Innenstadt 2.0 – Teil 3

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Tourismus und Quartiermanagement als Chancen für die Innenstadt?

Es mag an dieser Stelle pessimistisch klingen, wenn allerdings kein Ruck durch die Wormser Innenstadt geht, wird die Veränderung hin zu Billigläden und gesichtslosen Handelsketten nicht mehr aufzuhalten sein. Jedes zehnte Ladengeschäft in Deutschland sei von der Schließung bedroht, so lautet das Ergebnis der Studie „Stadt, Land, Handel 2020“, die vom Institut für Handelsforschung durchgeführt wurde. Wie in den letzten beiden Teilen geschildert, sind die Ursachen hierfür vielfältig. Ein Bummel durch die Innenstadt verdeutlicht schnell, an welchen Symptomen die Wormser Fußgängerzone leidet.

Während wir in unserem ersten Teil über horrende Mietpreise, fehlende Geschäftskonzepte und die immer weiter wachsende Konkurrenz durch den Online-Handel schrieben, verdeutlichten wir im zweiten Teil die gesellschaftlichen Aspekte. Rücksichtslose Radfahrer sowie eine gefühlte Verrohung im Umfeld der Fußgängerzone verleiden dem ein oder anderen Flaneur den Bummelspaß in der Innenstadt, während Glücksspiel und Prostitution auch nicht gerade als Magnet funktionieren, um seriöse Privat- oder Geschäftsmieter im Gürtel um die Innenstadt anzulocken. Die meisten dieser Probleme sind hausgemacht, wie z.B. die Konkurrenz durch den Online-Handel. Aufgrund unserer Sehnsucht, immer sparen zu wollen, schauen wir immer öfters ins Internet, um ein Produkt ein wenig günstiger zu bekommen. Besonders dreiste Zeitgenossen lassen sich sogar zuvor in einem Fachgeschäft beraten und wandern anschließend ins Internet ab. Machen die Geschäfte mangels Umsatz schließlich zu, ist das Gejammer wieder groß. Ein Problem in diesem Zusammenhang ist sicherlich die fehlende Kaufkraft. Laut der Gewerkschaft NGG leben in Worms rund 16.000 Menschen von geringen Einkommen und Transferleistungen. Nicht mitgerechnet sind Rentner sowie Schüler. Bei einer Bevölkerungsgröße von rund 85.000 Einwohnern eine beachtliche Zahl. Eine Zahl, die sich in der Geschäftsstruktur der Fußgängerzone spiegelt. Besonders die Wilhelm-Leuschner-Straße ist hierbei ein Spiegelbild der Wormser Gesellschaft. Die kaufkräftigen Wormser hingegen wandern immer wieder gerne ab nach Mannheim, wo es exklusivere Geschäfte gibt. Exklusivität ist aber auch in Worms zu finden, doch sie muss vom Kunden angenommen werden.

