Gönn dir ne Auszeit – geh zur Perlinger

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WO! im Gespräch mit Sissi Perlinger

Interview: Nani Chr. Felgner-Seitz

Sissi Perlinger ist schräg, verrückt, immer in Leopard gekleidet und eine Tinnitus-Bezwingerin. Mit ihrer dreieinhalb Oktaven umfassenden Stimme stand die professionelle Schauspielerin und Tänzerin vor kurzem im Wormser Theater auf der Bühne. In ihrer Show „Gönn dir ´ne Auszeit“ berichtet die Frau Sissinger in buntesten Kostümen und auf urkomische Weise über die tiefsten Tiefen ihrer Vergangenheit und nimmt das Publikum mit in den Wahnsinn von Burnout, Tinnitus und schlimmstem Liebeskummer…

WO!: Wie viel von deiner Bühnenshow „Auszeit“ ist tatsächlich Realität?
SISSI: Alles! Natürlich übertreibe ich maßlos, doch im Prinzip hat alles so stattgefunden und ich habe meine Vergangenheit theatralisch aufgearbeitet. Was die Arztbesuche wegen meinem Tinnitus betrifft, kam hier schon der Rat: „Legen Sie sich einfach ein paar Kinder zu, die übertönen die Ohrgeräusche – da gewöhnt man sich dran…“

WO!: Wie laut war denn dein Tinnitus?
SISSI: Soll ich mal vormachen?

WO!: Ja klar!

EIN GELLENDER SCHREI, ÄHNLICH DEM KRÄFTIGEN PFIFF EINER
TRILLERPFEIFE, ZERREISST DIE RUHE IM RESTAURANT UND LÄSST
SELBST DIE GÄSTE IM LETZTEN WINKEL ERSCHRECKT AUFBLICKEN…!

SISSI: Es waren wirklich zwei Düsenjäger in meinen Ohren! Ein Jahr lang konnte ich nicht schlafen. Es gibt ja Menschen, die mit einem Tinnitus leben können, doch an diese Lautstärke kann man sich nicht gewöhnen. Für mich war der Tinnitus ein sehr wirkungsvoller „Wake up call“ in eine ganz gute Richtung.

WO!: Ein wirkungsvoller Weckruf? Wie das?
SISSI: Zu diesem Zeitpunkt habe ich großen Unsinn gemacht, alle möglichen Angebote angenommen und mich ganz von meinem Weg abbringen lassen. Ich hatte soviel Energie, war jung. Man denkt einfach nicht darüber nach, was man seinem Körper alles zumutet und mich hat auch niemand gebremst. Ich habe Filme gedreht, irgendwelche dummen Moderationen gemacht oder sogar Modekollektionen für Karstadt entworfen. Irgendwann ist es ganz wichtig, zurück geführt zu werden – dahin, wo man hingehört. Ich gehöre auf die Bühne mit meiner Show!

WO!: Du hast den Tinnitus mit autogenem Training kuriert und hattest durch deinen Beruf die Möglichkeit, dir regelmäßig temporäre Auszeiten zu nehmen, was ein normaler Arbeitnehmer, allein schon durch beispielsweise familiäre Verpflichtungen, nicht kann. Was rätst du diesen Menschen, um aus der Stressfalle heraus zu kommen?
SISSI: Man sollte es sich zur Gewohnheit machen, immer dann, wenn man in Stress gerät, ein autogenes Training zu machen oder zu meditieren. Zur Stressbewältigung habe ich jahrelang alles Mögliche ausprobiert. Autogenes Training ist am effektivsten. Ich praktiziere dies täglich, komme dadurch immer tiefer in mich selbst hinein, was sich unter anderem auch sehr positiv auf meine Kreativität auswirkt. Heute bin ich zehnmal glücklicher als ich es jemals war! Natürlich lernt man das nicht von heute auf morgen. Man benötigt mehrere Monate intensives Training. Doch wenn man es dann kann, bedarf es nur fünf Minuten, um sich selbst aus dem schlimmsten Stress heraus zu holen und wieder voller Licht und Liebe zu sein.

WO!: Du bist ja ein fröhlicher und sehr lebensbejahender Mensch. Welche Dinge machen dich traurig?
SISSI: Zum Beispiel ist so viel Wissen bereits auf unserem Planeten. Davon wird so wenig angewendet. Es gibt viele kluge, bewusste Menschen oder ganze Länder, die gute Lösungsansätze haben, doch wir lernen nicht voneinander! Warum machen wir immer wieder die gleichen Fehler?!

WO!: Deinen Leopardenanzug trägst du immer und überall, sogar zur Gartenarbeit. Stellt er für Dich eine Rüstung dar?
SISSI: Nein, das bin ich einfach. Der Leo ist mein Archetyp und in allem anderen fühle ich mich verkleidet (Archetyp = Inbegriff, Urgestalt, Vorbild von einem selbst). Außerdem ist der Leo sehr praktisch, da Flecken so gut wie nicht zu sehen sind und er mit allem kombinierbar ist. Irgendwann hat man auch alles, also Leo von Kopf bis Zeh. Ich hasse Mode – welch ein Unsinn! Ich habe doch einen eigenen Geschmack, weiß, was mir steht und schön ist. Das ändert sich doch nicht pünktlich einmal im Jahr!

WO!: Unser lieber WO!-Chefredakteur ist ein riesiger Peter Maffay Fan und möchte unbedingt wissen, wie deine Arbeit bei Tabaluga war?
SISSI: Tabaluga ist wirklich ein Jahrhundertereignis. Allein die Dimensionen sind unglaublich! Da sitzen 20.000 Leute im Publikum, weinen teils vor Glück, die Kinder toben vor Begeisterung und du stehst auf der Bühne mit „ flush!“ 20 Meter hohen Blumen und „peng!“ 30 Meter langen Bäumen – unvergesslich! Wir waren ein fantastisches Team und hatten einen riesen Spaß. Einfach richtiger Rock’n’Roll! Diese Zeit möchte ich keinesfalls missen! Bei Tabaluga lernte ich auch Markus Loehr kennen, den Komponisten von Prinzessin Lillifee und durfte für die Lillifee Hörbücher der Prinzessin meine Gesangs- und Sprechstimme leihen.

WO!: Planst du eine neue Bühnenshow?
SISSI: Gerade erst habe ich ein komplettes Buch und eine Show in die Tonne getreten! Zwar nicht vernichtet, doch sicher in den Giftschrank geschlossen. Nächstes Jahr spiele ich noch die letzten Gigs der „Auszeit“. Zusammen mit Lisa Fitz und Patrizia Moresco bin ich 2014 mit „Weiberpower Pur“ auf der Bühne. Meine eigene neue Show erscheint im Herbst 2015.

WO!: Kannst du uns schon verraten, worum es in deiner neuen Show geht?
SISSI: Meine Figur „Olga“, die alte Dame, die möchte ich gerne verstärkt darstellen und die Themen des Älterwerdens. Unsere gesamte Medienwelt ist nur noch auf „jung sein“ ausgerichtet, denn hier sind die größten Konsumenten. Diese ganzen Verblödungskampagnen sind dadurch eigentlich erst ins Rollen gekommen. Es ist doch der ganze Jugendwahn und Kommerz, der uns in den Ruin treibt. Ältere Menschen sind doch viel klüger, weiser und selbstloser. Dieser ganze Horror, der einem übers Alter eingeredet wird, den möchte ich knacken!

www.sissi-perlinger.de