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Anmerkungen zu einer SWR-Reportage über das „Wormser Ghetto“

Zwei Streetworker der Caritas sind auf dem Fahrrad unterwegs. „Im Wormser Ghetto“, wie die Sprecherin im Hintergrund ergänzt: „In Neuhausen und im Nordend, dort, wo die Zukunft stehen geblieben ist. Perspektive gibt’s nur im Fernsehen.“ Die Kamera schwenkt zu einer Satellitenschüssel auf einem Balkon. Zu dramatischer Klaviermusik im Hintergrund berichtet einer der Streetworker: „Viele Jugendliche trauen sich nicht, sie haben Angst“. (Kurze Pause). „Vor Behördengängen und so.“

Während ich bis dahin nicht einmal wusste, dass Worms jetzt ein eigenes Ghetto hat, sinke ich zum ersten Mal beruhigt zurück in meinen Fernsehsessel. Keine Messerstechereien, keine Drogen oder unnötige Gewaltexzesse. Man hat hier nur Angst vor Behördengängen, weil viele nicht schreiben können. Wenn es weiter nix ist, was in einem Ghetto so abgeht, kann man ja beruhigt sein. Die Sprecherin des SWR-Berichtes klärt weiter auf:

„Das Quartier hier ist arm. Viele Jugendliche leben von Hartz IV –
fast doppelt so viele wie im übrigen Stadtgebiet. Wer was hat, der schottet sich ab“

Die Kamera schwenkt zu einem x-beliebigen Stacheldraht, vermutlich von einer der zahlreichen ehemaligen Kasernen der US-Army, die hier bis vor wenigen Jahren stationiert war. Spätestens jetzt war ich von den Kollegen vom Schnitt etwas enttäuscht. Wo waren die brennenden Tonnen aus Brooklyn? Hätte man nicht in einem Einspielfilm noch schnell Rocky Balboa durchs Bild rennen lassen können, wie er gerade für den Kampf gegen Apollo Greed trainiert? Mehr Ghetto halt.

Wer sich schon immer gefragt hat, was der einfache Bürger unter „Lügenpresse“ versteht, findet in dem Fernsehbericht des SWR über das Wormser Ghetto, der in den letzten Wochen in den Sozialen Medien die Runde machte, ein gutes Beispiel. Hier wird zwar nicht gelogen, aber so manipulativ berichtet und zusammengeschnitten, dass man einen Eindruck von etwas gewinnen soll, was es so in dieser Form gar nicht gibt. Das Ganze unterlegt von einer depressiv klingenden Stimme, die von dramatischer Klaviermusik im Hintergrund begleitet wird. Vom Prinzip würde die Reportage richtig viel her machen, wenn man nicht zufällig im gleichen Ort wohnen würde und schnell merkt, wie manipulativ das alles ist. Ein Mitarbeiter der Caritas berichtet, dass diese Gebiete, in denen sich das vermeintliche Ghetto befindet, eine gewisse Stigmatisierung erfahren würden. Die SWR-Sprecherin legt nach:

Man braucht keine Fantasie, um zu verstehen, was unter Stigmatisierung gemeint ist.
Entlang der Bahnlinie, die die beiden Viertel Nordend und Neuhausen trennt, ist der Sanierungsfall offensichtlich. Schienen führen hier, wie manche Lebenswege, ins Nichts.“

Die Kamera schwenkt zu einem stillgelegten Bahngleis, wie es sie in jeder x-beliebigen Stadt irgendwo gibt, das buchstäblich ins Nichts führt.

ZUGEGEBEN: Ghetto klingt, wenn man die Armenviertel in den USA oder Südamerika zum Vergleich heranzieht, für unsere deutschen Verhältnisse zunächst etwas martialisch. Laut Wikipedia werden heute umgangssprachlich auch Stadtviertel als Ghetto bezeichnet, in denen vorwiegend bestimmte ethnische Gruppen (Segregation) oder soziale Randgruppen leben. Und tatsächlich leben in Worms im „Värdel“ ganz viele Leute, die wenig besitzen und vermutlich zu sozialen Randgruppen zählen. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass manche nie aus dem „Värdel“ raus kommen. Manche, weil sie es nicht können. Andere, weil sie es gar nicht wollen. Wenn der SWR aber wirklich meint, ein Ghetto in Worms entdeckt zu haben, hätten die Fernsehmacher vielleicht 20 Jahre früher kommen müssen. Allerdings auf die Gefahr hin, dass sie den Heimweg ohne ihre Kamera hätten antreten müssen. Wenn man dagegen anno 2016 suggestiv berichten möchte, hätte man zum Beispiel die Frage stellen können, warum man ausgerechnet in unmittelbarer Nachbarschaft zu dem Wormser Ghetto einen Flüchtlingscontainer hingestellt hat. Quasi einen Brennpunkt neben einen anderen Brennpunkt.