Wie die Wormatia der Hertha den Saft abgedreht hat

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Man sieht sich immer zweimal im Leben

Die DFB-Pokal-Begegnung zwischen dem Viertligisten, Wormatia Worms, und dem letztjährigen Bundesligaabsteiger, Hertha BSC, war das erhoffte Fußballfest, das mit „Hitzeschlacht“ wohl besser umschrieben wäre. Bei Temperaturen um 36 Grad schenkten sich beide Teams am heißesten Tag des Jahres nichts und lieferten sich einen phasenweise begeisternden Pokalfi ght – mit dem besseren Ausgang für den krassen Außenseiter, der im laufe des Spiels über sich hinausgewachsen war. Welch ein großartiger Tag für Worms!

 

Die Vorzeichen

Kurz vor dem Spiel hielt sich der Optimismus in der Fanschaft der Wormatia eher in Grenzen. Ein mauer Saisonstart mit zwei Unentschieden, inklusive einer grottenschlechten zweiten Halbzeit im letzten Saisonspiel bei Kaiserslautern II., dazu eine ganze Latte an Spielern, die noch nicht richtig fit waren oder sich mit kleineren Blessuren plagten – das nährte nicht gerade die Hoffnungen im Wormser Lager, gegen die Hertha aus Berlin für einen Paukenschlag sorgen zu können. Kurz vor dem Spiel verdichteten sich dann die Anzeichen, dass im Sturm sowohl Oppermann als auch Torjäger Dressler und Neuzugang Jabiri nicht fit genug für 90 Minuten sein würden, so dass nur noch der bisher mit wechselhaften Leistungen agierende Younes Bahssou als vorderste Sturmspitze übrig blieb. Als dann auch noch klar war, dass es am Spieltag richtig heiß werden würde, da schienen die Felle erst recht davon zu schwimmen, sollten doch die Vollprofis der Hertha gemeinhin austrainierter sein als die „Feierabendfußballer“ der Wormatia und somit „eigentlich“ besser mit der Hitze zurechtkommen.

 

Der große Tag beginnt perfekt

Und dann begann der Tag, auf den sich die Anhängerschaft seit Wochen gefreut hatte, geradezu traumhaft. Kaum zwei Minuten waren absolviert, als der starke Abele einen Freistoß am Mittelkreis blitzschnell ausführte, Röser in den Strafraum eindrang und von dem erst 19-jährigen Keeper der Berliner, Sprint, von den Beinen geholt wurde. Elfer und nur Gelb, so mancher wollte hier sogar eine Notbremse gesehen haben. Tim Bauer ließ sich davon nicht beeindrucken und hämmerte den Ball genau in die Mitte des Tores, während Sprint in die rechte Ecke abgetaucht war. Bei Temperaturen um 36 Grad war ein frühes Tor natürlich Gold wert, denn in der Folgezeit waren es die Berliner, die kommen mussten. Wer jedoch geglaubt hatte, die Mannschaft von Jos Luhukay würde nun im Minutentakt Chancen herausspielen, musste konsternieren, dass ein Zweiklassenunterschied lange Zeit überhaupt nicht erkennbar war und wirklich Zwingendes wollte den behäbigen Berlinern auch nicht gelingen.

 

Klar, konnte man sich in der 16. Minute bei dem überragenden Schlussmann der Wormaten, Kevin Knödler, bedanken, der einen Schuss von Sandro Wagner aus vielleicht 3 Metern Entfernung mit einem sensationellen Refl ex zur Ecke gelenkt hatte, um sich danach schreiend aufzuplustern, als wollte er sagen: „So leicht machen wir es der Hertha nicht…“ Auch einen Schuss von Maik Franz vom 16-er konnte Knödler problemlos entschärfen, demgegenüber stand eine gute Schusschance für Kevin Wittke, der glänzend von Bahssou bedient worden war. Und so hielt die Führung mit

etwas Glück und ziemlich viel Geschick bis zum Pausenpfiff des gut leitenden Unparteiischen Grudzinski aus Hamburg. In der Halbzeitpause lief „Tage wie diese“ von den Toten Hosen und obwohl man dem Triumph unerwartet nah war, traute so mancher dem Braten nicht und befürchtete einen Einbruch in der zweiten Halbzeit, wenn der Ex-Bundesligist Hertha BSC Berlin aufdrehen und seine physische Überlegenheit ausspielen würde.

