Niemals geht man so ganz

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Nach vier Jahrzehnten übergibt Familie Neef an neuen Pächter

Als wir vor einigen Jahren über die Wormser Institution Toto-Lotto Neef geschrieben haben, lautete die Überschrift: „Mehr als nur ein Kiosk.“ Nach über 40 Jahren im Familienbesitz übergibt die Familie Neef Anfang Mai ihren beliebten Kiosk am Neumarkt an einen neuen Pächter. Und irgendwie passt das in eine Zeit, in der uns so viel Liebgewonnenes abhandenkommt.

Seit mehr als 40 Jahren ist der Kiosk in Familienbesitz und nach der Übernahme durch Gerhard Neef wurde diesem schnell klar, dass er alleine mit dem Verkauf von Zeitungen wirtschaftlich nicht überleben kann. Im Laufe der Jahre kamen Tabakwaren, eine Toto- Lotto-Annahmestelle und der Verkauf von Konzertkarten dazu. Da ab und zu Touristen rein schauten und sich nach Postkarten oder Kaffeetassen von der Stadt Worms erkundigten, wurde auch eine ansehnliche Sammlung an Souvenirs mit aufgenommen in dem manchmal etwas überladen wirkenden Kiosk, der aber bereits beim Betreten eine gewisse Gemütlichkeit ausstrahlt. Und weil hier so manches Schwätzchen aus dem Ruder gelaufen ist, hat man irgendwann zusätzlich Kaffee und Backwaren ins Sortiment genommen. In erster Linie aber hat Gerhard Neef in all den Jahren unter Beweis gestellt, was man erreichen kann, wenn man seine Arbeit liebt. Egal, was du tust, mach es mit Herzblut, mit Leidenschaft und nicht einfach nur, um Geld zu verdienen. Dann ist es auch egal, ob man Versicherungen, Klamotten oder eben Zeitungen verkauft. Womöglich wäre das Konzept „Kiosk“ niemals aufgegangen, wenn die vielen Stammkunden nicht gespürt hätten, dass man sich in dieser kleinen Welt für den Moment gut aufgehoben fühlt. Toto-Lotto Neef war ein Ort, an dem man mal wieder eine vertraute Stimme hören, einen Kaffee trinken und über den neuesten Tratsch in der Stadt quatschen konnte. Wer einen Kiosk betreibt, weiß mehr über die Empfindungen der Bürger einer Stadt als die meisten Politiker. Apropos Politik. Mit der Stadt haben sich die Neefs vor einigen Jahren angelegt, weil sie sich ungerecht behandelt fühlten. Nachdem sie den Rechtsstreit gewonnen hatten, herrschte Eiszeit zwischen ihnen und dem OB. Als kürzlich bekannt wurde, dass die Neefs ihren Kiosk übergeben, schrieb auch Kissel bei Facebook bewegende Worte an die „Wormser Institution Neef“. Persönlich betonte er gegenüber den Neefs noch einmal, dass er dies ehrlich gemeint habe – trotz vorheriger Differenzen. Als Kerstin das erzählt, schießen ihr – nicht zum ersten und auch nicht zum letzten Mal an diesem Tag – schon wieder Tränen in die Augen. Überhaupt, wer im April bei Neefs vorbeigeschaut hat, durfte nicht allzu nah am Wasser gebaut sein. Geradezu rührende Szenen spielten sich dort über Wochen hinweg ab. Eine ältere Dame ruft herein: „Wie lange seid ihr noch da?“ Andere umarmen gerade die Inhaber. Ein Stammkunde, der mit dem Fahrrad vorbeifährt, wirft Kerstin Neef eine Kusshand zu. „Das macht er jeden Tag, wenn er hier vorbei fährt…“ Auch solche kleinen Begegnungen, Herzlichkeiten, manchmal einfach nur ein nettes Kompliment – all das wird ihnen fehlen, das wissen die Eheleute Neef jetzt schon ganz genau. In Ihrem Abschiedsinserat schreiben sie u.a.: „Viele von Ihnen sind nicht „nur Kunden“, sondern wirklich „echte Freunde“ geworden.“

Bleibt die Frage, warum sie das alles aufgeben, obwohl sie längst noch nicht im „rentenfähigen Alter“ sind? Natürlich hatten Beide gehofft, dass eines der vier Kinder, die ihr ganzer Stolz sind, das Geschäft übernehmen würde. Aber als ihr jüngster Sohn, der seit vier Jahren im Unternehmen fest angestellt ist, kürzlich signalisiert hatte, dass er gerne mit einer neuen Idee in die Gastronomie gehen würde, habe man den Entschluss zur Übergabe gefasst. Als kleine Erinnerung an diese bereichernde Zeit wurde im Laden ein Buch ausgelegt, in dem sich Kunden verewigen können. Egal, welche Seite man auch aufschlägt, hat man zu keiner Sekunde das Gefühl, dass sich die Leute einfach nur von einem Geschäft verabschieden. Fast schon freundschaftlich, manchmal wehmütig, aber unglaublich herzlich danken viele Wormser Bürger ihren Neefs für die gemeinsame Zeit und wünschen ihnen alles Gute für die Zukunft. Im Laden steht eine Bildercollage der Familie mit Erinnerungen aus den letzten Jahrzehnten. Auf fast jedem Bild sticht das unverschämte Grinsen des Ladeninhabers heraus, der zwar vieles weglächeln kann, aber auch genauso schnell sauer werden kann, wenn ihm jemand unverschämt kommt. „Sein freches Grinsen liebe ich auch heute immer noch wie am ersten Tag“, sagt Kerstin zu ihrem Mann. „Ach, wenn ich dich nicht hätte, Kerstin“, antwortet Gerhard mit belegter Stimme und gibt seiner Kerstin einen Kuss. Und wieder fließen Tränen. Man spürt sofort, hier haben sich Zwei fürs Leben gefunden. Wenn Gerhard in Zukunft nicht mehr jeden Morgen um 5 Uhr im Laden stehen muss – und das bei einer 60-Stunden-Woche – haben sie mehr Zeit für Zweisamkeit, mal wieder einen ausgedehnten Urlaub machen oder sich einfach nur zum Grillen treffen mit Freunden, für die man in den letzten Jahren viel zu wenig Zeit hatte. Gerhard, der früher aktiver Paddler war, kann sich nun wieder vermehrt sportlichen Aktivitäten widmen. Außerdem haben sie noch ihren Verkehrsübungsplatz am Bahnübergang von Herrnsheim zur B9. Wer mag es ihnen verübeln, dass sie ihre Zeit genießen wollen, solange sie sie noch genießen können. Dem neuen Betreiber wünschen sie alles Gute für die Zukunft und hoffen, dass er das Geschäft in ihrem Sinne weiterführen wird. Für ganz viele Wormser war Toto-Lotto Neef nicht einfach nur ein Kiosk, sondern Begegnungsstätte, Zufluchtsort, liebgewonnenes Ritual am Morgen oder manchmal einfach nur ein offenes Ohr für den gerade erlebten Ärger. Vermutlich wird es noch mindestens ein Jahrzehnt andauern, dass die Wormser immer noch sagen werden: „Konzertkarten? Die kriegst du beim Neef!“ Vielleicht hat Trude Herr das gemeint, als sie einst gesungen hat: „Niemals geht man so ganz. Irgendwas von dir bleibt hier.“