„Make America Great Again“ or „The End of the World as We Know It“

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Autor: Marco Pfeiffer

Das Unvorstellbare ist eingetreten! Entgegen aller Prognosen ist Donald Trump zum neuen Präsidenten in den USA gewählt worden. Selbst in der Wahlnacht, nachdem die ersten Wahllokale geschlossen hatten, wurde Hillary Clinton als klare Siegerin auf allen Kanälen prognostiziert. Doch dann nach circa 1–2 Stunden waren die ersten Stimmen zu hören, dass es Trump eventuell doch schaffen könnte. Ausgerechnet Trump, der Milliardär, das Großmaul, der Heilsbringer, der Rassist, der erfolgreiche Geschäftsmann, die Hoffnung der Unterprivilegierten, der Moslemhasser, der Entertainer, der Chauvinist, der Aufräumer und als was auch immer er während des Wahlkampfs bezeichnet wurde. Kaum ein Kandidat in der Geschichte des US-Wahlkampfes hat jemals so polarisiert wie Donald Trump.

Eines der Probleme in diesem Wahlkampf war, dass seine Kontrahentin fast genauso polarisierend war. Hillary Clinton, die Kandidatin für die Demokraten, die als Partei eigentlich eher für mehr soziale Gerechtigkeit, Förderung von Minderheiten und Transparenz in der Politik stehen. Doch das Problem ist, dass eben genau diese Frau Clinton diese Argumente so gut wie gar nicht verkörpert. Selbst Multi-Millionärin, von Wikileaks als nicht vertrauenswürdig entlarvt und mit sehr engen Verbindungen zur Wallstreet, fehlte ihr jegliche Authentizität in weiten Schichten der amerikanischen Bevölkerung. Beide Kandidaten hatten den höchsten Bekanntheitsgrad und waren gleichzeitig die unbeliebtesten, die jemals in den Wahlkampf für das Amt des US-Präsidenten einzogen. Beide waren für die jeweils andere Seite der schlimmst mögliche Kandidat. Beide verkörperten den Alptraum, den es mit allen Mitteln zu verhindern galt. „NeverTrump“ und „NeverClinton“ waren das Motto, das beide Seiten jeweils antrieb. Genau so polarisierend wie die Kandidaten hat sich die amerikanische Bevölkerung entwickelt. Während sich die Menschen in der Vergangenheit zumeist auf ihre Gemeinsamkeiten konzentriert haben, stehen in den letzten Jahren immer mehr die Gegensätze im Fokus: Arm gegen Reich, Weiß gegen Schwarz, Christen gegen Moslems, Immigranten gegen Einheimische, Jung gegen Alt. Obwohl Obama vor acht Jahren angetreten war mit dem Vorsatz, das Land mehr zusammen zu bringen, ist es mehr zerrissen denn je.

AUFSCHWUNG IN DEN USA GING AN VIELEN VORBEI
In diesem Umfeld hat sich Trump auf eine Bevölkerungsgruppe fokussiert, die in den meisten Diskussionen untergeht. Er als Milliardär war wesentlich populärer in den ärmeren, ländlichen Bevölkerungsschichten als Hillary Clinton. In Deutschland wäre das vergleichbar mit Dietmar Hopp als Kanzlerkandidat, der in erster Linie von Arbeitslosen und Minderverdienern gewählt wird. Ein Großteil der Menschen in diesen Schichten in den USA hat 2-3 Jobs gleichzeitig. Der Aufschwung seit der letzten Rezession ist spurlos an ihnen vorbei gegangen. Die viel gerühmte Obamacare, die eigentlich Krankenkassenmitgliedschaft für sie bringen sollte, hat sich für sie als ein finanzielles Desaster erwiesen. Viele der besser bezahlten Industriejobs sind nach China oder Mexiko verlagert worden. Dann kam Trump mit dem Slogan: “Make America Great Again”. Er versprach, Jobs zurück zu bringen und Obamacare zu kippen. Er traf damit genau den Nerv dieser Bevölkerungsgruppe.

VIELES FALSCH GEMACHT, ABER TROTZDEM GEWONNEN
Trumps Wahlkampf war unorthodox und am Ende legte er sich sogar mit seiner eigenen Partei an. Seine Rhetorik war aggressiv, viele Dinge, die er über Moslems und Mexikaner gesagt hat, waren unter der Gürtellinie. Seine Aussagen bezüglich der Ausweisung von illegalen Immigranten, die zum Teil Jahrzehnte in den USA leben, hat vielen Leuten Angst gemacht. Er hat so ziemlich alles falsch gemacht, was man von einem vertrauensvollen, amerikanischen Präsidenten erwartet. Fast niemand hat erwartet, dass er gewählt wird. Doch dann trat genau das ein. “The end of the world as we know it”. Donald Trump ist der nächste Präsident der USA. Ein Aufschrei ging um die Welt. Börsenkurse brachen ein und Menschen kollabierten. Wenn ich nach den Facebook-Einträgen meiner deutschen Freunde am nächsten Tag urteilen sollte, ist die USA und mit ihr die ganze Welt dem Untergang geweiht. Selbst in meiner direkten Familie und im Freundeskreis war die Irritation groß. Meine Frau ist Mexikanerin. Viele unserer Freunde sind Immigranten aus den verschiedensten Ländern. Die Angst war groß.

MOTTO: GEBT TRUMP EINE CHANCE
Mittlerweile hat sich die Lage in den USA wieder etwas beruhigt. Auch wenn es noch Proteste in einigen Städten gibt, die Mehrzahl der Amerikaner, die nicht Trump gewählt haben, hat eine abwartende Haltung angenommen. Die Börsenkurse haben sich erholt und sind mittlerweile in Euphorie umgeschlagen. Der Ton von Donald Trump hat sich deutlich entschärft. Keiner spricht mehr von der Meldepflicht für Moslems und der Ausweisung aller Immigranten ohne Aufenthaltsgenehmigung. Mittlerweile setzt man sich anstatt Angstszenarien mehr mit den geplanten Gesetzesänderungen und den neuen Kabinettsmitgliedern auseinander. Einige Ansätze bezüglich Steuerpolitik und Veränderungen zu Obamacare sind recht vielversprechend, andere bezüglich Kabinettsmitglieder – besonders für Verteidigung und Außenamt – sind weniger beeindruckend. Alles ist zu diesem Zeitpunkt in der Schwebe. Man sollte, wie Obama es sagte, Trump eine Chance geben. Eins steht jedenfalls fest: America is not great again and the world is still the same as we know it.

Zum Autor:
Marco Pfeiffer wurde 1975 in Worms geboren und lebte hier bis zu seinem 27. Lebensjahr, ehe er 2002 aus beruflichen Gründen in die USA ging. In den letzten 14 Jahren hat er in verschiedenen Staaten gelebt (Michigan, Alabama, Louisiana und Texas) und somit eine breite Palette des Lebens in den Vereinigten Staaten kennengelernt. Zurzeit arbeitet Pfeiffer im Finanzbereich in der Ölindustrie, steht aber kurz vor einem Wechsel zurück in die Automobilbranche, in der er die ersten sieben Jahre in den USA tätig war. Marco ist dort mittlerweile fest verwurzelt und seit 2010 mit einer Mexikanerin verheiratet. Trotzdem besucht er noch regelmäßig seine alte Heimat Worms, z.B. wenn ein Familienfest ansteht oder die Wormatia ein wichtiges Spiel bestreitet – laut Eigenaussage nach wie vor „der geilste Verein der Welt“.