Richtungsentscheidung für fruchtbare Äcker: Windenergie oder Gewerbegebiet?
Eine Pressemitteilung des BUND und NABU:
An der nordwestlichen Stadtgrenze von Worms steht eine grundlegende Weichenstellung an. Für fruchtbare Ackerflächen zwischen Pfeddersheim, Mörstadt und Flörsheim-Dalsheim muss entschieden werden, ob dort weiter Lebensmittel angebaut und auf 5% der Fläche drei Windenergieanlagen errichtet werden oder ob sie als Gewerbegebiet versiegelt werden soll.
Der Stadtrat hat sich im Flächennutzungsplan für eine landwirtschaftliche Nutzung entschieden. Ohne Beteiligung des Stadtrates strebt der Stadtvorstand jetzt dort eine gewerbliche Nutzung ein über die er die Öffentlichkeit noch nicht informiert hat. Nach Bewertung des Bündnisses aus BUND Worms, NABU Worms-Wonnegau und Wormser for Future ist die Fläche als Gewerbegebiet ungeeignet, weshalb eine Kombination aus Landwirtschaft und Nutzung der Windenergie angestrebt wird. Die Regionalplanung muss jetzt den Zielkonflikt zwischen nachhaltiger Lebensmittel- und Energiegewinnung oder Flächenversiegelung entscheiden.
Der für die Regionalplanung zuständige Verband Region Rhein-Neckar hat die ca. 55 ha große Fläche 2025 als für Windenergie besonders geeignet eingestuft. Gute Windverhältnisse, vorhandene Vorbelastungen durch Infrastruktur sowie geringe Konflikte mit dem Artenschutz sprechen für eine Kombinationsnutzung aus Landwirtschaft und klimafreundlicher Energieerzeugung. Drei Windenergieanlagen könnten dort jährlich rund 60 GWh Strom erzeugen, ein notwendiger weiterer Schritt zur Unabhängigkeit von klimaschädlicher fossiler Energieerzeugung.
Ein Gewerbegebiet würde eine bislang unzerschnittenen Agrarfläche versiegeln. Die Lössböden zählen mit Ackerzahlen bis 97 zu den fruchtbarsten Standorten Deutschlands. Zugleich erfüllt die Fläche wichtige Funktionen für das lokale Klima. Sie ist Frischluftschneise, Kaltluftentstehungsgebiet und Rückhaltefläche bei Starkregen. Diese Funktionen gingen durch eine Bebauung dauerhaft verloren. Daher ist die Fläche im gültigen Regionalplan als Vorranggebiet für die Landwirtschaft und als Teil eines „Regionalen Grünzugs“ gesichert. Diese Festlegungen dienen ausdrücklich dem Schutz von Boden, Klima und Freiraumstrukturen.
Wirtschaftliche Bewertung: Stabile Einnahmen statt ungewisser Erwartungen
Aus Sicht des Bündnisses spricht auch die wirtschaftliche Betrachtung für die Windenergie. Drei moderne Anlagen sind für die Kommune kein Randthema, sondern ein verlässliches Einnahmemodell über Jahrzehnte. Allein über Zahlungen nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz können jährlich rund 120.000 Euro an die Stadt fließen, hochgerechnet etwa 2,4 Millionen Euro über 20 Jahre. Hinzu kommt Gewerbesteuer, die bei lokaler Betriebsstätte konservativ mit ca. 300.000 Euro pro Jahr angesetzt werden kann. Damit ergibt sich ein Gesamtpotenzial von etwa 8 Millionen Euro über zwei Jahrzehnte.
Anders als bei einem Gewerbegebiet entstehen diese Einnahmen ohne erhebliche Vorleistungen der Kommune. Kosten für Erschließung, Straßenbau und Infrastrukturunterhalt entfallen weitgehend. Gleichzeitig bleibt die Fläche zu über 95 Prozent landwirtschaftlich nutzbar und sichert zusätzliche Einnahmen über Pacht und regionale Wertschöpfung.
Ein weiterer Vorteil liegt in der Stabilität der Erträge. Windenergie liefert gut prognostizierbare Strommengen und damit vergleichsweise verlässliche Einnahmen. Sie sind deutlich weniger abhängig von konjunkturellen Schwankungen als Gewerbesteuern aus industrieller Nutzung.
Für das Bündnis wiegt ein Punkt besonders schwer: Die Planungen für ein Gewerbegebiet stehen im klaren Gegensatz zu den eigenen Klimazielen der Stadt. Worms hat sich zur Reduktion von Treibhausgasen und zur Klimaneutralität bis 2040 verpflichtet. Der Ausbau erneuerbarer Energien ist dafür zentral. Die Fläche bei Pfeddersheim gilt aus fachlicher Sicht als konfliktarm und geeignet, genau solche Standorte sollen nach den Ergebnissen des landesweiten Dialogprozesses zwischen Landesregierung und Umweltverbänden prioritär genutzt werden.
Forderung an die Regionalplanung
Das Bündnis fordert daher vom Verband Region Rhein-Neckar, die bestehende Planung konsequent fortzuführen und das Vorranggebiet „Wonnegau“ nach Westen um 55 ha zu erweitern. Vom Stadtvorstand fordert das Bündnis, die Fläche „In Wülpen“ der Landwirtschaft und der Windenergie vorzubehalten und für die Gewerbeentwicklung geeigneter Standorte andernorts zu suchen. Der Konflikt um die 55 Hektar bei Pfeddersheim steht nach Bewertung des Bündnisses exemplarisch für die Frage, ob sich kommunale Planung an kurzfristigen Nutzungsinteressen oder an langfristigen Zielen orientiert, hier von Klimaschutz, Flächenschonung und wirtschaftlicher Stabilität.




