Doppelte Funktionalisierung

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Das christliche Weihnachtsfest kritisch betrachtet

Aus dem humanistischen Gesprächskreis (HGK) Worms

Die Kritik an der Art, wie auch heute noch das Weihnachtsfest begangen wird, wurde schon früher deutlich und klar formuliert. So erklärte ein katholischer Priester während des Weihnachtsfestes 2016 im Radio (Deutschlandfunk), dass das Weihnachtsfest in Deutschland „immer belangloser“ geworden und zu „sentimentalem Kitsch“ verkommen sei. Durch die Kommerzialisierung des Weihnachtsfestes, bei der es teilweise nur noch um die Zahl der Geschenke geht, wurde z.B. die – im Grunde ja eigentlich sinnvolle – Besinnung vieler Menschen in der Weihnachtszeit teilweise nicht nur vollkommen konterkariert, sondern letztlich nahezu unmöglich gemacht.

Dies allein wäre im Grunde ja schon genug Kritik am Weihnachtsfest. Aber aus humanistischer bzw. kirchenkritischer Sicht kann und muss sie auch ganz grundlegend mit Blick auf die religionshistorische Entstehung des Weihnachtsfestes und seine Fortführung in der Gegenwart geübt werden.
Der Sachverhalt: Zunächst einmal fällt – rein religionswissenschaftlich betrachtet – die terminliche Übereinstimmung des christlichen Weihnachtsfest mit dem altrömischen Feiertag zu Ehren des römischen Gottes Sol invictus (lat.: „unbesiegter Sonnengott“ oder „unbesiegbarer Sonnengott“) am 25. Dezember auf. Dann ist als nächstes zu nennen, dass – ebenfalls fachwissenschaftlich betrachtet – der historische Tag der Geburt Jesu von Nazareth, also der historischen Person, bis heute (auch den Christen) vollkommen unbekannt ist, wie überhaupt sein Geburtsjahr.
Erläuterung: Die Festlegung des Geburtstages Jesu von Nazareth bzw. des entsprechenden kirchlichen Geburtstagsfestes auf den Feiertag des Sol invictus am 25. Dezember erfolgte erst mehrere Jahrhunderte nach dessen Leben und zwar dann aus politischem Kalkül heraus: nämlich erst um die Mitte des 4. Jahrhunderts (ca. 354) unserer Zeitrechnung und damit unmittelbar nach der sog. Konstantinischen Wende. Unter der Konstantinischen Wende wird die Entwicklung bzw. Förderung des Christentums verstanden, die durch den römischen Kaiser Konstantin (*zwischen 270 und 288, 306-337; ab 324 Alleinherrscher), ein eifriger Verehrer des Sol invictus, als dessen irdische Verkörperung er sich sah, eingeleitet wurde. In deren Verlauf gewann das Christentum einen großen Einfluss im Römischen Reich und wurde sogar schließlich im Jahr 391 unserer Zeitrechnung zur Staatsreligion erhoben. Konstantin benötigte allerdings damals das Christentum als eine Art ideologisches Band, als „Integrationsideologie“, um das auch in dieser Hinsicht im Zerfall begriffene Römische Reich zu einigen. Die Annahme der Religionswissenschaft liegt also sehr nahe, dass damals diese terminliche Überschneidung des Weihnachtsfestes mit dem Festtag für Sol invictus gezielt und mit Kalkül vorgenommen wurde, um das Christentum mit dem römischen Reich kompatibel zu machen.
Fazit: Die Christgläubigen feiern an Weihnachten erstens den Tag der Geburt ihres „Erlösers“, obwohl sie weder den Tag noch das Jahr seiner Geburt kennen – und begehen zweitens ein doppelt funktionalisiertes Fest; funktionalisiert bereits im 4. Jahrhundert durch die damalige Politik, – und funktionalisiert heute durch die Verkaufsindustrie, die immense Umsätze im „Weihnachtsgeschäft“ macht. Hinzu kommt: Die Christen haben ein ihnen in ihrer Weltanschauung zentrales und ihnen selbst angeblich sehr wichtiges Fest verkommen lassen; mit den Worten des o. a. Priesters: es wurde inhaltlich „immer belangloser“ und in der Durchführung „sentimentaler Kitsch“. Offensichtlich gelingt es den verschiedenen christlichen Religionsgemeinschaften nicht, ihre Mitglieder davon abzuhalten, das Weihnachtsfest „belanglos“ und mit viel „Kitsch“ zu feiern.

Humanisten betrachten und kritisieren diese Weise, das Weihnachtsfest zu begehen, als eine Mischung aus Oberflächlichkeit und Falschheit. Humanisten „feiern“ demgegenüber vielerorts in Deutschland den kürzesten Tag bzw. die längste Nacht im Kalenderjahr, die sog. Wintersonnenwende. Eine Sonnenwende (lateinisch solstitium: „Stillstand der Sonne“) findet zweimal im Kalenderjahr statt. Die Wintersonnenwende, findet in unseren Breiten um den 21. Dezember herum statt. Bei ihr erreicht die Sonne die geringste Mittagshöhe über dem Horizont. Während der Sommersonnenwende am 20., 21. oder 22. Juni (in verschiedenen Regionen der Welt unterschiedlich) erreicht die Sonne hingegen ihren mittäglichen Höchststand über dem Horizont; in Deutschland war dies 2017 am 21. Juni. Auf der Südhalbkugel sind die Verhältnisse umgekehrt.

Die Wormser Gruppe des HVD (Humanistischer Verband Deutschland) hat im Jahr 2016 die Wintersonnenwende direkt am 21.12 „gefeiert“. 2017 wird sie dies am 22.12. (Freitag) ab 18:00 Uhr im Vereinshaus des HVD in der Speyerer Straße 87 tun, wozu alle Interessenten wieder herzlich eingeladen sind.

Bernd Werner
(für den Humanistischen Verband Rheinland-Pfalz, Gruppe Worms)

Terminhinweis: Wer sich für eine Diskussion humanistischer, politischer oder entsprechender Themen interessiert, ist an jedem letzten Sonntag des Monats zu unserem Humanisten-Frühstück ab 10:00 Uhr in unserem Verbandshaus („casa humana“), in Worms, Speyerer Str. 87 herzlich eingeladen.

Im Dezember allerdings werden wir uns am 22.12.2017 (Freitag), um 18:00 Uhr zum Wintersonnenwendfest treffen. Um Voranmeldungen wird gebeten (info@hvd-rlp.de).

Unsere Homepage: http://www.hvd-rlp.de