Trotz Gaucho-Tanz: Auch Weltmeister der Herzen

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Bekommen Sie auch Wochen später noch eine Gänsehautentzündung, wenn Sie die Bilder unserer Jungs von der WM in Brasilien sehen? Ja, es war schon schön, auch wenn ich selbst einer der Skeptiker war, die Özil, Götze und Co. im Vorfeld maximal das Halbfinale zugetraut haben. Dabei ist dem Team von Joachim Löw so überzeugend wie noch nie zuvor einer deutschen Mannschaft gelungen, den Weltmeistertitel zu holen.

Überhaupt war das eine großartige WM, nicht nur wegen dem erfolgreichen Abschneiden der Deutschen. Spannung, Tore, Dramatik – in den K.O.- Spielen gab es acht Mal Verlängerung und vier Mal Elfmeterschießen. Ein Drehbuchautor hätte die Dramaturgie vieler Spiele nicht aufregender schreiben können, gefühlt gab es selten so viele Treffer in der Nachspielzeit wie diesmal. Auch wenn man das einer korrupten Organisation wie der FIFA eigentlich gar nicht gönnt, kommt man an einer Feststellung nicht vorbei: „Das ist schon ein richtig geiles Produkt, das die FIFA da vermarkten darf…“ Und Deutschland hat sich vor den Augen der ganzen Welt den begehrtesten Titel im Weltfußball geholt. Zum vierten Mal – und es war selten so verdient wie diesmal. Das Wunder von Bern 1954 wurde halt nur zum Wunder, weil Sepp Herbergers Trick mit den Ungarn geglückt war. In einem (bedeutungslosen) Vorrundenspiel waren die Deutschen mit einer B-Elf angetreten und kassierten eine 3:8-Schlappe gegen Ungarn. Dafür gelang im Finale das Wunder, als man bekanntlich mit 3:2 siegte, weil der große Turnierfavorit nach einer 2:0-Führung einen ähnlichen Verlauf wie in der Vorrunde erwartete. 1974 waren eigentlich die Holländer die spielerisch stärkste Mannschaft des Turniers, während die deutsche Mannschaft bereits eine Pleite gegen die damalige DDR (0:1) kassiert hatte und erst auf den Schlussgeraden überzeugen konnte. Aber im Finale behielten die Deutschen, dank Gerd Müller, mit 2:1 die Oberhand. Auch Franz Beckenbauers Helden von 1990 haben längst nicht alle Gegner so dominiert wie Jugoslawien zum Auftakt (4:1). Der 2:1-Achtelfinalsieg gegen Holland, das knappe 1:0 gegen CSSR oder der Elfmeterkrimi gegen England – all diese Spiele standen auf Messers Schneide. 2014 jedoch hat Deutschland, mit Ausnahme des hart erkämpften 2:2 gegen Ghana, jedes Spiel gewonnen. Mal mehr (Portugal, Frankreich, Brasilien, Argentinien), mal weniger überzeugend (USA, Algerien). Aber auch das gehört eben dazu, wenn man sich mit den 31 besten Teams der Welt duelliert und alle paar Tage Höchstleistungen abrufen muss. Leider gehört es jedoch zum deutschen Selbstverständnis immer noch zu glauben, bis zum Halbfinale müsste sich die deutsche Mannschaft im Schongang durchsetzen. Italien ist an Costa Rica gescheitert, England an Uruguay und Spanien an den Chilenen. Warum sollte dann Algerien, die immerhin Russland und Südkorea rausgeworfen hatten, mal eben nebenbei abgefertigt werden? Für die meisten im grünen Dress war dies das Spiel ihres Lebens, entsprechend leidenschaftlich sind sie auch zu Werke gegangen. Von daher war die Reaktion von Per Mertesacker durchaus gerechtfertigt, auch wenn sich die positiven Reaktionen weniger auf den Inhalt bezogen, als eher auf die Tatsache, dass da endlich mal jemand kein vorgefertigtes Interview abgegeben hat. Seitdem wissen wir, dass es ab dem Achtelfinale keine Karnevalstruppe mehr gibt oder wie Berti Vogts einst festgehalten hat: „Die Breite an der Spitze ist dichter geworden“. Da konnte allerdings noch keiner ahnen, wie das Halbfinale zwischen dem großen Favoriten Brasilien und Deutschland enden würde.