 

Die Wormatia wackelt, aber fällt nicht

Tatsächlich wurde es in der zweiten Hälfte zunehmend ungemütlicher, verlagerte sich das Geschehen doch verstärkt in die Wormser Hälfte, wo Rösner & Co. weiterhin die knappe Führung verteidigten, auch wenn die Berliner nun deutlich die Schlagzahl erhöhten. In der 51. Minute zielte Sandro Wagner knapp am langen Pfosten vorbei, in der 63. Minute setzte Ramos einen Kopfballaufsetzer an die Unterkante der Latte, von wo der Ball raussprang und von Torwart Knödler mit Glück und Geschick aus der Gefahrenzone befördert wurde. Eine Minute später war es dann aber vorbei mit der Herrlichkeit, denn nach einer Ecke erzielte Wagner mit der Brust den nicht unverdienten Ausgleich. Einen Tag später berichtete Wormatias rechter Verteidiger Christoph Böcher gegenüber der WZ, dass zu diesem Zeitpunkt bereits alle Spieler auf dem Zahnfleisch gekrochen seien: „Als die Hertha den Ausgleich geschossen hat, habe ich nicht gewusst, wie das jetzt noch weiter gehen soll“. Umso beeindruckender wie das Team von Ronny Borchers, das nach dem Ausgleich stehend k.o. schien, anschließend noch einmal das Letzte aus dem durch die Gluthitze geschwächten Körper rausgeholt hat. Dafür können nur Bezeichnungen wie „unbedingter Wille“ oder das berühmte „über die Schmerzgrenze gehen“ herhalten – also genau die Eigenschaften, die „Wormser Buwe“ im Dress mit dem Drachen auf der Brust schon seit jeher ausgezeichnet haben.

 

DER Moment des Tages

Wer geglaubt hatte, jetzt würden die Berliner in der letzten halben Stunde ein lockeres und eigentlich auch standesgemäßes 3:1, vielleicht 4:1, einfahren, sah sich getäuscht. Zwar wurden die Offensivaktionen der Wormser immer seltener, aber trotzdem war auch für den Letzten im Stadion erkennbar, dass da ein Team auf dem Rasen mit ganz viel Herzblut dagegen ankämpfte,den vermeintlich unausweichlichen Tod zu sterben. Das hatte zur Folge, wie Torwart Kevin Knödler ein paar Stunden später in der SWR-Sendung „Flutlicht “ so schön sagte: „Auf einmal is unser Publikum abgegange, sowas hab ich in Worms noch net erlebt….“ Auch die hitzegeschädigten Zuschauer schienen nun die letzten Reserven zu mobilisieren. Als sich das

Spielgerät in der 82. Minute nach langer Zeit mal wieder in der Hälfte der Hertha befand, da genügte ein Geniestreich des erneut ungemein fleißigen Böcher, der Wittke auf der rechten Seite mit einem Lupfer über die statische Abwehr des Zweitligisten auf die Reise schickte. Was zunächst nicht einmal wie eine echte Torchance aussah, entpuppte sich – sehr zur Überraschung der Berliner – zum Todesstoß für die Hauptstädter, denn Wittkes Pass in die Mitte spitzelte Torjäger Romas Dressler, den Borchers erst zur Pause eingewechselt hatte, gegen die Laufrichtung des verdutzten Torwarts Sprint in die kurze Ecke. Da Hertha-Verteidiger Morales zu unentschlossen auf den Ball gegangen war, war Dressler, der dieses Tor unbedingt machen wollte, einen Tick schneller am Ball. Kurz nachdem der Ball quälend langsam über die Linie getrudelt war, setzte ein ohrenbetäubender Jubel des Wormser Anhangs ein, der sein Glück kaum fassen konnte.

