Über Gerichtsurteil hinweggesetzt

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Georg Büttlers Rolle bei den Wormser Missbrauchsprozessen

Die Wormser Missbrauchsprozesse aus den Jahren 1993 bis 1997 sind als eine der größten Justizirrtümer in die Geschichte der Bundesrepublik eingegangen. Insgesamt waren 25 Personen wegen des Vorwurfs des Kindesmissbrauchs angeklagt. Allesamt wurden freigesprochen, weshalb Richter Hans Günther Lorenz einst den legendären Satz sprach: „Den Wormser Massenmissbrauch hat es nie gegeben.“ Das Jugendamt Worms, das dem Dezernat Büttler unterstellt war, vertrat offensichtlich eine andere Rechtsauffassung und weigerte sich anschließend über Jahre hinweg, die vermeintlich missbrauchten Kinder an ihre leiblichen Eltern zurückzugeben. So lange, bis es zum endgültigen Super-Gau gekommen ist…

Stellen Sie sich einmal vor, Sie würden fälschlicherweise wegen Missbrauchs des eigenen Kindes angezeigt, nach jahrelangem Rechtsstreit freigesprochen und würden trotzdem ihre angeblich missbrauchten Kinder anschließend nicht mehr zurück bekommen? Auch 14 Jahre nach den Gerichtsurteilen weigerte sich das Wormser Jugendamt immer noch, die Kinder aus ihrer „gewohnten Umgebung“ zu reißen, manche Eltern durften ihre Kinder nicht einmal sehen. Ihre gewohnte Umgebung, das war seit Beginn der „Wormser Prozesse“ das Kinderheim „Spatzennest“ in Ramsen, das so etwas wie das „Baby“ von Heimleiter Stefan S. war, von dem die Konzeption für die Langzeiteinrichtung stammte, in der Kinder seit Anfang der 90er Jahre unter familienähnlichen Bedingungen aufwachsen sollten. Besagter Stefan S. war es auch, der die angeblich missbrauchten Kindern, manche sollen bei der Tat erst 12 Monate alt gewesen sein, über Jahre hinweg systematisch von ihren Eltern entfremdet hat. Sowohl für den Heimleiter als auch für die Mitarbeiter des Jugendamt waren die Eltern offensichtlich schuldig – trotz der Freisprüche erster Klasse. Verschiedene Gutachter erkannten schon Ende der 90er Jahr diese Falschsuggestionen und forderten, umgehend an dem verzerrten Bild der Kinder zu arbeiten und sie schnellstmöglich zu ihren leiblichen Eltern zurückzuführen. Bei manchen, die in einen anderen Ort zogen und die sich somit der Willkür des Wormser Jugendamtes entzogen, klappte das auch, u.a. weil manche Kinder selbst eine Rückkehr zu ihren Eltern gefordert hatten. Einzig die Kinder in der Trutzburg „Spatzennest“ zeigten sich weiterhin fest davon überzeugt, missbraucht worden zu sein. Und obwohl einer der Jugendlichen im Kinderheim verstarb und dort erst Tage später tot in seinem Zimmer aufgefunden wurde, erklärte der zuständige Sozialdezernent Büttler ganz unverfroren in die Fernsehkameras, dass es keinen Grund gegeben habe, die „bestehende, hervorragende Betreuung der Kinder aufzugeben“.

Aus heutiger Sicht fragt man sich, wie man all diese Warnsignale übersehen konnte, denn der eigentliche Super-Gau dieser unsäglichen Geschichte sollte erst noch folgen, als sich der vom Wormser Jugendamt protagierte Leiter des Kinderheims „Spatzennest“ selbst als Kinderschänder entpuppte. Wie die Staatsanwaltschaft im Zuge der Gerichtsverhandlung im Jahr 2011 mitteilte, hatte Stefan S. die Einrichtung lediglich als Kulisse aufgebaut, um seine pädophilen Neigungen ausleben zu können. Da unter den Opfern auch die Jugendlichen aus den Wormser Prozessen waren, musste sich das Jugendamt unangenehme Fragen gefallen lassen, z.B. ob man Heimleiter Stefan S. zu viel Vertrauen geschenkt hat und warum nicht erkannt wurde, dass der sich über die Jahre hinweg ein System aufgebaut hatte, um – laut Staatsanwaltschaft – „pseudopädagogisch erotisierende Beziehungen“ zu Schutzbefohlenen aufzubauen? Mehr noch. Statt auf die Warnungen von diversen Gutachtern und Pädagogen zu hören und die Kinder ihren leiblichen Eltern zurück zu führen, hat sie das Wormser Jugendamt im Spatzennest einem tatsächlichen Kinderschänder ausgeliefert. Eine größere Katastrophe hätte es für alle Beteiligten – ob für das Jugendamt, die Eltern oder die letztendlich tatsächlich missbrauchten Kinder – gar nicht geben können. Der anfangs so redselige Sozialdezernent, Georg Büttler, der ein Mitverschulden seiner Behörde kategorisch ausschloss, hat vor dem Hintergrund der Entwicklungen im Fall „Spatzennest“ beschlossen, zu diesem Fall kein Wort mehr zu sagen; vermutlich, weil man das als Schuldanerkenntnis auslegen könnte. Schlimmer noch: Bis zum Tag seiner Pensionierung ist kein Wort des Bedauerns über den von seiner Behörde angerichteten Schaden über seine Lippen gekommen.