Ist Worms das neue Schilda?

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Ist Worms das neue Schilda?

Wer in der Friedrich-Ebert-Straße wohnt, hatte es in den letzten Jahren nicht leicht, denn kaum eine Straße in Worms geriet so oft in das Fahrwasser von Bauarbeiten. Sei es der aufwendige Neubau der Brunhildenbrücke, der eine Teilschließung zur Folge hatte oder zuletzt die Kernsanierung der damals durchlöcherten Straße. Auch hier mussten die Anwohner mit erheblichen Einschränkungen und Belastungen leben. Nicht zuletzt auch mit der Beeinträchtigung ihres finanziellen Polsters.

Für Gewerbetreibende konnte es auch schon mal die Geschäftsaufgabe als Konsequenz nach sich ziehen. Sabine Hölzer, die in der Straße das Geschäft „Glanzbude“ betrieb, musste diese unschöne Erfahrung mit dem eigenen Geschäft erleben. Erst im November 2013 wurde es eröffnet, aber bereits Anfang 2014 musste sie mit einer halbseitigen Sperrung der Straße wegen Kanalarbeiten leben. Im Frühjahr 2014 wurde die wichtige Verbindungsstraße erneut aufgerissen, wobei die Arbeiten bis zum Beginn der Sommerferien dauerten. Im September wurde dann erneut gebuddelt. Die Folge war, dass die Kunden ausblieben. Ende April 2016 musste sie endgültig schließen. Moniert wurde von Seiten der Geschäftsbetreiber vor allem die lückenhafte Kommunikation seitens der Stadt. Wann man genau was plante, wurde maximal ein paar Tage vorher verkündet. Warum man überhaupt wieder baute, wurde vielen überhaupt nicht klar. Die stetige Argumentation: Man verbessere schließlich die Lebensqualität! Eine Begründung, die auch Hausbesitzer Kurt Karl-Schuch hören musste. Er besitzt ein Haus gegenüber des Eleonoren-Gymnasiums. Ein stattliches mehrstöckiges Gebäude, das bereits seit rund 150 Jahren an dieser Stelle steht und – könnte es reden – wahrscheinlich viel zu erzählen hätte.

Leise rieselt der Sandstein

Eine unrühmliche Posse in der jüngeren Vergangenheit war die Planung der Haltebucht für Busse (WO! 04/17), direkt gegenüber jenes Hauses. Prinzipiell ist die Einrichtung einer solchen durchaus sinnvoll. Gedacht sind die Buchten, um den fließenden Verkehr nicht zu behindern und damit Staus zu vermeiden. Allerdings trat jedoch genau das Gegenteil ein, da die Bucht falsch geplant war. Natürlich fühlte sich die Stadt für den Fehler nicht verantwortlich, dennoch kostete die Korrektur den Bürger 20.000 Euro. Danach schienen die Straße und ihre Anwohner endlich zur Ruhe zu kommen. Doch diese währte nicht lange. Im Februar dieses Jahres erreichte uns ein Anruf in der WO! Redaktion jenes oben genannten Hausbesitzers. Der monierte, dass sich seit Ende der Baustelle die Außenfassade merklich verändern würde, worüber er auch das Bauamt informiert hätte. Die Schäden an der Fassade sind deutlich sichtbar. Ein Teil der Gebäude wurde noch im 19. Jahrhundert unter Verwendung von Sandsteinen gebaut. Genau im Sockelbereich, wo die Häuser sich vom erneuerten Gehweg abgrenzen, verlieren die Steine deutlich an Substanz, sprich: leise rieselt der Sand. Andernorts platzt im Sockelbereich die Fassade nach und nach ab und ist optisch geprägt von weißen Schlieren, also Salzrückständen. Alle betroffenen Anwohner beteuern, dass dies vor den baulichen Maßnahmen nicht so war. Eigentümer Schuch sieht seine Lebensqualität durch diesen Vorgang deutlich gemindert, da es sich nicht nur um einen optischen Schaden handelt, sondern die Gefahr besteht, dass die Häuser von Feuchtigkeit durchzogen werden. Das kann wiederum die Bausubstanz nachhaltig gefährden und die Bildung von Schimmel fördern.

Erklärungsversuche

Nach einem, wie der Eigentümer sagt, eher unerfreulichen Telefonat mit der zuständigen Bauingenieurin, erschien diese in Begleitung eines Mitarbeiters vor Ort, um den Schaden in Anwesenheit der betroffenen Hausbesitzer zu begutachten. Dabei räumte die Fachfrau ein, dass es bekannt sei, dass solche Schäden aufgrund eines unglücklichen Verlaufs von abfließender Flüssigkeit entstehen können. Die Anwohner hätten vor Beginn der Baumaßnahmen auf eigene Kosten eine Art Rinne am Fundament legen müssen. Leider verfügte kein Anwohner über dieses bauliche Wissen. Auf die Frage, warum die Stadt diese Info den Anwohnern nicht vorher übermittelt hatte, lautete die lapidare Antwort: „Dann wäre das ja eine Bauberatung gewesen und das dürfen wir nicht machen.“ Falsch gehört? Nein! Zurecht erfolgte die logische Nachfrage: „Ich habe 17.000 Euro an die Stadt für diese Verbesserung meiner Lebensqualität bezahlt und bekomme dafür nicht mal die Info, dass an meinem Haus dieser Schaden entstehen kann?“ Die Antwort: „Ja!“ Der begleitende Mitarbeiter hatte eine ganz andere Erklärung parat. Dieser stellte fest, dass die Ausrichtung der Fassade südlich sei und der Regen von Südwesten käme, sodass diese genau im Fokus der Regenfront stünden. Somit seien die Schäden möglicherweise die Folgen von Umwelteinflüssen. Da kann man nur sagen, dass die Anwohner ganz großes Glück hatten, dass deren Häuser in den letzten 150 Jahren nicht einfach weggeregnet worden sind. Letztlich muss von Experten geklärt werden, was für den Zustand des Mauerwerks verantwortlich ist. Ein erster Schritt in die richtige Richtung ist, dass die Anwohner einen visuellen Vorher/Nachher-Vergleich gemeinsam mit dem Bauamt durchführen werden. Laut der Bauingenieurin wurden vor dem Beginn der Baumaßnahmen die Fassaden fotografiert. Sollte darauf ersichtlich sein, dass die Schäden zu diesem Zeitpunkt noch nicht vorhanden waren, dürfte die Geschichte eine juristische Fortsetzung finden.