„Sagen Sie mal, Herr Bims…“

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Erlebnisse eines Vorstadtschreiberlings Teil 18: WM-Splitter

Autor: Bert Bims

Es ist doch alle zwei Jahre das gleiche. Sobald ein großes Turnier ansteht, kann man sich dem Fußball-Virus einfach nicht entziehen. Kaum ist das erste Spiel gelaufen – günstigenfalls so erfolgreich wie gegen Portugal – schon wird aus Deutschland „einig Schlaaand“ und es werden zwangsläufig alle zu Narren. Fast so wie beim Fasching. Ich höre Sie deshalb schon zu Tausenden fragen: „Sagen Sie mal Herr Bims, schauen Sie denn überhaupt keine Spiele bei der WM?“

Doch. Jeden Tag sogar. Zumindest die wichtigen Spiele. So wie Honduras gegen Ecuador. Und Deutschland natürlich. Was haben wir vor der WM schwarz gemalt, nicht wenige wollten Jogi Löw schon vor dem Turnier aus dem Amt jagen oder wünschten sich die Schlagzeile: „Bundestrainer fällt für die WM aus, er hat sich beim Fönen verletzt.“ Und dann fegen Jogis Jungs Ronaldos Portugiesen mit 4:0 vom Platz. Da hat CR7 aber geheult. Der Weltfußballer des Jahres 2014 hatte seinen größten Auftritt, als er seine Freistoßrakete mitten in die deutsche Ein-Mann-Mauer, bestehend aus Philipp Lahm, gejagt hat. Das hatte Klasse. Den kleinen Philipp muss man erst mal treffen. Ganz zu schweigen von Manuel Neuers Tor, das ungefähr 30 Meter hinter Lahm stand. Nach diesem Galaauftritt zum Auftakt sind auch Jogis Kritiker etwas verstummt, aber nach dem 2:2 gegen Ghana waren sie wieder da. Kaum vorzustellen, wenn der alte Klose nicht den Ausgleich erzielt hätte. Dann wäre zum nächsten Spiel gegen die USA die Aufstellung von der BILD-Zeitung diktiert worden. Egal wie sehr man Mannschaft und Trainer vorher hochgejubelt hat. Selbst das ZDF trieb seinen Hurra-Journalismus auf die Spitze und schickte Kathrin Müller-Hohenstein zusammen mit Poldi an den Pool. Sie badeten gerade ihre Füße darin. In Geschirrspülmittel? Nein, im Pool natürlich. Das war nicht weit von einer Rosamunde Pilcher Verfilmung entfernt. Fehlte nur noch im Hintergrund „You raise me up“ von Westlife. Wie soll man denn als Journalist nach einer Niederlage kritisch mit der Mannschaft umgehen, wenn man einen Tag vorher noch zusammen gefüselt hat? Andererseits: Wer soll uns denn überhaupt noch schlagen, nachdem Spanien und Italien (!) ausgeschieden sind? Und wehe, wir werden diesmal nicht Weltmeister, dann kann der Herr Löw gleich in Brasilien bleiben. Die ersten vier Wochen nach dem WM-Aus sollte sich der feine Herr nicht in Deutschland blicken lassen, bis wir alle diesen unfassbaren Schmerz verdaut haben. Da spielt es auch keine Rolle, dass 31 andere Mannschaften das gleiche Ziel hatten. Gut, außer vielleicht den Engländern. Die waren schon froh, dass sie endlich mal von der verregneten Insel weggekommen sind. Wussten Sie eigentlich, dass die Engländer bei den letzten drei Weltmeisterschaften 17 Tore erzielt haben, Miroslav Klose im gleichen Zeitraum alleine 15. Und Wayne Rooney eins. Auch nicht schlecht. Immerhin befinden sich die Briten in prominenter Gesellschaft. Denn was die Engländer noch nie so richtig gut konnten (ohne Wembley-Tor hätten die den Titel 1966 nie geholt!), haben die Spanier offensichtlich verlernt. Gleichzeitig stellen sich Fußballexperten auf der ganzen Welt plötzlich Fragen wie: „Seit wann kann denn Costa Rica Fußball spielen? Und wird etwa Kolumbien Weltmeister?“

Ja, das kann durchaus verwirren, wenn man sich nur bei großen Turnieren für Fußball interessiert. Da taucht schon mal die Frage auf, wieso die Schiedsrichter neuerdings Sahne auf den Rasen sprühen. „Nee Mädels, das ist nur Haarschaum für Ronaldo, damit er auch während des Spiels seine Frisur in Form halten kann.“ Neulich habe ich zwei komplett in schwarz-rot-gold dekorierten Mädels beim Public Viewing erzählt, dass die Schiedsrichter sogar noch eine zweite Dose einstecken hätten. Wenn sich jemand zu heftig über eine Entscheidung des Referees moniere, könne dieser blitzschnell sein Pfefferspray hervorholen und mit einem gezielten Spritzer in Augenhöhe den reklamierenden Spieler für ein paar Minuten außer Gefecht setzen. Keine Neuerung ist es übrigens, dass die Schiedsrichter einwandfreie Tore abpfeifen, Abseits übersehen und zweifelhafte Elfmeter geben, denn das war schon bei den letzten Weltmeisterschaften so, weil es der Fußballweltverband für eine gute Idee hält, Unparteiische aus den entlegensten Käffern einzusetzen. Dass ein Schiri, der sonst in der 1. Liga von Papa-Neuguinea pfeift, Probleme mit dem Tempo bei einer Weltmeisterschaft hat, mag man ihm ja nachsehen. Aber eben nicht der Fifa. Dafür setzt die sich in Werbespots gegen „Spielmanipulationen“ ein. Immerhin. Fifa und Manipulation oder gar Korruption? Das ist wie „Italien und Mafia“ oder „die Schweiz und Berge“ – nämlich absolut naheliegend. Das größte Ärgernis bleibt aber nach wie vor, dass unsere Jungs die Nationalhymne allenfalls mitbrummeln. Während andere Teams voller Inbrunst mit schmettern, bewegen manche unserer Spieler nicht mal ihre Lippen. Wie soll sich ein Mesut Özil aber auch den Text merken können, wenn sogar Sarah Connor einst „brüh im Lichte dieses Glückes“ gesungen hat? Dann hält man halt lieber gleich seinen Mund. Oder man führt endlich das Lieblingslied im deutschen WM-Quartier als offizielle Nationalhymne ein: „Atemlos durch die Nacht“….