aber es sollte noch dicker kommen. Auch aus dem Stadtrat regte sich Widerstand gegen Kissels Antrag, der Brücke zukünftig den Doppelnamen „Karl-Kübel-Terence-Hill-Brücke“ geben zu wollen. Von der CDU, den Grünen, vom FWG Bürgerforum, auch die Familie Kübel schien nicht begeistert von Kissels Vorschlag zu sein. Selbst die sonst eher Kissel-freundliche Wormser Zeitung ließ sich zu einem kritischen Kommentar hinreißen. Tatsächlich war auf der Pressekonferenz kein Wort zu hören von einer Umbenennung. Danach hat Kissel jedoch das gemacht, wofür er immer wieder während seiner Amtszeit kritisiert wurde. Er handelte eigenmächtig und wollte den Stadtrat mit seinem Vorschlag überrumpeln. Sehr oft ist ihm dies gelungen, nur diesmal eben nicht. denn auch für die anderen Parteien gilt nun mal: Es ist Wahlkampf.

Kissel rudert zurück
Von daher musste Kissel zwei Tage später wieder zurückrudern und verkünden, dass nun doch keine Brückenumbenennung stattfinden wird. Kaum machte die Nachricht bei Facebook die Runde, setzte auch schon der zu erwartende Shitstorm ein. Allgemeiner Tenor war, dass dies eine peinliche Nummer für Worms sei, nachdem die Nachricht „Terence Hill weiht seine Brücke in Worms ein“ sogar in der internationalen Presse Anklang fand. Im Kreuzfeuer der Kritik: Ein OB, der nicht zu seinem Wort steht.

Schließlich meldete sich das gescholtene Stadtoberhaupt selbst zu Wort und veröffentlichte eine Entschuldigung unter dem entsprechenden Artikel der Wormser Zeitung bei Facebook:

„Hallo zusammen, ich will mich für mein unüberlegtes Vorgehen und die notwendige Korrektur meines spontanen Vorstoßes entschuldigen: Bei den Fans von Terence Hill und Peter Englert, die jetzt enttäuscht und verärgert sind. Bei der Familie von Karl Kübel, die sich brüskiert fühlen musste. Beim Stadtrat, dem alleine das Recht auf solche Entscheidungen zusteht. In der Begeisterung über die Zusage von Terence Hill habe ich mir nicht die nötige Zeit genommen, alles in der erforderlichen Sorgfalt zu bedenken. Das war ein Fehler, der mir leid tut. Das Management von Terence Hill hat Verständnis und wir sollten uns trotz allem jetzt gemeinsam auf den Besuch von Terence in Worms und auf seinen Auftritt beim Open Air Kino freuen.“

Nicht ganz die Wahrheit
Wer sich entschuldigt und einen Fehler eingesteht, macht sich weniger angreifbar. Das weiß natürlich auch unser Oberbürgermeister. Allerdings nimmt es Kissel hierbei nicht so genau mit der Wahrheit. Kissels Alleingang war weder ein „spontaner Vorstoß“, noch hat er sich „in der Begeisterung über die Zusage von Terence Hill nicht die nötige Zeit genommen, alles in der erforderlichen Sorgfalt zu bedenken“. Denn Kissel hatte Peter Englert schon am 4. Mai telefonisch darüber informiert, dass Terence Hill nach Worms kommen wird. In diesem Telefonat kündigte Kissel bereits an, dass die Brücke den Doppelnamen „Karl-Kübel-Terence-Hill-Brücke“ erhalten solle. Kissel wörtlich: „Ich habe hierfür keinen Stadtratsbeschluss. Lassen Sie mich bloß nicht hängen!“ Unser Oberbürgermeister hätte also locker vier Wochen Zeit gehabt, um Mitglieder des Stadtrates in seinen Plan einzuweihen und sich zumindest eine Stimmungslage einzuholen, ob sein Antrag überhaupt Aussicht auf Erfolg hätte. Aber dann wäre natürlich der Überraschungseffekt weg gewesen. Diesen Glanz wollte der OB mit niemandem teilen. stattdessen muss er nun in Kauf nehmen, dass das Presseecho auf seinen Rückzieher entsprechend ausfällt.

Provinzposse
Einen Weltstar unter falschen Voraussetzungen nach Worms einzuladen, ist das eine. danach die groß angekündigte Brückeneinweihung wieder abblasen, aber keine Lösung für das angerichtete mediale Desaster anbieten, ist das andere. Englert unterbreitete einen Tag später via Facebook noch den Vorschlag zur Güte, wenigstens den Hügel neben der Karl-Kübel-Brücke in „Terence Hill Hill“ oder einfach „Terence‘ Hill“ umzubenennen. Kissel kündigte eine Prüfung des Vorschlags an, ließ aber kurz danach verlauten, dass es überhaupt keine Einweihung gebe. Vermutlich wollte er sich nicht noch einmal von Englert vorführen lassen, der erneut eine kreative Lösung zu bieten hatte. Fast vier Wochen später wollen die beiden Hauptprotagonisten, Kissel und Englert, am liebsten gar nichts mehr von der Geschichte hören. Terence Hill kommt zwar nach Worms, um seinen neuen Film vorzustellen. aber es gibt kein Brückenfest, keine Brückeneinweihung und erst recht keine Umbenennung. Der Besuch des Kindheitsidols vieler Wormser hätte wirklich etwas ganz Besonderes werden können. Stattdessen hat ein OB im Wahlkampfmodus daraus eine peinliche Provinzposse gemacht. Die Geschichte um die Terence-Hill-Brücke begann mit einem gebrochenen Versprechen – und sie endet auch damit.


HINWEIS:

Am 24. August 2018 steht ein Kinoabend der besonderen Art an. Der Wormser Kinobetreiber Patrick Mais wird gemeinsam mit der Kultur und Veranstaltungs GmbH ein Open-Air-Kino auf die Beine stellen. auf dem Trainingsgelände des VfR Wormatia können alle Terence-Hill-Fans im Beisein des berühmten Schauspielers seinen neuen Film „Mein Name ist Somebody – Zwei Fäuste kehren zurück“ erleben. Terence Hill schrieb dazu selbst das Drehbuch, führte Regie und spielt natürlich auch die Hauptrolle.

Karten für diesen speziellen Freiluft-Kinoabend gibt es für 9.- Euro in der Kinowelt Worms.