„Ein Stück, das hilft, unsere Welt zu verstehen!“

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WO! im Gespräch mit Mehmet Kurtulus

Geboren ist er zwar in der Türkei im Jahr 1972, doch aufgewachsen ist er im niedersächsischen Salzgitter. 10 Sekunden waren es schließlich, die sein Leben veränderten. So lange dauerte sein Auftritt in einer Folge der Krimiserie „Adelheid und ihre Mörder“. Hauptdarstellerin Evelyn Hamann war überzeugt von seinem Talent und empfahl ihn für ein Bühnenstück, das in Hamburg und Berlin aufgeführt wurde. Sein Durchbruch gelang ihm unter der Regie von Fatih Akin, mit dem er bisher vier Filme drehte. International sorgte er mit der Action-Komödie „Big Game“(USA 2014) für Aufmerksamkeit. Dort spielte er an der Seite von Samuel L. Jackson einen Terroristen. Im Stück „Glut“ ist er in der Rolle eines mächtigen Scheichs zu sehen. WO! sprach mit dem beliebten Schauspieler über seine Rolle, die wahre Bedeutung des Djihad und seine Leidenschaft für Sport.

WO! Hallo Herr Kurtulus, erst einmal möchte ich Sie in Worms willkommen heißen.
Danke schön. Ich bin gestern mit dem Auto nach Worms angereist. Gleich nach der Nibelungenstube begegneten mir die Hagenstraße und schließlich die Kriemhildenstraße. Da habe ich schon festgestellt, dass die Nibelungen in Worms sehr präsent sind (lacht).

WO! Sie spielen in diesem Jahr Scheich Omar, eine Figur, die an König Etzel angelehnt ist. Können Sie uns über diese Rolle etwas erzählen?
Scheich Omar ist – wie alle Figuren im Stück – das Äquivalent zu einer anderen, teilweise historischen Figur. Es ist, wie im Nibelungenlied beschrieben, die Figur des König Etzel. Ein mächtiger Mann eines Wüstenstaates, der alle Stämme unter sich vereint und dessen Worte wie ein Feuer durch die Wüste laufen können. Er ist die Zielperson aller politischen und wirtschaftlichen Interessen im Raum. Albert Ostermaier hat ein tolles Stück geschrieben, das auf einer wahren Begebenheit beruht und mit brisanten aktuellen Momenten aufwartet.

WO! Albert Ostermaier hat ja angekündigt, eine Brücke von der Vergangenheit zur Gegenwart zu schlagen. Ist für Sie diese Brücke erkennbar?
Alle Figuren im Stück sind emotional und geschichtlich verortet. Dies öffnet dem Zuschauer die Tür sowohl zum Nibelungenlied, der Geschichte 1915 um die Klein-Expedition und dem aktuellen wirtschaftspolitischen Zustand unserer Welt.

WO! Das heißt, Sie haben auch die historischen Umstände im Vorfeld recherchiert?
Das gehört zu unserer Schauspielarbeit im Vorfeld, den zeitlichen, gesellschaftlichen und politischen Kontext eines Textes zu beleuchten, um ihn anschließend richtig interpretieren zu können. Diese Phase ist eine wertvolle Zeit, in der man auch gleichzeitig sein privates Wissen bereichern kann. Wie findet man in so einen Charakter hinein? Aufschluss gibt natürlich erst einmal der Text. Ich schaue, was er sagt, wie er spricht, wie ist seine Wortwahl? Wie spricht man über ihn etc. Anschließend kommt die Zusammenarbeit mit dem Regisseur. Im Theater entwickeln wir den Charakter bei den Proben – beim Film mit dem Einschalten der Kamera.

WO! Was fasziniert Sie eigentlich an einem derartig negativ, pessimistischen Stoff?
Unser Autor hat in der Geschichte die grundlegenden Gefühle und Absichten der Menschen beschrieben. Außerdem gilt das originale Nibelungenlied als sowas wie der erste Thriller jener Tage. An dem Stück fasziniert mich die Möglichkeit, die Dinge im Hier und Jetzt zu reflektieren. Wenn wir den Fernseher anschalten, sehen wir im Moment immer wieder Bilder von den Unruhen im Nahen Osten. Das Stück hilft zu verstehen, wo die Ursprünge dieser Konflikte womöglich liegen.

