Schule als gemeinsamer Ort der Integration

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WO! besucht die Flüchtlingsklasse im DRK Berufsbildungswerk

Als im vergangenen Jahr rund 1,2 Millionen Flüchtlinge in Deutschland Schutz suchten, war allen Beteiligten klar, dass das oberste Ziel eine bestmögliche Integration sein wird. Grundvoraussetzung, um sich in einem Land erfolgreich einzuleben, ist unweigerlich das Erlernen der Sprache. Eine wichtige Säule ist in diesem Zusammenhang die Volkshochschule oder karitative Träger wie die Caritas oder das DRK. Der Flüchtlingsklasse im DRK-Berufsbildungswerk stattete WO! Mitte Mai einen Besuch ab.

Als es im letzten Jahr darum ging, schulpflichtigen Kindern die Möglichkeit zu geben, in einem geordneten Schulunterricht Deutsch zu lernen, fragte die Stadt Worms auch beim DRK Berufsbildungswerk nach. Eine durchaus naheliegende Anfrage, kann das Berufsbildungswerk durch seine Arbeit mit Jugendlichen, die auch die unterschiedlichsten sprachlichen Schwierigkeiten haben, auf langjährige Erfahrung zurückgreifen. Nach den Herbstferien startete schließlich die erste Klasse, belegt durch 22 Schüler mit 20 Stunden reiner Sprachförderung, unterrichtet von den beiden Deutschlehrern Ursula Gries und Joachim Ohl. Ziel ist es, den jungen Menschen nach den Sommerferien einen Übergang in eine Regelschule zu erlauben. Schon die Klassenzusammensetzung ist im Grunde eine Form von Integration, versammelt sie doch die unterschiedlichsten Nationen in einem Raum. Nicht weniger als sieben Nationen, darunter Syrien, Afghanistan, Somalia, Eritrea, Mazedonien und Bulgarien lernen hier nicht nur Sprache, sondern auch Umgangsformen, was schon mit der morgendlichen Begrüßung beginnt. Die Freude am Unterricht und am Lernen ist den meisten bei Unterrichtsbeginn anzumerken. Nicht wenige hatten in den Monaten, bevor sie nach Deutschland kamen, in ihrer Heimat nicht mehr die Möglichkeit, eine Schule zu besuchen. Manche, wie der 17-jährige Shirula aus Somalia oder der 16-jährige Ali aus Afghanistan, hatten bis zu diesem Zeitpunkt gar keine Chance, überhaupt eine Schule zu besuchen. Es ist ihnen anzumerken, dass sie es mit dem Lernen ernst nehmen. Sie begrüßen ihren Lehrer zu Beginn des Unterrichts per Handschlag und fragen zuerst freundlich nach seinem Wohlbefinden, bevor sie sich in die bunt gemischte Klasse einreihen. Nach einigen Monaten Deutschunterricht klappt bei den meisten die Verständigung bereits sehr gut, dennoch stolpern sie immer wieder über die Hürden deutscher Grammatik, verwechseln Artikel oder lernen, wie an diesem Morgen, die Unterscheidung unbestimmter Artikel. Bevor es jedoch los geht, steht der Adressencheck auf dem Programm, denn Asylsuchender zu sein, heißt auch, dass man immer mal wieder umziehen muss. Ist das erledigt, heißt es, den Unterschied von „ein-eine-einen“ lernen und verinnerlichen. Was an die Grundschulzeit erinnert, ist für viele in diesem Raum harte Arbeit. Und dennoch ist es beeindruckend, zuzuschauen, wie die 6 Mädchen und 16 Jungs sich diese Sprache erarbeiten.

VIELE EINZELSCHICKSALE
Beeindruckend sind aber auch die Schicksale, die hinter den Schülern stehen. Die Reisen und Entbehrungen, die sie auf sich nahmen, nicht nur auf der Suche nach einem besseren Leben, sondern schlicht um zu überleben, sind vielfältig. Da wäre zum Beispiel Steliyana (17), die aus Bulgarien kommt. Bulgarien zählt zwar als sicheres Herkunftsland, doch sicherlich nicht, wenn die Familie um ihr Leben fürchten muss. Steliyanas Vater war in seinem alten Leben Polizist und geriet in einen Konflikt, der für ihn lebensbedrohliche Ausmaße annahm. Schließlich suchte die Familie politisches Asyl, was ihr gewährt wurde. Steliyana besuchte bis dahin die 10. Klasse, als es hieß, dass sie ihr bisheriges Leben zurücklassen müsse. Träume hat sie dennoch, sie möchte in Deutschland Polizistin werden. Träume hat auch die 17-jährige Layla. Geflüchtet aus ihrer zerstörten Heimatstadt Aleppo, möchte sie in Deutschland irgendwann Architektur studieren. Eine Rückkehr in ihre Heimat ist für sie undenkbar, genauso wie für Ali, der mit seiner Familie vor den Taliban flüchtete. Die überfielen eines Morgens das Dorf, in dem er lebte. Für seinen Vater war klar, dass nur die Flucht eine Lösung sein kann. Ali hat in der Klasse im Berufsbildungswerk bereits so große Fortschritte gemacht, dass er schon im nächsten Monat auf eine Regelschule wechseln kann – ein Wechsel, auf den er sich sehr freut. Während Ali versucht, sich hier ein neues Leben aufzubauen, mussten seine Eltern im Iran Zuflucht suchen, da das Geld zur Flucht nicht für alle reichte. Ali hofft, dass sie sich irgendwann alle wieder treffen, aber er ist realistisch genug, um zu wissen, dass dies noch lange dauern wird. Shirula weiß noch nicht, ob er in Deutschland bleiben möchte, er würde gerne nach Amerika auswandern, denn dort hat er Verwandte. Er weiß, dass er dafür viel Geld braucht, weswegen er in Deutschland erst mal arbeiten möchte. Wie Ali musste auch er den beschwerlichen Weg alleine auf sich nehmen, durchquerte auf der Flucht die Sahara, um schließlich in Libyen für viel Geld in einem klapprigen Kahn gemeinsam mit 500 Menschen nach Italien überzusetzen. Dort musste nach der beschwerlichen Reise alleine durch die Wüste zuerst sein Fuß operiert werden, ehe er nach Deutschland kam. Hier sitzen sie nun gemeinsam in einem Saal und lernen eine gemeinsame Sprache. Angesprochen auf schlechte Erfahrungen in Deutschland betonen alle, dass sie bisher keine gemacht hätten – allerdings erklären sie, dass ihnen verschiedene Entwicklungen hier schon Sorgen bereiten. Dennoch fühlen sie sich hier sicher und wohl und freuen sich, weiterhin Deutsch lernen zu dürfen.