Keine Einzelkünstler, sondern ein Team

Dass es am Ende die Deutschen waren, die am Abend des 13. Juli 2014 den Pokal in den Abendhimmel von Rio strecken durften, war dem Umstand geschuldet, dass sich in diesen 7 Wochen ein Team gefunden hatte, das diesen Namen auch tatsächlich verdient hatte. In diesem Jahr war ein Satz selten treffender als dieser: „Holland hatte Robben, Argentinien hatte Messi, Brasilien hatte Neymar und Deutschland hatte ein Team.“ Dieses Team hat mit seiner Mischung aus Understatement und unbedingtem Siegeswillen nicht nur die Herzen der deutschen, sondern der Fans in der ganzen Welt erobert. Spätestens nach dem auch heute noch unfassbaren 7:1 gegen Gastgeber Brasilien, das die deutsche Mannschaft insofern „bescheiden“ gefeiert hat, weil man es vermieden hat, den Gastgeber lächerlich zu machen, was in Anbetracht eines derartiges Ergebnisses fast schon unmöglich anmutet. Da schien der Trost für die Gastgeber nach dem Spiel fast wichtiger, als den eigenen Sieg zu feiern. Wer selbst schon einmal im eigenen Land im Halbfinale ausscheiden musste oder das Champions League Finale in der eigenen Stadt verloren hat, der weiß, wie bitter eine Niederlage in so einem Spiel schmecken kann (zur deutschen Stammelf gehörten nicht weniger als sechs Spieler des FC Bayern München + der im Finale eingewechselte Götze). Dessen bewusst hat die Mannschaft keine Jubelarie abgezogen, wie sie von den Argentiniern und mutmaßlich 30 anderen Teams veranstaltet worden wäre, wenn man den Gastgeber derart aus dem eigenen Stadion, ach was, aus der eigenen WM geschossen hätte. Aber das passte zum bescheidenen Auftreten des deutschen Teams, das eben nicht die Nationalhymne so laut mit gebrüllt hat, dass die Halsadern angeschwollen sind. Soviel Pathos hätte auch gar nicht zu dem Handwerker Joachim Löw gepasst, der sich eine Mannschaft zusammen gezimmert hat, die den besten Teamspirit aufzuweisen hatte. Und bevor einer auch nur im Ansatz abzuheben drohte, bremste ihn der Jogi wieder aus und mahnte zur „högschden Vorsicht“. Obwohl man beim knappen 1:0 im Viertelfinale gegen Frankreich nach einer taktischen Meisterleistung den bis dato stärksten Gegner aus dem Weg geräumt hat, ereignete sich das eigentliche Schlüsselspiel des Turniers im Achtelfinale gegen Algerien, als Joachim Löw seinen zu Beginn des Turniers gemachten Fehler (der ohne Folgen blieb) korrigieren musste. Da sich Mustafi auf rechts verletzte, hörte Löw auf 80 Millionen Bundestrainer und schickte Kapitän Philipp Lahm wieder auf die Außenverteidiger- Position. Auf die „6“ rückten Schweinsteiger und Khedira – das waren weitere Bausteine für den deutschen Erfolg. Auch im Finale entpuppte sich Joachim Löw, dem viele immer noch das „Aus“ gegen Italien bei der EM 2012 aufgrund seiner zugegebenermaßen missratenen Taktik vorwarfen, erneut als jemand, der ein Spiel lesen kann. Als Timo Kramer, der als Ersatz für den kurzfristig ausgefallenen Khedira eingesprungen war, verletzt ausscheiden musste, brachte Löw zur Überraschung vieler den offensiven Andre Schürle und kurbelte damit ein zuvor lahmes Angriffsspiel der Deutschen an. Schürle leitete schließlich auch über links den entscheidenden Treffer in der 113. Minute ein.

