Traumhafte Atmosphäre, viel Mainstream und ein paar Überraschungen

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Ein (natürlich) subjektiver Rückblick auf das „27. Jazz und Joy-Festival“

Text: Dennis Dirigo, Frank Fischer

16. Juni bis 18. Juni 2017 | Worms Innenstadt:

Am Ende des dreitägigen Musikfestivals war den Veranstaltern die Erleichterung deutlich anzumerken. Nachdem das „Jazz & Joy-Festival“ in den letzten drei Jahren unter Wetterkapriolen gelitten hatte, präsentierte es sich in diesem Jahr von seiner allerbesten Seite – dennoch zeigten sich die Besucherzahlen (18.000) leicht rückläufig. Dem musikalischen Programm hätte man etwas mehr Mut zum Unkonventionellen gewünscht.

Gemischte Gefühle am Festivalsamstag
Der Festivalsamstag wurde bereits donnerstags mit einem kleinen Dämpfer eingeläutet, als verkündet wurde, dass das belgische Trio Dans Dans aus gesundheitlichen Gründen nicht anreisen könne. Ersatz war schnell gefunden. Das Roman Schuler Extended Trio spielte zwar ordentlichen Jazz, der sich gemütlich in den mittäglich noch unverbrauchten Gehörgängen einnistete, jedoch weit entfernt war von den psychedelisch atmosphärischen Klangwelten der Belgier. Eher zurückgenommen, aber doch rhythmusbetont gestaltete sich der Auftritt des Quintetts Thomas Siffling Flow. Der Mannheimer Trompeter, ausgestattet mit Dämpfer, schmeichelte sich gemeinsam mit seinen Musikern zielgerichtet in die Ohren der zahlreichen Zuhörer auf dem Platz der Partnerschaft. Tatsächlich fühlte sich das Konzert wie ein einziger Flow an.

Keinen einfachen Stand hatte zu Beginn ihres Konzertes die in Köln lebende amerikanische Rapperin Akua Naru. Nur zaghaft füllte sich um 17 Uhr der Marktplatz. An der Musik konnte es nicht gelegen haben. Die Rapperin, die Blues, HipHop, Jazz und Soul gekonnt zu ihrer eigenen Melange vermengt, spielte – unterstützt von einer begeisternden Rhythmussektion – ein mitreißendes Programm, bei dem sich das Publikum dennoch schwer tat, sich auch mitreißen zu lassen. Das Publikum mitzureißen, schaffte wiederum das Aly Keita Trio mit spektakulärer afrikanischer Rhythmik, die jede Menge Elemente des Jazz enthielt. Mit seinem wirbelnden Balafon-Spiel sorgte Aly Keita bei untergehender Sonne für Begeisterung auf dem Schlossplatz. Auch HAJAmadagascar & The Groove People sorgten im Anschluss mit ihrer Afro-Trance-Musik für wild tanzende Menschen, die sich der energiegeladenen Show hingaben.

Wie man seinem Publikum so richtig einheizt, das demonstrierte die regional äußerst erfolgreiche Wormser Band The Offbeat Service bereits am frühen Abend auf der Renolit-Bühne vor der Jugendherberge. Die Musiker nebst Bläsersektion brauchten nur wenige Takte, um das Publikum in kollektive Verzückung zu versetzen und sorgten mit ihrem druckvollen Ska-Sound für eines der spektakulärsten Konzerte an diesem Wochenende. Nicht weniger energetisch geriet der Auftritt der Briten The Zipheads. Mit ihrer wilden Melange aus Country, Punk, Ska, um nur ein paar der Zutaten zu nennen, sorgte die Band für einen explosiven Gig, bei dem förmlich der Boden vor der Jugendherberge vibrierte. Zur Begeisterung der WO! Redaktion coverte die Band den Song „Panzer Attack“ von der nicht mehr existenten und sträflich unterschätzten Britband The Cooper Temple Clause. Auch die Niederländer von DeWolff sorgten zu später Stunde für einen gut gefüllten Platz vor der Jugendherberge und knüpften mit ihrem an Led Zeppelin erinnernden Bluesrock an ihren begeisternden Gig im letzten Jahr auf dem Open Air Hamm an.

