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Ein Kommentar zum diesjährigen Programm von „Jazz & Joy“

„5 Bühnen, 3 Tage und 40 Konzerte mit vielen Stars, Newcomern und Geheimtipps“ – selten zuvor hat ein Motto so gestimmt. Stars wie „Till Brönner“, „ Jan Delay“ oder „Bob Geldorf“, Newcomer wie „Abby“ oder „Der Wieland“ und Geheimtipps wie Patrice oder Flo Mega. Das diesjährige Line Up von „ Jazz & Joy“ hält aus allen Kategorien etwas bereit und es bleibt zu wünschen, dass die Wormser das auch honorieren, obwohl die ganz großen Namen diesmal fehlen.

Es sind jedes Jahr die gleichen Probleme, mit denen (nicht nur) die Veranstalter von Jazz & Joy zu kämpfen haben. Seitdem Musiker in Zeiten illegaler Downloads mit ihren Platten und CDs kaum noch Geld verdienen, sind die Künstlergagen sprunghaft angestiegen und Konzerte boomen mehr denn je. Deshalb haben nun die Musiker bzw. ihr Management die besseren Karten, weil sie mitunter bis zuletzt zocken können, ob nicht doch kurz vor der Deadline noch ein besseres Angebot eines anderen Veranstalters rein flattert. Wenn man sich zudem aufgrund des Gesamtbudgets für „Jazz & Joy“ ungefähr ausrechnet, dass für einen (namhaften) Künstler nur ein unterer fünfstelliger Betrag zur Verfügung steht (Ausnahme: Sonderkonzert), dann kann man sich ausrechnen, dass damit heutzutage keine großen Sprünge zu machen sind. Von daher ist man doch immer wieder überrascht, welche weltfremden Forderungen manche in den sozialen Netzwerken erheben, wenn es um Musiker fürs Wormser Jazz & Joy geht. Das reicht von „Helene Fischer“ (bitte nicht auch noch auf einem Jazzfestival!!) bis hin zu „Udo Lindenberg“ oder „Peter Maffay“, die ja gerade auf Tour sind. Während der eine (Udo) mittlerweile Stadien füllt und der andere (Maffay) locker 10.000-er Arenen, kann man sich bei Ticketpreisen zwischen 60.- und 80.- Euro ausrechnen, wieviel Gage die beiden für einen Auftritt in Worms verlangen würden. Da kratzt man von der Gage her locker an der Millionengrenze, nicht mal die Hälfte dessen steht in Worms für das komplette Festival zur Verfügung. Umso überraschter durfte man über die Verpflichtung von Jan Delay & Disko No.1 für das Sonderkonzert sein, weil man nicht das Gefühl hat, dass man einen Künstler bekommen hat, den kein anderer wollte (Stichwort: Ronan Keating oder Tim Bendzko). Mit Jan Delay ist man am Puls der Zeit und nebenbei passt sein Soul/ Funk/Pop/Rock-Gemisch bestens zu Jazz & Joy. Überhaupt ist das Festival in den letzten Jahren jünger und frischer geworden, eben weil man vom Dino-Rock früherer Jahre mit Bands wie Barclay James Harvest oder Wishbone Ash abgekommen ist. Klar, wird es immer wieder Nostalgiker geben, die fordern, dass man abgehalfterte Altstars holt, die sich ihr Gnadenbrot vor 200 – 300 Leuten in kleinen Clubs in der Umgebung dazuverdienen. Aber in Worms gilt es nun mal, einen Marktplatz zu füllen. Da müsste von der alten Garde schon Neil Young kommen, um ein volles Haus zu garantieren. Mit Ray Wilson, Ritchie Blackmore oder Rodger Hodgson bekommt man noch nicht mal den Mozartsaal im Wormser voll. Auch wenn bei der Forderung nach einer Band für Jazz & Joy in den meisten Fällen der persönliche Wunsch Vater des Gedanken ist, zählt am Ende die Wirtschaftlichkeit – da hat Festivalleiter David Maier schon Recht. Zwar kann man beim Jazz & Joy aufgrund der Konzerte an historischen Orten mit Atmosphäre punkten und seit einigen Jahren auf ein festes Stammpublikum vertrauen, das eben auch kommt, wenn es drei Tage lang wie aus Kübeln gießt – so wie im letzten Jahr, als immerhin 16.000 Besucher kamen. Mehr Besucher als die sonst üblichen bekommt man aber nur, wenn man sich auch einem jüngeren Publikum öffnet.

Trotzdem sollten Sie sich trösten: Wer beim diesjährigen Line Up von Jazz & Joy nur wenig bekannte Namen entdeckt, ist noch nicht zu alt. Auch dem zweiten Wormser Vorzeigekulturevent ist lediglich, ebenso wie den Nibelungen Festspielen, ein wenig der Mainstream abhanden gekommen. Ob jedoch ein Erol Sander oder eine Cosma Shiva Hagen tatsächlich für eine qualitative Aufwertung des Nibelungenstückes gesorgt haben, sei ebenso dahingestellt wie die These, dass Nena das Niveau bei „Jazz & Joy“ gesteigert hat. Vielleicht sollte man den Machern beider Veranstaltungen einfach dahingehend vertrauen, dass es ihnen auch diesmal gelingen wird, Qualität auf die Bühne zu bringen – auch ohne große Namen. Jazz & Joy 2015 wird mehr denn je ein Entdeckerfestival. Und das wird sich aufgrund der genannten Umstände auf dem Konzertmarkt auch so schnell nicht mehr ändern.