Problemkind Gastronomie
Zugegeben, ein Bummel durch Worms ist nicht unbedingt ein grenzenloser Freizeitspaß. Es gibt schöne Flecken in der Innenstadt, wie z.B. die Grünanlage am Lutherplatz. Wer Gastronomie sucht, wird sogar fündig. Wer aber Abwechslung sucht, sucht diese vergebens. Um das touristische Innenstadtzentrum von Worms findet der Bummelant gerademal ein Eiscafé, sowie Ralf’s Tanzgalerie, der zwar über eine Außenbestuhlung plus gastronomische Angebote verfügt, aber natürlich in erster Linie eine Tanzschule ist und damit auch eingeschränkte Öffnungszeiten anbietet. Seit Neuestem findet sich an der Ecke gegenüber dem Heylshof ein kleines Café. Still und leise eröffnet, hat das kaum jemand mitbekommen und entspannte Sitzmöglichkeiten sucht man derzeit vergeblich. Lediglich ein paar Bartische erlauben, einen Kaffee auf dem Hochsitz zu trinken. Ein paar Meter nebenan auf dem Obermarkt sieht es ein wenig anders aus. Angebote sind da, wie der Mittagstisch von Fisch Lorenz, Sushi bei der Sushibar, sowie das Eiscafé Adami. Aber irgendwie fehlt es dem für viel Geld in den Neunzigern neugestalteten Obermarkt an einladender Atmosphäre. In der Hitze der Mittagssonne wirkt er fast so, als würden sich dort auch Duellanten zum High Noon treffen, fehlt im Hintergrund nur noch ein Mundharmonikaspieler. Eine vielfältige Gastronomie sieht insgesamt anders aus, aber woher soll die auch kommen, wenn selbst die alteingesessenen Wormser Gastronomen längst nicht mehr glücklich sind mit ihren Standorten. Fragt man nach den Gründen, warum es mittlerweile so schwierig ist, so klagen diese u.a. über die vielen Auflagen durch die Stadt. Tatsächlich wird über eine sogenannte Gestaltungssatzung seitens der Stadt versucht, die Optik zu beeinflussen. So gibt die Stadt vor, mit was bestuhlt werden darf, welche Farben die Schirme haben müssen oder auch wie man seine Schaufenster bekleben bzw. dekorieren darf. Problem ist aber, dass viele Gastronomen diesbezüglich eine Ungleichbehandlung wittern. Imbissläden, sprich z.B. Dönerläden, von denen es einige in der Innenstadt gibt, unterliegen nur eingeschränkt dieser Satzung. Zudem fühlen sich viele Gastronomen durch die abzugebenden Steuern, Gebühren, hohen Mieten und insgesamt gestiegenen Betriebskosten finanziell oftmals an der Belastungsgrenze. Die Zeiten, in denen man mit Gastronomie ein persönliches El Dorado erleben konnte, scheinen lange vorbei zu sein. Erschwert wird dies besonders unter der Woche durch die fehlende Kundenfrequenz. Aber gerade eine vielfältige Gastronomie ist ein wesentlicher Schlüssel für die Attraktivität einer Innenstadt.

Verkaufsoffene Sonntage als Konjunkturmotor?
Kunden aus anderen Städten kann man nicht alleine mit einem schicken Bekleidungsgeschäft nach Worms locken. Gerade in der Rhein-Neckar-Metropolregion ist der Konkurrenzkampf groß. Dass Shopping und Erlebnis funktionieren können, zeigen immer wieder die bestens besuchten verkaufsoffenen Sonntage. Zweimal im Jahr öffnen die Geschäfte in der Wormser Innenstadt ihre Pforten und locken mit Angeboten und bunten Programmen. Kai Hornuf, Geschäftsführer Stadtmarketing e.V., weiß, dass verkaufsoffene Sonntage nicht das Allheilmittel für den schwächelnden Einzelhandel sind, aber sie sind eine bekömmliche Medizin, weswegen er schon seit Jahren für weitere Öffnungen plädiert. Mehr wären prinzipiell möglich. Viele Städte im Umkreis nutzen dieses Instrument. In Worms funktioniert das nicht. Gewerkschaften und Kirche machen den Händlern und dem Stadtmarketing das Leben immer wieder schwer und verhindern weitere Öffnungen. Ein Urteil vom Bundesverwaltungsgericht gibt den Institutionen hierbei Auftrieb. Zusätzliche Sonntage müssen an eine „Anlassveranstaltung“ gekoppelt sein, urteilten die Richter am Bundesverwaltungsgericht in Leipzig. Das heißt, einfach so die Geschäfte öffnen, ist nicht drin. Für viel Aufregung sorgte der Versuch im letzten Jahr, parallel zum Pop-up-Festival am 1. Oktober zu öffnen. Der DGB witterte schnell die Störung der familiären Ruhe. Da von der Stadtverwaltung ebenfalls keine Zeichen der Unterstützung kamen, ließ man die Idee wieder fallen und ärgerte sich im stillen Kämmerlein. Für Kai Hornuf ist der Widerstand nicht nachvollziehbar und erklärt im Gespräch mit WO!, dass die Mitarbeiter an diesen Sonntagen freiwillig im Dienst sind. Die meisten Verkäufer bekommen obendrein Zulagen für diese Tage, was ein Diensteinsatz für überschaubare fünf Stunden durchaus attraktiv macht. Kai Hornuf weiß natürlich, dass im Einzelhandel überdurchschnittlich viele Frauen arbeiten und in diesem Sinne auch ein gewisser Anteil an alleinerziehenden Müttern. Einer der Kritikpunkte in diesem Zusammenhang war von Seiten der Gewerkschaft genau dieser Aspekt. „Wir nehmen das sehr ernst und hatten deswegen den Verkäuferinnen professionelle Betreuungsangebote gemacht, tatsächlich wurde dies von keiner einzigen angenommen“, erklärt er und fügt an, dass offenbar der Bedarf doch nicht so groß sei, wie von der Gewerkschaft propagiert. Natürlich weiß Hornuf, der selbst viele Jahre ein Sportgeschäft betrieb, dass dies nur ein Baustein ist.

