Worauf uns der Sisyphos-Mythos der griechischen Antike auch heute noch hinweisen kann:

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„Der Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen“

Aus dem humanistischen Gesprächskreis (HGK) Worms

Zum mythologischen Hintergrund: Aus der Sicht der Altgriechen hatten deren Gottheiten Sisyphos gleich für mehrere bzw. verschiedene Vergehen verurteilt. Über die Gründe, weshalb ihm in der Unterwelt das Dasein eines anscheinend unnützen Arbeiters beschert wurde, gibt es verschiedene, teils widersprüchliche Angaben. Teilweise galt Sisyphos in der griechischen Antike als der weiseste und klügste unter den Sterblichen. Nach einer anderen Überlieferung jedoch betrieb er das Gewerbe eines Straßenräubers. Dann wurde er aber auch als Frevler dargestellt, dem es durch skrupellose Schlauheit mehrfach gelungen sein soll, trickreich z. B. den Tod zu überlisten und den Zustrom zum griechischen Totenreich zu sperren, indem er den Todesgott Thanatos fesselte. Wie auch immer.

Die Strafe der altgriechischen Gottheiten für Sisyphos bestand jedenfalls darin, ihn unablässig einen Felsblock einen Berg hinaufwälzen zu lassen, von dessen Gipfel der Stein von selbst wieder hinunterrollte. Es sollte dadurch wohl zum Ausdruck kommen, dass eine anscheinend unnütze und aussichtslose Arbeit letztlich eine fürchterliche Strafe ist. Denn immer, wenn Sisyphos oben auf dem Berg ankam, musste er zusehen, wie der Stein den Berg wieder hinabrollte. Und Sisyphos musste immer wieder zum Fuße des Berges hinuntergehen, um den Fels wieder aufzunehmen. Genau zu diesem Moment bemerkte nun Camus:

„In diesen Augenblicken, in denen er [sc. Sisyphos] den Gipfel verlässt […],
ist er seinem Schicksal überlegen. Er ist stärker als sein Fels.“

Camus fokussierte sich also auf Sisyphos in dem Moment, in dem er dem Stein folgt und zum Fuße des Berges hinabgeht, und sah ihn dabei als Herrn über sein Schicksal; und zwar deshalb, weil er sein Schicksal aus eigenem Entschluss annimmt, also das Hinaufrollen des Steins aus eigenem Antrieb wieder aufnimmt. Der Fels sei, so Camus über Sisyphos, „seine Sache“ geworden. Camus interpretierte damit den Sisyphos-Mythos bewusst um – und zwar vor dem Hintergrund seines existentialistischen Welt- und Menschenbildes. Sisyphos lehre uns, so Camus, „die größere Treue, die die Götter leugnet und die Steine wälzt“. Damit, so Camus, würden eben die Leidenschaften dieser Erde bezahlt.

Man kann, auch heute noch, den Stein des Sisyphos als Symbol für die prinzipielle Unbeherrschbarkeit des menschlichen Schicksals verstehen. Über die z. B. anscheinend grundlose Sinnlosigkeit des Lebens kann der Mensch nach Sartre nur dann die Oberhand behalten, wenn er selbst dieser Sinnlosigkeit einen Sinn verleiht, indem er – wie Sisyphos – diese Sinnlosigkeit nicht akzeptiert, sondern sie zu einem von ihm vorgegebenen, man könnte auch sagen, geplanten Ablauf zwingt, ohne den der Stein am Fuß des Berges liegen bliebe. Erst Sisyphos‘ Handlung (das erneute Hinaufrollen des Steins) führt dazu, dass er Einfluss auf das Geschehen behält und damit seinem Leben bzw. seinem Schicksal einen Sinn verleiht. Für einen Existenzialisten wie Camus bedeutet das Bewusstsein um diesen Sachverhalt, dem eigenen Schicksal einen Sinn verliehen zu haben, letztlich: erlebtes Glück – gerade im Angesicht einer Welt, die selbst sinnlos erscheint.
Deshalb beendete Camus seine Sisyphos-Interpretation auch mit den Worten:

„Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.“

Dr. Karl-Heinz Büchner, Bernd Werner
Für den Humanistischen Verband Deutschland (HVD), Landesverband RLP, Gruppe Worms

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