Von alten Städten und ihrem Wein

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„Sportfreunde Stiller“, Support: Die höchste Eisenbahn (Sonderkonzert im Rahmen von „Jazz & Joy 2017“)

16. Juni 2017 | Marktplatz in Worms:

Auf einem angenehm gefüllten Marktplatz hatten sich zum diesjährigen Sonderkonzert von „Jazz & Joy 2017“ zwar nur halb so viele Besucher wie im Vorjahr bei „The Boss Hoss“ eingefunden, dem Spaß der Anwesenden tat dies aber keinen Abbruch.

Nach dem traditionellen Tour-Opener „Raus in den Rausch“, gefolgt von „Hymne auf dich“ und „Alles Roger“, war schnell klar, dass die Sportfreunde Stiller, bei ihrem ersten Auftritt in Worms in fast zwei Jahrzehnten Bandgeschichte, keine Kompromisse eingehen. Standen im Herbst auf der Hallentour zu ihrem Album „Sturm & Stille“ noch eher die aktuellen – aber leider nur durchschnittlichen – Songs im Vordergrund, hat man für die Open Airs kräftig ausgemistet und mit früheren Hits aufgefüllt. Erfreulicherweise waren es vor allem ganz alte Stücke wie „Sieben Tage, sieben Nächte“ oder „Wunderbaren Jahren“, die im ersten Drittel des Konzertes für Bewegung im Publikum sorgten. Der Grund, warum die drei mittlerweile erwachsenen Jungs aus der Nähe von München ihr Publikum in Nullkommanix um den Finger wickeln, wird schnell klar, wenn sich die Drei bei den Ansagen die Bälle zuspielen. Etwa, wenn Sänger Peter dem Gastgeber erst Honig ums Maul schmiert („Wir sind hier in der ältesten Stadt Deutschlands“), ehe Drummer Flo in leicht säuselndem Ton davon berichtete, dass man nebenan im Weinhaus Weis einen Wein getrunken habe, der noch älter als die Stadt sei. Kann man bei so viel bubenhaftem Charme ernsthaft sauer sein? Irgendwie macht es die Band sogar sympathisch, dass sie ihren Liveklassiker, „Ein Kompliment“, nicht als letzten Song verbrät, um die garantiert lautstarke Forderung nach Zugaben einzuheimsen. Traditionell übergeleitet von dem hymnischen „Siehst du das genauso?“, bebte der Marktplatz erstmals, als die 2.200 Besucher: „Ich wollte dir nur mal eben sagen, dass du das Größte für mich bist…“ in den Wormser Abendhimmel schmetterten. Wer danach aber noch Hits wie „New York Rio Rosenheim“, „Applaus Applaus“ oder als letzten Song des Hauptprogramms „Wunder fragen nicht“ raushauen konnte, der hatte die munter ihre Arme schwenkenden Besucher auf dem Marktplatz sowieso längst im Griff. Nach der wunderbar heimeligen ersten Zugabe „Lass mich nie mehr los“, durfte anschließend noch „Ich war noch niemals in New York“ ran, als Reminiszenz an den verstorbenen Udo Jürgens, mit dem man das Stück zu dessen Lebzeiten für das MTV-Unplugged-Projekt im Jahr 2009 noch einmal neu eingespielt hatte. Das wurde von den nun entfesselten Wormsern genauso lautstark mit geträllert wie das danach folgende „Ich, Roque“, bei dem die Stimmung ihren Höhepunkt erreichte, was Sänger Peter zu dem Ausruf „Rock City Worms“ veranlasste. Anschließend kam auch Drummer Flo zu Gesangsehren, während Sänger Peter am Schlagzeug Platz nahm. Bei „Es muss was Wunderbares sein“ schunkelten Band und Publikum gemeinsam in den nächsten Zugabenblock. Um zu unterstreichen, dass sie selbst wissen, dass sie zwar keine Riesenmusiker, aber trotzdem dankbar sind, seit nunmehr 21 Jahren in der deutschen Musikszene mitmischen zu können, gab es noch „1. Wahl“ auf die Ohren; quasi die Selbstabrechnung der Band: „Wir war’n nie die erste Wahl, nur durch Tricks und Gaunerei sind wir vorne mit dabei.“ Nach knapp 100 Minuten beendete das hymnische „Fast wie von selbst“ aus ihrem allersten Album „So wie einst Real Madrid“ einen kurzweiligen Konzertabend, der keine Wünsche offen ließ. Und nein, ihren WM Hit, „54, 74, 90, 2006“, haben die Sportfreunde Stiller natürlich nicht gespielt. Dass die Band den Fluch des größten Hits, auf den man nicht alleine reduziert werden möchte, nicht noch weiter anheizt, kann man durchaus verstehen. Wer mit seinen letzten sechs Veröffentlichungen jeweils auf einer der ersten beiden Plätze der Album-Charts gelandet ist, muss nicht noch drei Jahre nach der endlich erfolgten Weltmeisterschaft eine längst auserzählte Geschichte aufwärmen. Für das Thema Nostalgie waren eher „Matt Bianco“ auf dem Weckerlingplatz zuständig.

FAZIT: Gelungenes Auftaktkonzert vom „Jazz & Joy 2017“ bei prächtiger Stimmung auf dem Marktplatz und jeder Menge Hits mit Mitsingpotential.