So ein Deutschland widert mich an!

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Internetfundstücke des Monats zum Thema „Rassismus in Deutschland“

Es ist ein Thema, das wütend macht. In einem Land, in dem die NSU ungestraft über Jahre hinweg türkische Mitbürger abknallen durfte, schlägt einem derzeit ein brauner Mief entgegen, der schier nicht mehr zu ertragen ist. Während Menschen in unser Land kommen, die ein paar Tage zuvor noch mit ansehen mussten, wie ihre halbe Familie abgeschlachtet wurde und die nun Schutz und Zuflucht in Deutschland suchen, werden von den Rechten gezielt Unwahrheiten verbreitet und der braune Mob greift sogar Hilfskräfte an, die den Flüchtlingen helfen wollen. Das ist beschämend für ein Land mit der Vergangenheit von Deutschland. Umso wichtiger, dass es in den letzten Wochen immer wieder Prominente gab, die ihre Meinung zu dem längst nicht mehr nur unterschwellig grassierenden Rassismus geäußert haben. Und da man es manchmal selbst kaum besser sagen könnte, gehört das Wort an dieser Stelle einem großartigen Liedermacher, einem Comedian und dem Sänger einer der größten deutschen Bands, die sich in den vergangenen Wochen in den Sozialen Netzwerken zu dem Thema „Rassismus in Deutschland“ geäußert haben.

In Dresden ist eine Zeltstadt für bis zu 1100 Flüchtlinge aus Syrien errichtet worden. Schon den Aufbau behinderten Rechtsextreme einer NPD Demonstration und sie bedrohten die Helfer. Diese und so viele andere Meldungen treiben einem die Schamesröte ins Gesicht. Die hassverzerrten Gesichter der Rassisten sind kaum zu ertragen. Wehe diese gefühllosen Dummköpfe sind losgelassen. Was muss wohl alles schief gelaufen sein in einem jungen Menschenleben, dass man sich entschließt, mit einem Baseballschläger auf die loszugehen, denen es noch viel schlechter geht als einem selbst, auf die Ärmsten und Bedürftigsten? Durch finanzielle Not und mangelnde Bildung allein ist das nicht zu erklären. Diesen Menschen muss von Kindesbeinen an jede Form von Zärtlichkeit verweigert worden sein, ihnen wurde, wie beim Militär, das Menschsein aberzogen. Aber wir sollten aufpassen, dass unsere Empörung nicht ebenso Hass in unseren Herzen entstehen lässt und auf unsere Gesichter zeichnet. In meinem Buch „Mönch und Krieger“ beschreibe ich ein Erlebnis, das mir unvergessen bleiben wird und – ein ganz klein wenig Hoffnung gibt: „…Nur die Kraft der Versöhnung und der Vergebung kann etwas Nachhaltiges bewirken. Dieser Bereitschaft zur Versöhnung muss eine klare Analyse vorausgehen. Sie sollte auch nicht dazu führen, dass man die eigene Haltung aufgibt und sich die gegnerische Meinung zu eigen zu machen. Manchmal kann sogar Zärtlichkeit, auch wenn es schwer fällt, der richtige Weg sein, jemanden von der Unrichtigkeit seines Handelns zu überzeugen.“
Als ich 1996 mit einem schwarzafrikanischen Chor aus Kamerun auf Tour war, wurden wir in einer Stadt in Ostdeutschland gefragt, ob wir in einem Jugendzentrum, dessen „Schützlinge“ rechtsradikalem Gedankengut nahe standen, einen Besuch abstatten wollten. Ich fand das sehr interessant und fragte meine Freunde aus Kamerun, ob sie mitkommen wollten. Wir waren geschützt und Gewalt war nicht zu erwarten. Zwei der Sänger begleiteten mich dann. Sie kamen in Kameruner Tracht und wir standen einem feindseligen Haufen junger Leute gegenüber, die uns spöttisch angrinsten. Nach ein paar einleitenden Worten des Leiters des Zentrums und einigen belanglosen Wortgefechten, fragte ich einen der Wortführer, ob er denn bereit wäre, einen meiner Sänger in den Arm zu nehmen. Er schüttelte sich demonstrativ angeekelt und sagte unter beifälligem Gemurmel der anderen, zum Großteil sehr jungen Leute: „Nie. Nie nehm ich einen Schwarzen in den Arm“ Darauf rief mir einer zu: „Du würdest einen von uns auch nicht in den Arm nehmen.“ Gelächter allerseits. Daraufhin trat ich auf den jungen Mann zu, spontan und ohne mir etwaige Konsequenzen überlegt zu haben, und nahm ihn in den Arm und drückte ihn an mich. Es war eine atemlose Stille im Raum für einen fast endlosen Augenblick. Dann sagte er zu mir den Satz, den ich niemals in meinem Leben vergessen werde: „Das hat in meinem ganzen Leben noch nie jemand mit mir gemacht.“ In seinem ganzen Leben – ich war erschüttert. In was für einem Elternhaus musste der junge Mann aufgewachsen sein, wenn ihn nie jemand in den Arm genommen hat. Man verzeihe mir die Polemik, aber was soll da denn dabei herauskommen, wenn nicht ein Rassist, ein Gewalttäter, ein Nazi? Ich wage zu behaupten, ohne diese verdammte „schwarze Pädagogik“ zu Anfang des 20. Jahrhunderts, ohne diese verdammte autoritäre, Menschen zu Untertanen abrichtende, liebelose, entzärtlichte Erziehung wäre das „dritte Reich“ nicht möglich gewesen. Es wäre einfach nicht denkbar gewesen, dass Millionen von Menschen sadistischen und entmenschlichten Führern bedingungslos folgen.“

