„Irgendwie verfolgen mich die Nibelungen“

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WO! im Gespräch mit Ursula Strauss (Brünhild bei den Nibelungen-Festspielen 2018)

Ursula Strauss studierte Schauspiel am Wiener Volkstheater. Der Durchbruch im deutschsprachigen Raum gelang ihr mit den Kinofilmen „Böse Zellen“(2003) von Barbara Albert und dem Oscar nominierten „Revanche“ (2008) von Götz Spielmann. Zahlreiche Auszeichnungen, wie der Romy, Österreichs wichtigster Filmpreis, unterstreichen ihre Gabe, ihren Charakteren feinfühlig zu begegnen. Zum Publikumsliebling wurde Ursula Strauss durch ihre Hauptrolle in der erfolgreichen Serie „Schnell ermittelt“. Mit dem in der ARD ausgestrahlten Vierteiler „Mörderisches Tal – Pregau“ feierte sie 2016 einen großen Erfolg. Ursula Strauss ist seit 2013 die Präsidentin der Akademie des Österreichischen Films. Seit ihrem Studium kehrt sie, trotz zahlreicher Kino- und Fernsehrollen, immer wieder zum Theater zurück. In der diesjährigen Festspielinszenierung „Siegfrieds Erben“ spielt sie an der Nordseite des Wormser Doms die Rolle der Brünhild. Am Rande des Probestarts sprachen wir mit der sympathischen Schauspielerin über die Herausforderungen, einer tragischen Figur wie Brünhild Leben einzuhauchen.

WO! Hatten Sie vor den Nibelungen-Festspielen einen Bezug zu den Nibelungen?
Ich lebe zwar in Wien, bin aber in Pöchlarn aufgewachsen, und Pöchlarn ist auch eine Nibelungenstadt. Rüdiger von Bechelaren kommt von dort, weswegen mir die Nibelungensage und Worms schon immer ein Begriff waren. Dort gibt es auch ein Nibelungendenkmal und es gab auch Nibelungen-Festspiele.

WO! Bei den Festspielen in Worms waren Sie wiederum nie zu Gast?
Ich habe im Sommer immer gearbeitet. In Melk (Verwaltungsbezirk in Niederösterreich, Anm. der Red.) kuratiere ich seit 2012 während des Herbsts das Kulturfestival „Wachau in Echtzeit“ oder habe gedreht.

WO! Was gab für Sie den Ausschlag, bei den Festspielen in Worms mitspielen zu wollen?
Irgendwie verfolgen mich die Nibelungen. Mit 12 Jahren habe ich das erste Mal Kriemhild gespielt. Bei den Festspielen in Melk habe ich sie ebenfalls in „Hebbels Nibelungen“ sein dürfen. In Kiel übernahm ich eine der Hauptrollen in „Die lustigen Nibelungen“, ein burleske Operette von Oscar Straus und jetzt kam die Anfrage von Roger Vontobel, in Worms die Brünhilde zu spielen. Im ersten Moment dachte ich, dass das schon ein ulkiger Zufall ist. Dann hab ich mich darüber gefreut, mich mit einer anderen Figur der Nibelungensage intensiver auseinanderzusetzen.

WO! Das gibt es tatsächlich nicht oft, dass wir in Worms eine Darstellerin haben, die bereits so viele Nibelungen-Erfahrungen sammeln konnte! Jetzt können Sie endlich auch die Brünhild spielen. Wie nähert man sich einer Figur, wie die der Brünhild?
Ich habe mich erst mal sehr intensiv mit dem Text, den die beiden Autoren Zaimoglu und Senkel geschrieben haben, befasst. Um mir die Vorgeschichte der Nibelungen nochmal zu vergegenwärtigen, habe ich erneut Hebbels Nibelungen gelesen. Ab dem Moment, in dem man sich intensiv in Gedanken mit diesem Charakter beschäftigt, beginnt in mir auch die Figur der Brünhild sozusagen zu schwingen. Insofern freue ich mich auf den Probenbeginn. Dann kann ich alle Bilder und Gedanken endlich umsetzen, die ich mir zur Figur gemacht habe, und ich freue mich auf die Kollegen und auf die Arbeit. Es ist schließlich auch wichtig für die Figur, die Energie zwischen den Kollegen bzw. den Charakteren, die sie spielen, zu spüren.

WO! Suchen Sie als Schauspielerin auch nach Anteilen in den Figuren, die mit Ihnen übereinstimmen?
Ich würde sagen, die Figuren suchen diese Anteile. Ich stelle mich als Schauspielerin schließlich diesen Figuren irgendwie zu Verfügung (lacht).

WO! Im Nibelungenlied verschwindet Brünhild im Grunde einfach aus dem Text. In dem Stück „Siegfrieds Erben“ haben sich die Autoren dafür entschieden, dass Brünhild am Burgunderhof geblieben ist. Warum bleibt Brünhild, nach all den Grausamkeiten, die ihr widerfahren sind, in Worms?
In dieser Fassung ist es so, dass Brünhild in Worms bleibt, da sie Siegfried über den Tod hinaus liebt und an seinem Grab verweilt. In der Mythologie ist es ja so, dass Siegfried und Brünhild füreinander bestimmt sind. Wie wir wissen, entscheidet er sich dennoch gegen sie, womit das Drama seinen Lauf nimmt. Das heißt, dass sie eigentlich um ihre Bestimmung, ihre Zukunft, ihre Liebe betrogen wurde. Und ich denke, dass sie als gefallene Göttin nirgendwo mehr hin kann.

WO! Es ist immer wieder erstaunlich, wieviel Motive in der Sage zu entdecken sind, die auch heute noch Gültigkeit besitzen. So könnte man die Nibelungensage auch als Kommentar zur aktuellen „Me-too-Debatte“ lesen.
Absolut. Brünhild ist eine betrogene Frau. Sie wurde in ihrer Hochzeitsnacht vergewaltigt und noch dazu eine, bei der man sie bewusst getäuscht hat. Man könnte das auf heute bezogen mit einer Frau vergleichen, der man KO-Tropfen in ein Getränk getan hat. Trotz all dieser Grausamkeiten ist sie in Siegfried verliebt. Er ist ihr Schicksal. Darüber kommt sie nicht weg. Letztendlich ist sie die einzige Person, die, abseits von ihrer Bestimmung, keine Schuld auf sich geladen hat.

WO! Bedient sie damit nicht auch das Klischee der Frau, die geschlagen wird und dennoch bei ihrem Mann bleibt?
Brünhild vereinigt sehr viele Frauenfiguren in sich. Einerseits ist sie eine selbstbewusste, starke Frau, andererseits ist sie auch eine gebrochene Person, die nicht aus ihrem Gefühlschaos rauskommt. Im Grunde vereint sie alle Frauen in sich und führt deren Kampf, den Kampf jeder einzelnen, den Kampf, der nicht gehört werden will, und sie führt ihn trotzdem.