Zeit für neue Helden

Wer vor dem Turnier echte Typen in der Mannschaft gesucht hat, der wurde während der WM fündig. Wo einst die Helden Fritz Walter Helmut Rahn, Franz Beckenbauer, Gerd Müller, Lothar Matthäus oder Andreas Brehme waren, heißen die heutigen Helden Manuel Neuer („The German Wall“, der anderen gezeigt hat, was ein moderner Torwart zu leisten imstande ist), Mats Hummels, schon wieder Müller (Thomas) und Mario Götze. Oder Mesut Özil, Jerome Boateng und Sami Khedira, die ebenso für ein multikulturelles deutsches Team stehen, das zu den typisch deutschen Tugenden noch eine Schippe Kreativität gepackt hat. Oder Benedikt Höwedes (den keiner in der Startelf vermutet hätte, aber alle Spiele absolviert hat), Toni Kroos (der sich nach einer herausragenden WM erst im Finale eine schwächere Leistung gönnte) und Andre Schürle (der perfekte Joker, der direkt für eine spürbare Belebung des Angriffsspiels gesorgt hat). Ganz nebenbei hat somit die 2006er Generation Lahm-Schweinsteiger- Podolski-Klose doch noch einen großen Titel geholt. Lahm ist bereits zurückgetreten, Miroslav Klose kann als Standby-Stürmer locker noch ein Turnier bestreiten (und jeder wird sich darüber freuen), Poldi hat immer Lust auf Nationalelf und Bastian Schweinsteiger (wird im August 30) kann noch mindestens die EM 2016 mitnehmen. Zusammen haben sie sich für alle Zeiten in das kollektive Gedächtnis einer Nation eingebrannt, die noch in 20 Jahren Jedem auf Anhieb sagen kann, wo und wie sie das Finale erlebt haben. Genauso wie man noch heute an die kämpferische Leistung von Jürgen Klinsmann im Achtelfinalkrimi 1990 gegen Holland zurückdenkt, wird sich anno 2014 das Bild eines von Fouls der Argentinier gezeichneten Bastian Schweinsteiger in das Hirn eines Fußballfans einbrennen, wie er blutend dem Schiedsrichter signalisiert, dass er wieder aufs Spielfeld möchte, um seiner Mannschaft im Spiel seines Lebens zu helfen. Oder wie es Mario Götze mit einem zweifelsohne technisch richtig starken Treffer geschafft hat, eine zuvor persönlich eher durchschnittliche WM vergessen zu machen. In solchen Momenten werden Helden des Fußballs geboren, weil sie mit einem einzigen Geniestreich ein hochdramatisches Spiel vor einem Milliardenpublikum entscheiden.

Faszination Fußball

Gleichzeitig hat uns dieses Turnier erneut vor Augen geführt, wie ein simples Ballspiel ganze Länder fesseln kann. Da fasziniert es immer wieder aufs Neue, wenn man in Indien, China oder Afrika Menschen sieht, die in Trikots der deutschen Mannschaft das Turnier verfolgen. Joachim Löw hat mit seiner Mannschaft und ihrem sympathischen Auftreten weltweit mehr Ansehen für sein Land geerntet, als dies Angela Merkel politisch jemals gelingen könnte. Daran kann auch ein von der pseudo-elitären Presse (FAZ, TAZ) herbei geschriebener und an Lächerlichkeit kaum mehr zu überbietender Wirbel um den „Gaucho-Tanz“ nichts mehr ändern. Wir sind Weltmeister – und das ist auch verdient so. Noch mindestens vier Jahre lang.