Konstantin Wecker

Was ist denn los in unserem Land? Wir sind Exportweltmeister, verdienen an der Krise in Griechenland, haben Jahrzehnte davon profitiert, dass wir die Länder der 2. und 3. Welt ausgebeutet haben. Glaubt ihr wirklich, wenn ihr Bananen kauft, dass sich der Mann, der sie für euch gepflückt hat, ein Haus mit Flatscreen, Einbauküche, Mac Book und ein fettes Auto leisten kann. Nein, kann er nicht. Wenn er das wollte, würden Bananen viel teurer sein. Wir leben auf Kosten anderer! Dies nur mal als Beispiel. „Unser“ Benzin kostet uns weniger als viele andere Menschen für die selbe Menge Wasser bezahlen müssen, um nicht zu verdursten. Wir liefern Waffen in Krisengebiete und wundern uns, wenn die Menschen, die sich an dem Konflikt nicht beteiligen wollen, flüchten, um ihr und das Leben Ihrer Kinder zu retten. Im Libanon, der sicher nicht zu den reichsten Ländern dieser Erde gehört, kommen auf 1.000 Einwohner 257 Flüchtlinge. In Deutschland sind es gerade einmal 2! Hier führt sich aber mittlerweile ein Haufen sogenannter „Deutscher Kulturverteidiger“ auf, als ob wir komplett unterwandert würden. Davon abgesehen, sollte man auch begreifen, dass wir im Schnitt jedes Jahr 500.000 Menschen in diesem Land bräuchten, flippen aber aus, wenn ein paar tausend kommen. Wie soll das gehen? Ich möchte nicht mehr Wörter und Sätze lesen wie: „Gutmenschen“, „Ich bin zwar kein Nazi, aber…“, „Man muss auch mal an die Obdachlosen denken.“ Obdachlose. Zur Zeit, DAS Argument einiger Rechter! Wer von euch hat sich denn irgendwann mal in seinem Leben um Obdachlose gekümmert! Wer? Wer von euch hat mit Kindern, Behinderten oder psychisch Kranken gearbeitet? Wer von euch aufrechten Deutschen? Ihr hockt den ganzen Tag vor eurem Rechner und haut dümmliche Parolen raus und werft mit irgendwelchen Zahlen um euch, die ihr nie belegen könnt. Und ja, ich bin gerne ein Gutmensch, viel lieber als ein Arschloch! Also kümmert es mich nicht, wenn immer wieder dieses dümmliche „Gutmensch“ von euch kommt. Es läuft einiges schief hier in unserem Land, keine Frage. Aber wer von euch engagiert sich denn politisch? Und damit meine ich nicht dumme, rechte Parolen schreien. Ihr lasst euch von rechten Rattenfängern instrumentalisieren und merkt es noch nicht einmal. Wenn bei euch ein Spielplatz geschlossen werden soll, dann bewegt euren rechten Hintern aus eurer Bude und engagiert euch. In einer Bürgerinitiative, in einem Verein oder macht einfach Kommunalpolitik. Aber hört auf, gegen Menschen aus anderen Ländern zu hetzen! Seit Jahrzehnten findet eine Umverteilung von unten nach oben statt. Und was macht ihr dagegen? Nichts! Das ist alles politisch gewollt und kein Zufall, dass die Reichen reicher und die Armen ärmer werden. Also begehrt dagegen auf und beschwert euch nicht, wenn die Post nicht kommt, wenn Züge nicht fahren, nur weil Arbeitnehmer genau dem entgegensteuern wollen! Kämpft für eure Rechte! Lasst uns unser Land verändern! Dies geschieht aber niemals, wenn Menschen, die hierher kommen und Schutz und oder ein besseres Leben wünschen, beleidigt, traktiert oder sonst was werden. In der französischen Revolution zum Beispiel, da haben nicht die armen Bauern gegen die noch ärmeren Bauern gekämpft, sondern gegen die Obrigkeit. Hört auf, auf denen rumzutrampeln, denen es noch schlechter geht als euch. Das ist armselig. Lasst uns gemeinsam versuchen, aus unserem guten Land noch ein besseres zu machen und dies nicht auf Kosten anderer Länder und Menschen. Ich ertrage Euren Hass nicht mehr! Es widert mich an! So ein Deutschland, von dem die Rechten immer faseln, will ich nicht! Ich habe fertig!

Sven Hieronymus

Solange es Leute gibt, die nichts können, nichts wissen und nichts geleistet haben, wird es auch Rassismus geben. Denn auch diese Leute wollen sich gut fühlen und auf irgendetwas stolz sein. Also suchen sie sich jemanden aus, der anders ist als sie und halten sich für besser. Oder sie sind bekloppterweise stolz darauf, „Deutsch“ zu sein, wozu keinerlei Leistung ihrerseits nötig war.

Farin Urlaub (Zitat aus „Frizz Das Magazin Halle“)