Stell dir vor, es ist bald OB-Wahl…

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…und (noch) keiner interessiert sich dafür

UPDATE: Da Redaktionsschluss bereits am 29.07. war, konnten wir leider die Kandidatin der FDP namentlich nicht mehr berücksichtigen. Anfang August gab die Wormser FDP bekannt, dass für sie die geborene Essenerin RICARDA ARTELT sich bei den Wählern um den Job des Oberbürgermeister bewerben wird. Artelt war 14 Jahre in der Energiewirtschaft (RWE) beschäftigt. Dort war sie vor allem im Bereich Marketing tätig. Seit Oktober 2017 arbeitet die 44 jährige als Referentin und Leiterin des Wahlkreisbüro des FDP Landtagsabgeordneten Marco Weber.

  Ihr bisheriges Wahlprogramm sieht eine Reduzierung der Gewerbesteuer um zehn Prozentpunkte vor, mit dem Ziel, Betriebe in Worms zu halten und neue nach Worms zu holen. Dieselfahrverbote sind für sie kein Thema, da dies ganz besonders mittelständische Unternehmen treffen könne. Optimierungsbedarf sieht sie in der Innenstadt in Bezug auf Einzelhandelsgeschäfte. Wichtig ist ihr ein Wandel im Bewusstsein, um die Frage des Images, und ergänzt, dass natürlich auch Kaufkraft fehle, die in die Stadt kommt. Auch im Tourismus sieht sie noch Potenzial, das nicht ausgeschöpft ist.

Im Sozialen liegt ihr Schwerpunkt auf der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Artelt regt dabei an, dass auch über partielle Übernachtungsbetreuungen nachgedacht werden müsste. Bei immer mehr Alleinerziehenden in Berufen mit Schichtdienst wie bei Krankenpflege oder Polizei bestehe hier ein Bedarf. Ein ausführliches Portrait der alleinerziehenden Mutter zweier Kinder folgt in den nächsten Ausgaben. (Quellen: WZ / NK / Xing)

Da die Bewohner von Worms noch bis Anfang September mit „Brot und Spielen“ bei Laune gehalten werden, sei an dieser Stelle der Hinweis gestattet, dass in drei Monaten bereits die OB-Wahl stattfindet. Spätestens dann sollten wir uns wieder mit dem Thema Politik beschäftigen, denn ein Oberbürgermeister wird bekanntlich für acht lange Jahre gewählt. Während sich die drei bisher bekannten Gegenkandidaten noch in dezenter Rückhaltung üben, läuft der aktuelle Amtsinhaber Kissel bereits auf Betriebstemperatur und befindet sich schon mitten im Wahlkampfmodus. Immerhin strebt Kissel seine dritte Amtszeit an und wäre bei einer erneuten Wiederwahl bis 2027 Oberbürgermeister der Stadt Worms.

