Von Rasern, Zwergen und anderen Deutschen

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Kaya Yanar mit seiner Bühnenshow „Planet Deutschland“

05. Mai 2017 | Das Wormser Theater:

Geboren 1973 in Frankfurt am Main, ist Kaya Yanar geografisch und vom Alter her gar nicht so weit von dem 1976 geborenen Mannheimer Ceylan entfernt – und doch trennt sie Welten. Während der polternde Ceylan sich als Rocker inszeniert, sieht sich Yanar als der weitgereiste Feingeist. In seinem aktuellen Programm lenkt er das humoristische Brennglas allerdings vor allem auf sein Geburtsland Deutschland.

Nicht umsonst heißt sein Programm „Planet Deutschland“, folgt es doch der Frage, was eigentlich ist „typisch Deutsch“? Die Antwort zu finden, ist dabei nicht so einfach. Vermeintlich Deutsches entpuppt sich auf den zweiten Blick als gar nicht so heimatverbunden. Wo kommt eigentlich der Nikolaus her? Wo liegt die Heimat von Gartenzwergen und welcher Nation gehört eigentlich Kaya Yanar an? Während er beim beliebten Nikolaus die Türkei als Heimat ausmacht, liegen die Wurzeln der Zwerge wohl eher in Österreich. Und bei dem deutschen Dichterfürsten Goethe machte er gar türkisches Blut aus. Aber was ist mit dem Türken, der auch als Inder eine gute Figur machen würde, aber ein besseres Deutsch beherrscht, als so mancher waschechte Deutsche. Yanar erklärte dann auch erstmal dem Publikum, dass er seit einiger Zeit der Liebe wegen in der Schweiz wohne, was hin und wieder zu Identitätsproblemen führt. Während er in Deutschland der Türke ist, sehen ihn die Schweizer als Deutschen. Natürlich durften auch politische Spitzen in Richtung Türkei nicht fehlen. So bezeichnete Yanar das türkische Oberhaupt als „beinharten Türken; wenn er so weitermacht, sind alle in der Türkei eingesperrt.“ Mit Vergnügen sezierte der überzeugte Vegetarier auch eigenwillige deutsche Gebräuche und erzählte, als sein Vater nach Deutschland kam, hätte dieser viele nicht verstanden. Wobei Yanar bis heute selbst darüber rätselt, welche Bewandtnis es mit dem obligatorischen Blick in die Augen beim Zuprosten hat und fragte unschuldig: „Gibt es dann sieben Jahre schlechten Sex?“ Nicht minder verwundert zeigte er sich auf der Bühne über Deutschland als weltweit einziges Land, das teilweise kein Tempolimit kennt oder wie Yanar sagt: „Deutschland, das schnellste Land der Welt“. Dieser Satz führte ihn wieder zu der Vorstellung eines Autobahnduells zwischen den besagten rasenden Deutschen und den gemütlichen Schweizern. Selbst bei solch oberflächlichen Kalauern gelingt es Yanar mit seinem Gespür für Sprache, dem Publikum ein herzhaftes Lachen abzugewinnen. Yanar versteht allerdings auch die Kunst des entlarvenden Witzes, in dem er, wie beim Beispiel „Dienstreisen“ einfach aus dem dazugehörigen Gesetzestext liest. „Stirbt ein Reisender währender der Fahrt, so ist die Dienstreise beendet.“ Dazu passte dann auch perfekt das genüsslich geschilderte Erlebnis, als sich Yanar als Beifahrer auf einer „Dienstreise“ befand und versuchte, einen McDonald-Salat mit dem dazugehörigen Dressing zu vermengen. Leider misslang der herzhafte Versuch, da die Box beim kräftigen Schütteln explodierte und Dressing sowie Salat sich gleichmäßig auf Armatur und Fenster verteilten. Nebenbei beeindruckte der Wahlschweizer mit seinem Sprachtalent und rezitierte griechische Kindergedichte, sang türkische Volkslieder oder unterrichtete das Publikum in der arabischen Kunst des Flirtens. Am Ende des rund zweistündigen Abends bedankte sich das Publikum mit „Standing ovations“ und einem Orkan aus Applaus. Yanar wiederum bedankte sich mit der Aussprache neuerlernter Wormser Wörter wie „Bachbutzer“ oder „Gutsje“.

Fazit: Comedy mit türkischem Migrantenhintergrund – ohne Sex und Machotum. Kann das funktionieren? Ja, das tat es! Der wortgewandte Yanar unterhielt tempo- und vor allem abwechslungsreich und begeisterte zumeist mit feinfühligem Wortwitz.