Blind auf beiden Augen

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Warum es in Worms keinen augenärztlichen Notdienst gibt

Die Fähigkeit zu sehen, ist eine, die wir oft als selbstverständlich annehmen. Erst wenn wir registrieren, dass irgendwas nicht stimmt, bemerken wir, dass Sehen keine Selbstverständlichkeit ist. Nun passieren Unfälle, Krankheiten oder andere Einschränkungen nicht unbedingt nur zu den Zeiten, wenn die Arztpraxen geöffnet haben. Aus diesem Grund gibt es Notärzte oder die Notaufnahme in Krankenhäusern. Wenn es allerdings um so spezielle Dinge wie das Auge geht, sind Spezialisten notwendig. Aus diesem Grund gab es in früheren Jahren auch in Worms einen augenärztlichen Notdienst. Doch dieser gehört seit geraumer Zeit der Vergangenheit an. Seit acht Jahren müssen sich Patienten aus Worms und Umgebung auf den Weg nach Mainz oder Mannheim begeben, um eine entsprechende Behandlung zu erfahren. Eine Situation, die unhaltbar ist, wie seit einiger Zeit die engagierte Augenärztin Dr. Elke Eicher immer wieder erklärt. Immerhin betrifft dieser Umstand rund 100.000 Menschen in Worms und seinem Umland. Die Augenärztin verfasste nun einen Offenen Brief, den sie sowohl der Wormser Zeitung als auch uns zur Veröffentlichung gab. Da auch wir der Auffassung sind, dass die Bürger ein Recht auf Notversorgung haben, finden sie im Folgenden den Brief von Frau Dr. Eicher. Hierbei bezieht sie sich auch auf die Neueröffnung des Augenarzt Zentrums und einen Artikel in der WZ. Natürlich begrüßt die Ärztin die Eröffnung dieses Zentrums, stellt aber die berechtigte Frage: Was kommt danach, wenn das Zentrum geschlossen hat?

Ein Offener Brief der Augenärztin Dr. Elke Eicher:
Es muss notdienstmäßig im „Hier“ und im „Jetzt“ investiert werden!

Praxisbegehung eines Augenarzt Zentrums in Worms durch den Oberbürgermeister: „Seit einem halben Jahr behandelt Dr. Till Werner und seine Kollegen im neuen Augenarzt Zentrum in der Kameliterstraße täglich von acht bis 20 Uhr Patienten.“ (WZ, 18.11.15)

Was passiert ab 20 Uhr, d.h. nachts und am Wochenende, sowie an den Feiertagen mit den Augennotfallpatienten? Bei dem seit ca. 8 Jahren nicht bestehenden Augennotdienst und den vergeblichen Bemühungen meinerseits, diesen wieder in Worms neu zu installieren, muss das ca. zwei Jahren bestehende „dröhnende Schweigen“ gebrochen werden. Ein Bild in der WZ vom 18.11.15 zu dem genannten Artikel, zeigt den die Geräte erklärenden Augenarzt Dr. Till Werner (wie passt der weiße Kittel, zu einem Nicht Augennotdienst) und den intensiv zuhörenden OB Kissel, der diese Situation unterstützt. Dieses Bild ließ mich an einen bemerkenswerten Satz des Philosophen Immanuel Kant denken: „Das Unerträgliche hinzunehmen, ohne Widerstand zu leisten hieße, selbst ein Teil des Unerträglichen zu sein…“ Herr Kissel wurde in der Zeitung mit den Worten „Diese Einrichtung ist ein echter Gewinn für die Stadt, denn die Gesundheitsversorgung ist ein wichtiger Indikator für die Lebensqualität“ zitiert. An dieser Stelle frage ich mich und die Bürger von Worms – ist eine Notversorgung nicht auch ein wichtiger Indikator für die Lebensqualität? Ist es sinnvoll, eine Praxisbegehung zu machen, mit dem, der die Notfallversorgung ablehnt mit dem Argument, dass der Notfalldienst die Lebensqualität der Ärzte stören würde und die Patienten zumeist Lappalien hätten? Ein Argument, das die sechs weiteren Augenärzte teilen. Der Philosoph und Autor Richard David Precht sagte:

„Was auf der Strecke bleibt, ist die Pflege von Werten, Gesinnungen und Haltungen.“