Als der amtierende Oberbürgermeister, Michael Kissel, Ende Dezember 2017 verkündete, dass er bei der kommenden OB-Wahl noch einmal antritt, um für eine dritte Amtszeit zu kandidieren, überraschte weniger die Tatsache an sich, sondern eher die Art und Weise, wie er seine Entscheidung verkündete. Ohne die eigene Partei in seine Pläne einzuweihen oder gar darüber abstimmen zu lassen, ließ Kissel die Öffentlichkeit wissen, dass er für weitere acht Jahre als OB kandidiert. Die Frage nach weiteren potentiellen Kandidaten innerhalb der SPD, erübrigte sich damit. Kissel hatte mal wieder ein Machtwort gesprochen und seine Partei zeigte demonstrativ Geschlossenheit – wie so oft vor wichtigen Wahlen. Bei der Vertreterversammlung Wochen später, auf der die Wormser SPD den bisherigen Amtsinhaber Michael Kissel für die Oberbürgermeisterwahl nominierte, gab es 70 Ja-Stimmen, drei Enthaltungen und drei Nein-Stimmen. Trotz dieser demonstrativen Stärkung des eigenen Kandidaten, war die Stimmungslage innerhalb der Partei längst nicht so eindeutig, denn Kissels eigenmächtige Entscheidung kam nicht bei allen gut an. Schließlich gehört er einer Partei an, die derzeit nicht sonderlich angesagt ist. Die Bundes-SPD fällt seit Monaten stetig in der Wählergunst und liegt bei manchen Umfragen nur noch bei 17 – 18%. Auf die Wormser OB-Wahl dürfte das zwar nur geringe Auswirkungen haben, denn Kissel steht in Worms längst für eine eigene Marke. Aber auch innerhalb der Wormser SPD gibt es Kräfte, die die Partei gerne erneuern und wieder zu alter Stärke zurückführen würden. Zu einer Erneuerung gehört es eben auch, alte Zöpfe abzuschneiden und dem Wähler frisches Personal anzubieten. Da ist ein 63-jähriger Kandidat, der seit 15 Jahren an der Stadtspitze steht und in dieser Zeit durchaus polarisiert hat, eher kontraproduktiv. Dabei war es Kissel selbst, der 2003 davon profitierte, dass seine Partei einem jungen Ortsvorsteher aus Monsheim eine Chance gegeben hat. Als sich Ex-OB Gernot Fischer nach 15 Jahren Amtszeit mit 65 Jahren in den Ruhestand verabschiedet hat, zauberte die SPD den damals noch sehr jungen Michael Kissel aus dem Hut und landete damit einen Überraschungscoup. Wenn man heute Wormser Bürger, unabhängig von ihrem Parteibuch, fragt, welche Alternative es denn zu Kissel gebe, fallen vor allem zwei Namen: Jens Guth oder Timo Horst. Beide sind in der SPD und stehen für einen anderen Politikstil als die „Basta“-Politik des aktuellen OB. Im Übrigen stehen auch immer weniger Wähler auf den klassischen Politikertyp, der Politik nach Gutsherrenart betreibt. Gefragt sind eher Visionäre, die eine Stadt voranbringen, indem sie ihre Bürger mit ins Boot holen. Man mag zu Jens Guth stehen, wie man will, manche trauen ihm den Job als OB schlichtweg nicht zu, aber immerhin hat er in der jüngsten Vergangenheit eher ein Gespür für die Stimmung in der Bürgerschaft aufgebracht, als sein Stadtchef. Zur erneuten OB-Kandidatur von Kissel äußerte sich Guth sehr diplomatisch:

„Es ist ein sinnvoller Zeitpunkt jetzt über die Kandidatur zu entscheiden. Wenn der Amtsinhaber erneut kandidiert, stellt sich innerhalb der Partei nicht mehr die Frage nach anderen möglichen Kandidaten. Um geeignete Kandidaten in den eigenen Reihen für eine Nachfolge 2027 muss man sich keine Sorgen machen. Hier ist die SPD gut aufgestellt.“
Jens Guth (SPD)

Fast klingt das so, als wäre die SPD auch jetzt schon gut aufgestellt gewesen für eine Nachfolge Kissels.

