Sagen Sie mal, Herr Bims?

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Teil 50: Der Undercover-Einsatz

Überall nur Fastnacht im letzten Monat. Ich höre Sie deshalb schon wieder zu Tausenden fragen: „Sagen Sie mal, Herr Bims, wo haben Sie sich denn als anerkannter Wormser Society-Experte im letzten Monat rumgetrieben?“

Na, ich hab das neue „Haus am Dom“ eingeweiht. Da aber zu einem Richtfest nur Gratulanten eingeladen und hierbei kritische Stimmen verboten sind, musste ich mich Undercover zu der Veranstaltung schmuggeln, damit ich nicht vorzeitig als Querulant und Miesepeter erkannt und aus der Menge gezogen wurde. Glücklicherweise war ich nach meiner Ausbildung zum Schiffschaukelbremser auf dem Wormser Backfischfest zwei Jahre lang als Special-Agent für einen amerikanischen Geheimdienst (den Namen darf ich leider nicht nennen) zunächst in Petropawlowsk-Kamtschatski (Ferner Osten), dann in Wladikawkas (Nordkaukasus) eingesetzt, ehe ich im tiefsten Sibirien in Nowokusnezk meine Ermittlungen fortsetzen musste. Da ich mir bei einem zweimonatigen Japan-Einsatz in Hitachinaka die Landessprache aneignen konnte und mir in dieser Zeit verdammt viele Schlitzaugen begegnet sind, war es für mich ein Leichtes, mich in einen japanischen Touristen zu verwandeln – originalgetreu inklusive einer Kamera um den Hals. Um den Altersdurchschnitt bei dem Richtfest nicht unnötig nach unten zu treiben, hatte ich mich zusätzlich als Greis verkleidet und mir vorher bei einem Sanitätshaus einen Rolllator ausgeliehen. Was als zusätzliche Tarnung gedacht war, entpuppte sich jedoch bei der Besichtigung der Baustelle als beschwerliche Sache, wenn man die Dinger nicht gewohnt ist. Aber welche Alternative hätte ich sonst gehabt? Die einzigen Gratulanten unter 70 Jahren waren Oberbürgermeister Kissel und der Chor irgendwelcher Gemeindekinder. Nicht nur, dass ich mit meiner rauchigen Stimme inmitten all der Mädchen und Knaben hätte auffallen können, war mir die Tarnung als Chorknabe in doppelter Hinsicht zu gewagt. Spätestens, als ich die dunklen und etwas grusligen Kellerräume besichtigen durfte, die ungefähr so verschachtelt wie in dem Film „Hostel“ waren. Horrorfilmfans wissen, was ich meine. Ansonsten kann man über den Bau nicht meckern, bei dem sicher mehr geklotzt als gekleckert wurde. Leider konnte jedoch der kulinarische Anspruch den hochgesteckten Erwartungen eines Society-Reporters nicht standhalten, gab es doch beim Richtfest nur Käsestangen und Aufbackbrötchen. Ohne Wurst. Gut, über die fehlende Wurst konnte ich mich als japanischer Tourist natürlich nicht beschweren, aber auch meine „Nix Sushi?“ Fragen verhallten ungehört. Meines Erachtens wird da einfach am völlig falschen Ende gespart. Man nehme sich ein Beispiel an den Nibelungen-Festspielen. Da werden auch jedes Jahr Millionen verpulvert, aber da gibt es nach der Premiere wenigstens rosa gebratenen Rehrücken unter der Preiselbeerkruste an Balsamicojus, dazu geschmortes Apfelrotkraut und Herzoginkartoffeln. Selbst bei einer schnöden Pressekonferenz zu den Nibelungen-Festspielen stellen sich die Mädchen von der KVG morgens um halb sechs in ihre fünf Quadratmeter große Küche und schmieren Stullen für die Journalisten. Wohlgemerkt mit Wurst und Käse. Ich gehe davon aus, meine lieben kultivierten Leser/innen, dass auch Sie den Unterschied zu Aufbackbrötchen erkennen.

DER HÖHEPUNKT: DAS SPITZDACH
Trotzdem dachte ich beim Betreten des zweiten Stockwerks: Da lässt aber jemand ordentlich die Glocken läuten – im übertragenen Sinne. Wie das imposante Spitzdach da so meterweit in den Himmel ragte, dachte ich zunächst, man wolle hier einen Giraffenkäfig rein machen. Die Deckenhöhe würde vor diesem Hintergrund durchaus Sinn machen, damit die possierlichen Tierchen auch noch 3–4 Meter Platz bis zum Dach haben, wenn sie mal etwas schneller durch ihr Zimmerchen galoppieren. Oder wenn ihnen langweilig ist, können Sie ein bisschen aus dem Fenster schauen, direkt auf das wunderschöne Panoramafenster des Kaiserdoms, das jetzt für den gemeinen Wormser nicht mehr zu sehen ist. „Wohl dem, der eine Giraffe ist!“ schoss mir gerade durch den Kopf, als eine ältere Dame neben mir bewusst lautstark zum Besten gab: „Das ist genau die richtige Größe für unser Gemeindehaus!“ Klar, eine stetig wachsende Gemeinde muss an die Zukunft denken und entsprechend üppig bauen. Schließlich hat die katholische Kirche massenhaft Zulauf und täglich neue Mitglieder, seit Martin Schulz…. ach nee, das war ja die SPD. Um aber auf die lautstarke Dame zurückzukommen. Diese hatte wohl meine zusammengekniffenen Augen, die ich als Japaner nun mal simulieren musste, als Missmut über die Höhe der Decke gedeutet. Als sie mir gegenüber auch noch nachschob: „Das können Sie mir ruhig glauben!“, musste ich mich beherrschen, damit mein Undercover-Einsatz nicht auffliegt. Normalerweise will ich mit Zeitgenossen, die in solchen Fällen nicht reflexartig „Einen Scheißdreck muss ich glauben!“ dagegen halten, wahrhaftig nichts zu tun haben. Aus meiner Agentenzeit in Russland hatte ich jedoch gelernt, auch in Extremsituationen wie diesen vollkommen ruhig, nüchtern und sachlich zu bleiben. Getreu meiner Tarnung als Japaner antwortete ich ihr: ああ、ゴジラのため (Ā, Gojira no tame) – was auf Deutsch so viel bedeutet wie: „Ah, für Godzilla.“ Wenn das japanische Filmmonster mal zu Besuch nach Worms kommt, könnte man es ja bequem im Haus am Dom unterstellen. Genug Dach ist schließlich da. Oder wenn man mal ein paar Dinosaurier ausstellen will. Nein, nicht Kissel und Kosubek. Ausgestopfte Dinos natürlich. Weitere Vorschläge können Sie übrigens direkt an mich senden:

Ihr Bert Bims