Eine Aussage, die Dr. Werner, OB Kissel, die sechs weiteren Ärzte und die Kassenärztliche Vereinigung Rheinland Pfalz in ihrer Notdienst-Unwilligkeit nicht nur verinnerlichen sollten. Vielmehr sollten sie dafür Sorge tragen, dass diese Werte nicht auf der Strecke bleiben und ihren Patienten etwas Sinnvolles bieten. Nicht sinnvoll ist eine Praxisbegehung im Rahmen eines unlauteren Wettbewerbs, unterstützt durch eine medienwirksame Begehung des OB. Sinnvoll wäre stattdessen die Wiedereinführung eines Notdienstes in der von Herrn Kissel geführten Stadt. Sinnvoll wäre auch die Annahme der Unterschriftenliste für einen wohnortnahen Notdienst gewesen. 3697 Unterschriften wurden im Rathaus unter Beisein des OB am 03.12.2013 von dem zweiten Vorsitzenden der KV, Dr. Heinz und dem KV Sicherstellungsbeauftragten Erb, nicht entgegengenommen, mit dem Argument, diese seien unter Druck und Angstmache entstanden! Eine skandalöse, menschenverachtende und werteinflatorische Haltung, die durch die Worte des OB bei der Pressesitzung vom 03.12.13 durch seinen folgenden Satz verstärkt wird: „Die Entscheidungskompetenz würde bei der KV liegen. Er könne aber die Argumente der KV nachvollziehen, wonach der Bedarf in Worms für einen Augenärztlichen Notdienst begrenzt sei.“ Es ist nicht nachzuvollziehen, welchen unsachlichen und fachlich falschen Argumenten er Glauben schenkt. Er scheint nicht zu registrieren, dass hier in „seiner“ Stadt botswanische Verhältnisse das Augennotdienstthema bestimmen. Augennotfallpatienten können oft kein Auto mehr fahren, finden keinen Fahrer oder müssen eine sehr teure Taxifahrt antreten. Oft harren sie mit Schmerzen aus, müssen mit großen Ängsten um ihr Augenlicht die Nacht durchstehen oder müssen gar ein subjektiv nicht enden wollendes Wochenende durchleiden, ehe sie am darauffolgenden Montag zu einem Augenarzt können. Dennoch mutet man den Patienten zu, in das 60 km entfernte Mainz zu fahren. Eine unzumutbare Wegstrecke, zumal acht Augenärzte in Worms praktizieren. Ist ein Augenarzt dazu da, Patienten leiden zu lassen oder gar deren Erblindung in Kauf zu nehmen? Ist ein Oberbürgermeister dazu da, diese unsinnige und inadäquate Regelung zu tolerieren? Sollten Ärzte nicht vielmehr Fürsorge für den Patienten zeigen? Sollte nicht auch ein Oberbürgermeister Fürsorge für die Bürger haben? Der von mir sehr geschätzte zweite Landesvorsitzende des Sozialverbandes Heiner Bögler sagte: „Wenn man Medizin studiert, weiß man schon im Vorfeld, dass der Notdienst zur späteren Berufsausübung dazugehört.“ Der Vorsitzende der Ärztekammer Montgomery schrieb in einen Brief an mich: „…die Ärzte sollten sich wieder auf ihre eigentliche Arbeit konzentrieren.“ Auf Herrn Kissel runter gebrochen könnte das heißen, der OB sollte zugunsten seiner Bürger entscheiden. Sinnvoll wäre es, gegen den Mammonismus zu arbeiten. Die tägliche Praxisarbeit bringt viel Geld, der Notdienst wiederum nicht – aber wo bleibt das „Menschliche“ im Menschen? Diese Gier nach mehr Verdienst sollte ein Oberbürgermeister erkennen. Sie zerstört die Ordnung im Sinne der ethischen und moralischen Grundwerte, die existenziell lebenswichtig in einer funktionierenden Gesellschaft sind! Diese Konfrontation mit diesen unsinnigen, menschenverachtenden Handlungen ist schädigend. Alle Beteiligten (Ärzte, OB, KV) sollten gemeinsam einen sinnvollen, Patienten nahen Kurs anstreben – zugunsten ihrer Mitmenschen.

Dr. Elke Eicher