Die goldenen Zwanziger Jahre in der Version von Dj Chris Whap-a-dang sind nicht nur deutlich Swing dominiert, sondern erklingen in den modernsten Beats, die ein Szene Dj heutzutage erzeugen kann. Das war durchgehend tanzbar oder ließ zumindest den Fuß ordentlich mit wippen, wirkte aber zwischen dem druckvollen New Jazz Sound von The Nighthawks und Tape Five wie ein Fremdkörper auf dem Weckerlingplatz. Zu abrupt wirkte der Wechsel zu dem multinationalen Musikprojekt Tape Five, das mit seiner perfekt interpretierten Mischung aus Swing, Soul, Dixie und klassischem Jazz durchaus beeindruckte. Dennoch drängte sich das Gefühl auf, dass sich eine umgekehrte Reihenfolge deutlich besser auf die Stimmung ausgewirkt hätte.

Die meisten Besucher, knapp viertausend, pilgerten am Samstagabend zum Konzert des belgischen Songwriters Milow auf den Marktplatz. Offensichtlich nutzten nicht wenige Milow-Fans die Gelegenheit, ihr Idol im Rahmen seiner aktuellen Tour in Worms für den halben Preis wie bei einem Einzelkonzert zu erleben. Der gab den Massen, was sie brauchen, und das waren in erster Linie seine bekanntesten Hits, wie „You And Me“, „You Don’t Know“ und natürlich „Ayo Technology“, die seine glückseligen Anhänger am liebsten die ganze Nacht hindurch mit gesungen hätten. Die milden Temperaturen, in Kombination mit den stets etwas gleichförmigen, netten Sommerliedchen, die keinem weh tun und passenderweise auch noch Titel trugen wie „Howling at The Moon“ oder „Summer Days“, erzeugten kurz vor Mitternacht durchaus eine besondere Atmosphäre. Noch in der derselben Nacht postete der sympathische Belgier bei FACEBOOK: „We had such an amazing night tonight in the legendary city of Worms in Germany!“ Später bedankte sich der Künstler noch via Facebook artig beim Veranstalter: „Thank you we had a fantastic time last night. Beautiful location and amazing crowd!“

Radiopop und ein Minikonzert am Sonntag
Es ist das Eine, ein Bandvoting via Internetabstimmung für sich zu entscheiden, aber etwas vollkommen anderes, das Publikum für sich zu gewinnen. Die Mannheimer Band Ize überzeugte zwar auf der Bühne vor der Jugendherberge mit handwerklichem Können, wirkte aber mit ihrem glattgebügelten Sound ein wenig zu berechnend. Zwar stets die Radiotauglichkeit im Visier, funktionierte der Stilmix aus Pop, Funk und R’n’B dennoch nur bedingt. Ein Kritikpunkt, den sich auch die Bad Kreuznacher Band Mind Trap, die eine Stunde später auf derselben Bühne stand, gefallen lassen muss. Mit seiner Musik Geld verdienen zu wollen, ist natürlich das erklärte Ziel vieler, dennoch hat die Musikgeschichte genügend Bands hervorgebracht, die mit ihrer Musik mehr transportieren wollten als nur gepflegten Wohlklang. Im letzten Jahr beim Rockbuster-Wettbewerb zur besten Nachwuchsband Deutschlands gewählt, muss man sich als kritischer Musikhörer durchaus die Frage stellen, was das im Hinblick auf die musikalische Kreativität junger deutscher Bands bedeutet? Oft wirken die Songs von Nachwuchskünstlern heute so, als wollten sie um keinen Preis der Welt auch nur ansatzweise anecken oder gar provozieren.

Ecken und Kanten sucht man nämlich vergeblich, so auch bei der jungen Musikerin Katharina Busch, deren liebliche Songs wunderbar in die ebenso perfekt eingerichtete Ikea-Wohnecke passen würden. Nur auf dem Marktplatz wollte die Musik nicht zünden. Dass sich der Publikumszuspruch sehr in Grenzen hielt, lag allerdings nicht unbedingt nur an der Musik, sondern wohl daran, dass um 15.30 Uhr – bei bestem Sommerwetter – die wenigsten Besucher den Weg zu dem sonnüberfluteten Marktplatz suchten. Wie man musikalisch gewagt, aber dennoch sexy klingen kann und zu allem Überfluss auch noch das Publikum begeistert, zeigte das regional bekannte Trio Cobody auf dem Schlossplatz. Cobody stilistisch einzuordnen, ist nahezu unmöglich, schaffen sie doch ihren eigenen Klangkosmos, der immer wieder fasziniert. Vor allem, wenn sie sich einem Coversong annehmen und diesen neu mit Leben füllen, spürt man, zu was die drei Profimusiker auf der Bühne imstande sind.