Adolf Kessel tritt für CDU an

Als OB-Kandidat der Wormser CDU hat man es naturgemäß nicht leicht. Da die beiden größten Parteien im Wormser Stadtrat, SPD und CDU, seit gut drei Jahrzehnten zusammenarbeiten und nahezu alle großen Entscheidungen zusammen getroffen haben, fällt es schwer, sich vom Amtsinhaber abzugrenzen. Trotzdem hat es Dr. Klaus Karlin bei der letzten OB-Wahl geschafft, Kissel ins Schwitzen zu bringen. Am 27.03.2011 bekam keiner der Kandidaten mehr als 50% der Stimmen. Bei der Stichwahl am 10. April erhielt Michael Kissel 52,95 % der Stimmen, auf Herausforderer Dr. Klaus Karlin (CDU) entfielen 47,05 %. Wäre Karlin auch diesmal angetreten, hätte das eine spannende Angelegenheit werden können. Der ließ sich aber nicht noch einmal breitschlagen, so dass man Adolf Kessel „nahe legte“, diesen Job zu übernehmen, bevor noch jemand ernsthaft die Personalie Kosubek diskutiert hätte. Adolf Kessel bekennt deshalb auch freimütig, dass das Amt des Oberbürgermeisters ursprünglich nicht in seiner Lebensplanung vorgesehen war, er sich aber trotzdem zu 100 Prozent der Herausforderung stelle. Mit Kessel tritt ein Kandidat für die CDU an, der vor allem dadurch auffällt, dass er wenig auffällt. Von Parteikollegen wird er als fleißiger Teamworker beschrieben, der andere mit einbindet und sich um Probleme der Bürger kümmert. Freilich ist Kessel kein Kissel, was die Öffentlichkeitsarbeit angeht. Oder anders gesagt, wenn Kessel etwas Gutes tut, ist selten ein Fotograf der Lokalzeitung mit dabei. Aktuell tingelt der OB-Kandidat der CDU durch Wormser Ortsteile unter dem Motto „Kessel hört zu“. Ein festes Wahlprogramm habe er noch nicht, da er sich zunächst die Sorgen und Ängste der Bürger anhören möchte. Danach muss Kessel aber schnellstens Farbe bekennen und den Wählern klar machen, was er anders machen will als der aktuelle Amtsinhaber. Oder anders gesagt: Worin liegt der Unterschied, außer dem „e“ statt dem „i“ im Namen? Womöglich hat man innerhalb der CDU in Anbetracht der Omnipräsenz des OB’s auch schon längst resigniert. Dabei hat Jan Metzler schon zwei Mal bewiesen, dass man in der vermeintlichen SPD-Hochburg einen Kantersieg einfahren kann. Auch wenn man bei der CDU ist.

Weitere OB-Kandidaten?

Für die Grünen tritt erwartungsgemäß Richard Grünewald an. Der lieferte sich in der Vergangenheit immer wieder Wortduelle mit dem OB und wird als „grüne Stimme“ im Wormser Stadtrat wahrgenommen. Manchen Stadtratskollegen erscheint Grünewald mitunter zu oberlehrerhaft, anderen als zu grün. Da er selbst ein zweistelliges Ergebnis als Wahlziel ausgerufen hat, dürfte er bei den üblichen 10 – 12% landen, die ein grüner OB-Kandidat gemeinhin abstaubt. Die Linke hat mit Georg Gräff einen Kandidaten aufgestellt, den keiner kennt und den wohl das gleiche Schicksal wie seine Vorgänger erwartet – sprich: ein Ergebnis zwischen 2 und 3%. Entgegen der bisherigen Aussagen will auch die FDP Anfang August eine eigene OB-Kandidatin mit Verwaltungserfahrung verkünden. Und dann geistert seit Anfang des Jahres das Gerücht durch Worms, dass mit dem Schauspieler und Sänger Peter Englert ein bekanntes Wormser Gesicht als unabhängiger OB-Kandidat antreten würde. Für die Kandidaten der etablierten Parteien wäre Englert insofern gefährlich, weil er es tatsächlich schaffen könnte, über Soziale Netzwerke auch viele junge Wähler an die Wahlurne zu bringen. Ganz abgesehen von den knapp 50% Wahlberechtigten, die bei der letzten OB-Wahl auf keinen Kandidaten der etablierten Parteien Lust hatten und einfach zuhause blieben. Da könnte jemand wie Englert tatsächlich für frischen Wind sorgen. Anfragen zu einer möglichen Kandidatur blockt Englert weiterhin ab, schließlich ist er im August noch als Darsteller bei den Bad Hersfelder Festspielen im Einsatz. Zudem musste er kürzlich einen privaten Schicksalsschlag verkraften und landete anschließend wegen einer Nierenstein-OP im Krankenhaus. Ende August will sich Englert aber ausführlich zu dem Thema äußern. Im Übrigen können sich mögliche OB-Kandidaten noch bis zum 23. September melden. Bis dahin bleibt es spannend.