Gemeinsam für eine schönere Innenstadt
Ein weiterer Baustein, der aber noch komplexer ist, wäre der Versuch, mit der Schaffung von sogenannten Quartieren neue Kräfte zu bündeln. In der Nachbarstadt Mannheim verfolgt man schon länger erfolgreich das Konzept des Quartiersmanagements. Ein Erfolgsmodell ist hierbei die Umgestaltung des Jungbuschs von einer verrufenen Gegend hin zum Szeneviertel. Wenn die vorhandenen Kräfte im betreffenden Gebiet nicht ausreichen und ein Stadtviertel Gefahr läuft, sich städtebaulich, wirtschaftlich, ökologisch und sozial kontinuierlich abwärts zu bewegen, kann das ein hilfreicher Schritt sein. Unter professioneller Anleitung treffen sich hierbei alle Akteure an einem runden Tisch und versuchen, Lösungen zu finden. In Worms scheitert dies aber bereits daran, dass nicht alle Akteure das gleiche Interesse haben. Kai Hornuf versuchte bereits vor ein paar Jahren ein ähnliches Projekt ins Rollen zu bringen, stieß aber besonders auf Seiten der Vermieter auf Desinteresse. Und so scheiterte das Vorhaben bereits, noch bevor es begann. Jan Metzler, MdB (CDU) führt im Gespräch mit WO! allerdings genau dieses Quartiersmanagement als wichtiges Element zur Rettung der Innenstadt an und betont, dass auch die Immobilienbesitzer für die Entwicklung der Innenstadt Verantwortung tragen. Wegschauen heißt, den Niedergang der Stadt in Kauf zu nehmen. Da die meisten Immobilienbesitzer alteingesessene Wormser Familien sind, möchte er nicht glauben, dass diese kein Interesse an einem attraktiven Worms haben. Als unbürokratisches Beispiel führt er das Viertel zwischen Karlsplatz und Bahnlinie an, in dem in den letzten Jahren in diesem Sinne viel passiert ist. Durch das Entgegenkommen von Vermietern konnten so mitten im Wohngebiet neue Lokale und andere kleine, aber feine Geschäfte entstehen, die das Bild positiv prägen.