Dass ein Chart-Hit alleine nicht ausreicht, um den Marktplatz auch nur ansatzweise füllen zu können, bewies der Auftritt von Alex Clare. Mit einer Drei-Mann-Combo aus Gesang, Bass und Drums angetreten, spielte sich der Brite tapfer durch sein Programm, das die vielleicht 300-400 Unentwegten vor der Bühne eher temporär interessierte, bis dann sein größter Hit „Too Close“ ertönte und die Menge endlich bekanntes Futter für die Ohren bekam. Nun war die Aufmerksamkeit deutlich höher, speziell als Clare gegen Ende hin vermehrt zur akustischen Gitarre griff, und aus dem Höflichkeitsapplaus wurde doch noch anerkennender Beifall zum Ende des Konzertes.

Und so entpuppten sich Cobody als die Spielfreudigsten an einem allgemein sehr mäßig besuchten Sonntag, der auch aus musikalischer Sicht nicht immer überzeugen konnte. Nachdem Fred Wesley and the New JB’s auf ihrem Weg von Berlin nach Worms im Stau steckten, durften die Musiker von Cobody noch ein zweites Mal ran – diesmal auf der verwaisten Bühne am Weckerlingplatz. Da die Band um den Gitarristen und Sänger Kosho (Michael Koschorreck), Ausnahmeschlagwerker Erwin Ditzner und Hammond-Gott Jo Bartmes nun mal aus echten Profis besteht, schafften sie es auch dort spielend, das Publikum in ihren Bann zu ziehen und wahre Begeisterungsstürme hervorzurufen. Verstärkung gab es am Ende noch von Festivalleiter David Maier. Gemeinsam mit den begeisternden Musikern sang Maier den Beatles Klassiker „Come Together“. Für Fred Wesley and the New JB’s gab es schließlich auch noch ein Happy End, wenn auch nur ein kurzes. Zwanzig Minuten lang zeigten sie zum Abschluss des Festivals allen Anwesenden, wo der Soul Hammer sitzt. Es ist dann auch ein wenig bezeichnend, wenn auf der Internetseite „regioactive“ ein Zuschauer mit dem Satz, „die 20 Minuten waren das beste Konzert des Wochenendes“, zitiert wird. Gerne hätten diese noch weiter gespielt, die strengen Lärmauflagen zum Schutz der Anwohner machten dies aber unmöglich.

FAZIT: Es ist nicht leicht, in der heutigen Zeit ein Festivalprogramm zu gestalten, schließlich ist es nahezu unmöglich, genau den Geschmack von den in diesem Jahr rund 18.000 Besuchern zu treffen. Während die Jazzbands für durchweg gute Resonanz auf den jeweiligen Bühnen sorgten, hakte es etwas im Joy-Bereich. Unter dem Aspekt der familienfreundlichen Programmgestaltung sorgte dieser zwar überwiegend für Wohlklang, dem es aber ein wenig an Charakter fehlte. Ausnahmen waren hierbei The Zipheads und vor allem die Wormser Band The Offbeat Service , die zeigten, wie man musikalisch eine Party abfeiert und durch die Bank weg alle Zuschauer begeisterte. Auch die in Worms geborenen Musiker Kosho und Erwin Ditzner stellten mit Cobody unter Beweis, dass die regionale Musikszene herausragende Bands hat, die es wert sind, unterstützt zu werden. Leider fiel der lokale Anteil des Programms, insgesamt bestehend aus mehr als 40 Bands, mit lediglich einer echten Wormser Band sehr enttäuschend aus. Bleibt zu hoffen, dass die Veranstalter im nächsten Jahr erkennen, dass es die hiesige Musikszene verdient hat, einem größeren Publikum präsentiert zu werden. Abseits der Musik begeisterte das Festival dennoch mit viel Flair, kulinarischer Abwechslung, einem gutem Sound und traumhaftem Wetter.