Wo!rmser Originale

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Teil 4: Eichfelder

Geboren wurde er in Worms, aber kaum war er 18, zog es ihn hinaus in die weite Welt, wo er auch bleiben wollte. Für Worms war es ein Glück, dass es dabei nicht blieb und er wieder in die Heimat zurückkehrte. seine Kunst und der Name „Eichfelder“ dürften den meisten Wormsern seither ein Begriff sein.

Bevor es ihn die Welt hinauszog, fiel Eichfelders kreativer Drang schon in der Schule auf. Dort leistete er mit seinen Wandbildern einen Beitrag, das Schulleben ein wenig schöner zu gestalten, arbeitete an der Schülerzeitung mit und wurde zum Schülersprecher gewählt. Für ein wenig Aufregung sorgte das erste Wormser Stadtmagazin, an dem auch er mitarbeitete, und das bereits nach einer Ausgabe wieder eingestellt wurde. Was war passiert? „Tabu“ hieß das Magazin und sollte ein Gegenentwurf zur Wormser Tagespresse sein. Das wollten die Macher bereits mit dem ersten Cover verdeutlichen, auf dem unschwer eine Ausgabe dieser Zeitung zerknüllt in einem Papierkorb zu sehen war. Eine derlei explizite Kritik war zu viel, was dazu führte, dass sich für eine zweite Ausgabe keine Anzeigenkunden fanden. Aufmerksamkeit erregte auch seine erste Performance. Bereits dabei zeigte sich sein reges Interesse an kirchlichen Themen und der Suche nach Antworten. Unter dem Titel „Die katholische Perversion“ wollte er auf kirchliche Missstände, wie die Missbrauchsskandale, hinweisen. Während befreundete Musiker der Veranstaltung einen musikalischen Rahmen gaben und ein weiterer Freund die Bergpredigt rezitierte, malte er ein Kreuz, der Inbegriff der christlichen Religion. Links vom Kreuz waren Reliquien aus einem Katalog für Priester zu sehen und rechts davon die Zahl missbrauchter Kinder (655). Die Aktion sorgte zwar für viel Diskussionsstoff, enttäuschte aber dennoch den Rebellen in ihm. Während seines Abiturs reifte in ihm schließlich die Idee, BWL zu studieren. Allerdings nicht mit dem Ziel, irgendwann mal ein erfolgreicher Topmanager zu werden, sondern beseelt von dem rebellischen Gedanken, das System von innen heraus zu ändern. Ein guter Freund prophezeite ihm allerdings, dass ihn das System wahrscheinlich schneller ändern würde als umgekehrt. Der junge Mann hatte ein Einsehen und beschloss schließlich, Kunst zu studieren.

Ein jäher Schicksalsschlag veränderte jedoch plötzlich sein komplettes Leben. Eichfelder strich daraufhin sein Studium und beschloss, mit öffentlichen Verkehrsmitteln nach Indien zu reisen, um nach Antworten über seinen persönlichen Sinn zu suchen. Diese fand er in den Lehren des indischen Philosophen Jiddu Krishnanmurti, im Taoismus und im Zen-Buddhismus. Zufrieden mit dem, was er gefunden hatte, setzte er seine Reise fort, begann, sich zunehmend mit Mythologien zu beschäftigen, lebte eine Zeitlang in Marokko und landete schließlich in einer Hippie-Enklave in Portugal, wo er zum ersten Mal seit Jahren das Gefühl hatte, angekommen zu sein. Man merkt ihm im Gespräch an, dass er die Zeit dort sehr genossen hat. Vielleicht würde er auch heute noch dort leben, wenn seine damalige Lebensgefährtin nicht schwanger geworden wäre. Es stellte sich plötzlich die Frage, wo ihr gemeinsames Kind aufwachsen soll. Für kurze Zeit liebäugelte er mit dem Gedanken, nach England zu ziehen, entschied sich aber, zurück in seine Heimatstadt zu gehen. In seiner Abwesenheit hatte er Worms mit seinem geschichtsträchtigen Hintergrund schätzen gelernt. Plötzlich war es nicht mehr die kleine Stadt, deren Straßen zu eng sind für die breiten Schultern eines jungen Rebellen. „Was hier und anderswo vor aberhunderten von Jahren passiert ist, fasziniert mich. Wäre ich als Tourist in Deutschland unterwegs, läge Worms mit Sicherheit als absolutes Muss auf meinem Weg“, sagte er einmal einem Journalisten. Wieder zurück in der Heimat, begann er, sich intensiv mit dem Nibelungenlied auseinanderzusetzten. Ein erstes Projekt, was daraus entstand, war der sogenannte „Rosengarten“. Entlang des Rheinufers sollte ein labyrinthischer Rosengarten entstehen in Bezug auf das gleichnamige Epos, dessen Hauptschauplatz eben jener Garten Kriemhilds war. Noch heute sind die Pläne hierzu auf der Homepage der Nibelungenliedgesellschaft nachzulesen. Umgesetzt wurde das Projekt leider nie, dafür aber seine Beiträge zum Nibelungenmuseum. In rund zweijähriger Arbeit erstellte er 27 Bildtafeln, die die mythische Vorgeschichte von Worms und dem Nibelungenlied zu ergründen suchen. Zwar sah Eichfelder das Projekt Nibelungenmuseum – so wie viele Bürger – durchaus kritisch, dennoch war er der Überzeugung, dass die Nibelungen für Worms ein sehr wichtiges Thema seien. Als logische Konsequenz, um die Bedeutung zu unterstreichen, entwickelte er den Plan, auf der Rückseite symbolhaft ein Siegfried Grab zu errichten. Ein üppiger Grashügel, der flankiert wird von zwei Menhiren (Hinkelsteinen), die jeweils 3,50 Meter groß sind, prägen heute das Stadtbild genauso wie seine Plakate und Logos zu unzähligen Veranstaltungen.

Eichfelder, der auch selbst einige Aufsätze für die Nibelungenliedgesellschaft zum selbigen Thema verfasst hat, konnte zuletzt mit der Sonderausstellung „Luther 1521“ einen großen Erfolg verzeichnen. Die kleine, aber feine Ausstellung sorgte vor allem mit einer 3D-Visualisierung überregional für viel Aufsehen. Eichfelder stellte diese Ausstellung zusammen und lieferte die Pläne, mit denen eine auf Visualisierungen spezialisierte Firma das Worms aus dem Jahre 1521 filmisch auferstehen ließ. Es scheint, als sei der vielfach talentierte Künstler in seinem Leben endgültig angekommen.