WO! Es drängt sich allerdings der Eindruck auf, dass die Welt aus den Ereignissen vor fast genau 100 Jahren nichts gelernt hat…
Das mag ein Grund sein, weshalb solche Stücke gespielt werden. Ein Klassiker sollte nicht museal behandelt werden, sondern zeitgeistig inszeniert werden. Dann ist es etwas Großartiges, wenn es hilft, unsere heutige Welt ein Stück mehr zu verstehen.

WO! Was hat der Film „Big Game“ erklärt?
„Big Game“ ist erst einmal rasantes Popkornkino im Sinne des Films „Goonies“ (Kinderabenteuerfilm aus dem Jahre 1985, Anm. der Red.). Aber sogar dort gibt es am Ende nochmal einen Satz, der eine andere Ebene hineinbringt. Samuel L. Jackson, der den amerikanischen Präsidenten spielt, fragt meine Figur, was für ein Terrorist er sei? Er antworte ihm: „I’m actually on your side.“ („Wir haben den gleichen Arbeitgeber, Mr. President“). Komisch nicht?

WO! Allerdings. Der Satz verweist ja auf den wahren Arbeitgeber des vermeintlichen Terroristen. Wie findet man sich in die Rolle eines Terroristen ein?
Grundsätzlich ist es ein Mensch. Das macht den Zugang schon mal leichter. Christoph Waltz‘ Darstellung eines Nazis in „Inglorious Basterds“ ist ein klasse Beispiel. Er hatte die Rolle ganz anders gespielt, als viele zuvor. Waltz hat einen Menschen gespielt – der auch Nazi war. Das war meiner Meinung nach das Geheimnis seines Erfolgs, was uns und die Oscar-Akademie begeistert hat.

WO! Eignet sich das Thema Terrorismus für Popcorn Unterhaltung?
Sie kennen sicher „Leg dich nicht mit Zohan an“ (amerikanische Komödie mit Adam Sandler, Anm. der Red.). Diese Frage würde Adam Sandler womöglich mit „Kunst kennt keine Grenzen“ beantworten. Wiederum in „Glut“ wird etwas Grundsätzliches nicht verpackt, sondern verhandelt, nämlich die Entstehung des Djihad. Das heißt „der Kampf gegen das eigene Ego“, was die wahre Bedeutung ist, aber damals wie heute leider in einem falschen Kontext gebraucht wird.

WO! Im Koran selbst wird das Thema nur punktuell erwähnt und bietet zudem einen großen Interpretationsspielraum.
Es geht um Selbstdisziplin, um ein besserer Mensch zu werden und sehen Sie, was daraus geworden ist. Das Stück beschreibt die Expedition Klein und dessen Absicht, die Worte des deutschen Kaisers in die islamische Welt zu tragen. Ein reichhaltiges Stück, für ein aufmerksames Publikum.

WO! Wobei die Kunst von Film und Theater auch ist, nicht alles zu erklären.
Es ist die Kunst des Weglassens. Es ist unsere Aufgabe, beim Zuschauer Emotionen zu wecken, ihn mitzunehmen, sodass er dem Stück folgen kann. Einen Teil bringt er aber am Theaterabend selbst mit.

WO! Ich habe gelesen, dass Sie gerne Joggen. Haben Sie vor, auch während Ihrer Zeit in Worms zu joggen?
Ich möchte gerne Sport treiben. Joggen und Schwimmen gehen. Ich muss auch körperlich fit sein, wenn wir in der Gluthitze der Wüste spielen wollen. Zum Thema Joggen. Vielleicht haben Sie ja einen Tipp, wo?

WO! Unbedingt. Ich kann Ihnen sehr den Wormser Stadtpark empfehlen, dort gibt es sehr schöne Strecken, unter anderem am Rhein entlang.

Herr Kurtulus, wir danken Ihnen für das Gespräch!