 

Danach musste noch 8 Minuten lang gezittert werden, wobei man in dieser Zeit – nun angetrieben von einem Publikum, das völlig außer Rand und Band war – keine einzige brenzlige Situation mehr überstehen musste. Während die unerwartete Führung den Wormsern eine zweite Luft beschert hatte, konnten die Berliner dem erneuten Rückschlag gar nichts mehr entgegensetzen und mussten sich nach Schlusspfiff „Ihr seid so lächerlich!“-Rufe der knapp 750 mitgereisten Berliner Anhänger anhören.

 

Revanche geglückt

Die Revanche für den ominösen Stromausfall vor 34 Jahren in Berlin ist geglückt durch ein Tor aus dem Nichts, durch eine Chance, die keine war, in einer Phase, als eher die Hertha am Drücker war. Was für ein dreckiges und doch so herrliches 2:1. Dabei war es sowas von egal, dass das der einzige wirklich produktive Angriff in der zweiten Hälfte war. Klar hatte Hertha mehr vorm Spiel, aber die Leidenschaft, mit der man sich mit Haut und Haaren gegen die drohende Niederlage aufgebäumt hat – alleine deswegen war der Sieg der Wormatia verdient. Tim Bauer, Elfmetertorschütze vom 1:0, meinte hinterher in der Sportschau: „Wir sind alle stehend k.o. und brauchen wohl eine Zeit, um das hier zu realisieren.“ Derweil versuchte sein Trainer Ronny Borchers, der auch an diesem Tag mal wieder alles richtig gemacht hatte, in der Pressekonferenz Worte dafür zu finden, dass in seinem Team einige angeschlagene Akteure kaputt waren, weshalb er einer drohenden Verlängerung eher bange gegenüberstand. Als er dann aber gerade über die „Angst vor der Verlängerung“ zu schwadronieren begann, brach er mittendrin ab und meinte nur ganz lakonisch: „Ach mei, ich glaub das interessiert Sie alles gar nicht. Wir sollten heute einfach nur happy sein.“

 

Und

das waren Spieler, Fans und Verantwortliche nach einer unglaublichen Hitzeschlacht vor 6.236 Zuschauern (darunter 750 Berlinern). Wer aufgrund der tropischen Temperaturen kurzfristig entschieden hatte, dem Spiel fern zu bleiben, hat nicht nur einen gepflegten Sonnenbrand, sondern ebenso ein Spiel für die Ewigkeit verpasst.

 

Ein Sieg, der unbezahlbar ist

Das 2:1 gegen Hertha BSC ist ein Sieg, der schier unbezahlbar ist und das nicht nur, weil es für den Einzug in die 2. DFB-Pokalrunde knapp 250.000.- Euro Prämie gibt (für ein erneutes Weiterkommen gäbe es dann eine weitere halbe Million). Viel wichtiger aber ist der Imagegewinn, was auch zahlreiche Postings von jungen Leuten bei Facebook unterstrichen, von denen anschließend zu lesen war: „Ihr habt seit heute einen Fan mehr….“ Bis 24 Uhr hatten an diesem Sonntag bereits mehr als 600 User den „gefällt mir“-Button bei der Meldung über das Husarenstück der Wormatia gedrückt. Irgendwann weit nach Mitternacht ein letzter Eintrag eines Users, der vermutlich immer noch nicht schlafen konnte: „Bin einfach nur stolz, ein Wormser zu sein! Meine Stadt, mein Verein! Alla Wormatia! Danke an alle für diesen unvergesslichen Tag!“ Ein Satz, der exemplarisch für die Gedankenwelt von mindestens 5.486 Wormsern an diesem Tag stehen dürfte…

 

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