Touristen, die mehr als einen Tag bleiben
Ein weiterer Faktor, der in Worms einer Neubetrachtung unterzogen werden muss, ist der Ausbau des Tourismus. Seit Jahren steigen die Tourismuszahlen in Rheinhessen, auch in Worms. Ein Umstand, der vor allem auf die Luther-Dekade, aber auch auf die Bekanntheit der Nibelungen-Festspiele zurückzuführen ist. Problem ist allerdings, dass ein nicht unerheblicher Anteil der Touristenströme zu Fuß durch zwei Jahrtausende marschiert und anschließend mit dem Reisebus wieder weiterfährt. Über viele Jahrzehnte hinweg hat es die Stadt versäumt, sich nachhaltigen Tourismus zu erarbeiten. Es ist schön, wenn im Minutentakt Touristengruppen über den Lutherplatz geführt werden. Nur hat kaum ein Wormser etwas davon, da die Aufenthaltsdauer zu kurz ist. Ob sich das ändern wird, hängt von vielen Faktoren ab. In erster Linie muss ein neues Tourismuskonzept her, das sich von den rein historisch fixierten Ansätzen befreit. Worms ist eine Stadt, die mehr zu bieten hat als Luther, Nibelungen und SCHUM. Wie viel mehr, schilderte z.B. der Schauspieler Jimi Blue Ochsenknecht im Interview mit unserem Magazin (WO! Ausgabe 08/18). Aktuell ist zu befürchten, dass diese Abkehr auch weiterhin nicht stattfinden wird. Zurzeit arbeitet die KUSETI Arbeitsgruppe (Kultur, Stadtentwicklung und Tourist Information) an einem neuen Tourismuskonzept. Wie man hört, soll hierbei die Fußgängerzone keine Rolle spielen, vielmehr möchte man einzelne Orte themenzentriert bündeln. So soll z.B. für sich genommen der Bereich zwischen Dom und Museum ein eigener Tourismussektor werden, genauso wie die jüdischen Sehenswürdigkeiten gebündelt werden sollen. Prinzipiell ein vernünftiger Gedanke, dennoch muss die Stadt als touristisches Gebilde ganzheitlich betrachtet werden. Zur Etablierung von Worms zu einer attraktiven Stadt, in der man gerne mehr als nur ein paar Stunden verbringt, gehört mehr dazu, als nur Sehenswürdigkeiten abzuklappern. Worms hat neben der Historie zusätzlich das Glück, in einer klimabegünstigten Region zu sein, die obendrein auch geografisch gut gelegen ist. Kurzum, beste Voraussetzungen, seinen Urlaub hier zu verbringen.

Kein neues Hotel und kein Campingplatz
Was fehlt, sind aber ausreichend Übernachtungsmöglichkeiten. Konkret fehlen das seit Jahrzehnten heiß herbeigesehnte Hotel sowie ein vernünftiger Campingplatz. Der Stellplatz für Wohnmobile ist wiederum an Peinlichkeit kaum zu überbieten. Aber warum ist es so schwer, beides zu etablieren? Für einen Campingplatz fehlt, laut Stadt, schlicht und ergreifend ein Standort. Kritiker hingegen unterstellen dem OB, einfach kein Interesse an dem Thema zu haben. Beim Hotel ist die Sache noch ein wenig verwunderlicher. Während es kleineren Städten im Umland, wie Frankenthal oder Bensheim, längst gelungen ist, etablierte Ketten zu locken, stagniert hier die Hotelsuche. Das wird sich wohl auch so schnell nicht ändern. Wie man hört, haben sich die Investoren des geplanten Ibis Styles Hotel neben dem Wormser längst wieder verkrümelt. Grund: Das Haus war mit unter 100 geplanten Betten letztlich nicht rentabel genug und die Arbeit mit der Stadtverwaltung zu umständlich. Der letzte Sargnagel war wohl die Ankündigung des Investors Gerbergasse (Nibelungen Center), möglicherweise ebenfalls ein Hotel zu bauen. Ob dies jemals kommen wird, ist allerdings genauso anzuzweifeln. Um die innerstädtische Kaufkraft zu stärken, ist allerdings eine Veränderung des Tourismuskonzeptes dringend notwendig. Durch Logistiker und andere eher schlecht bezahlenden Branchen wird sich die Kaufkraft nicht verbessern. Die Zukunft von Worms kann viele Gesichter haben, im Guten wie im Schlechten. Um die Zukunft zu gestalten, bedarf es Mut und das ist etwas, was der Stadt im Laufe der letzten Jahrzehnte immer wieder gefehlt hat. Die Grundsteine sind gelegt, nun müssen sie auch genutzt werden.