Saisonabbruch vs. Geisterspiele

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In den unteren Klassen wurde die Saison 2019/2020 aufgrund der Corona-Pandemie abgebrochen, d.h. auch für Wormatia Worms endet die erste Saison in der Oberliga Rheinland-Pfalz-Saar nach dem Abstieg aus der Regionalliga vorzeitig. Dagegen beharrt die Bundesliga auf ihre Sonderstellung und führt von 16. Mai bis 27. Juni die restlichen neun Spieltage durch. Das kann man gut finden – muss man aber nicht.

Wäre es nach den Fans der Vereine gegangen, hätte man die Saison auch in der Bundesliga abbrechen können. Bereits frühzeitig hatten sich Fanverbände positioniert und sich gegen einen Neustart mit Geisterspielen ohne Zuschauer ausgesprochen. Von daher stehen hinter dem Neustart in erster Linie wirtschaftliche Interessen, denn ein Bundesligist ist heutzutage ein Millionenunternehmen, das bei einem kompletten Lock-Down genauso betroffen ist wie andere Wirtschaftszweige. Wenn man aber hört, dass ein Verein wie Schalke 04 bereits wenige Tage nach dem Ausbruch der Corona-Krise von der Insolvenz bedroht war und erst durch die Fernsehgelder von Sky (vorübergehend) gerettet wurde, dann läuft in diesem System einiges falsch. Auch Borussia Dortmunds Präsident Watzke gehörte zu den Fürsprechern einer Fortsetzung der Saison, denn auch der BVB kann sich als Aktiengesellschaft keinen monatelangen Stillstand leisten. Trotzdem muss man selbst als eingefleischter Fußballfan fragen, ob sich der Fußball in Zeiten von Corona nicht zu wichtig nimmt. Während die EM oder die Olympischen Spiele frühzeitig abgesagt wurden, andere Länder längst den Saisonabbruch erklärt haben und im Sommer keinerlei Festivitäten in Deutschland stattfinden dürfen, beharrt ausgerechnet die Bundesliga auf eine Sonderstellung und führte dafür 25.000 Corona-Schnelltests in kürzester Zeit durch. Wie Fußball in Zeiten von Corona aussieht, davon können sich die Fußballfans in ganz Deutschland seit 16. Mai selbst überzeugen. Man sieht Spieler des BVB, die ihren Derbysieg gegen Schalke vor einer leeren Südtribüne feiern, Social Distancing beim Jubeln und Interviews mit Trainern, die Atemschutzmasken tragen. Und wenn die Saison 2019/2020 (außer)planmäßig am 27. Juni enden sollte, wird man eine Meisterfeier ohne Publikum erleben. Dass die Zuschauer bei einem emotionalen Sport wie dem Fußball wichtiger sind, als dies selbst vermeintliche Experten glaubten, wird nicht nur an der fehlenden Atmosphäre deutlich, sondern vor allem an der Bilanz der bisherigen Spiele. Denn bisher waren es hauptsächlich die Auswärtsteams, die Siege einfuhren, während die sonstige Heimstärke vieler Teams ohne Zuschauer völlig verpuffte. Da verlor selbst ein Spitzenspiel wie Dortmund gegen Bayern erheblich an Faszination, als statt 80.000 heißblütigen BVB-Fans nur eine Handvoll Funktionäre im Stadion saßen. Ohne Zuschauer wirkten die Spiele wie ein Treffen von 22 Männern in kurzen Hosen, die sich auf einem Sportplatz zum Kicken verabredet haben. Bei aller Liebe, aber so wichtig ist der Fußball nicht, dass man sich diese unwürdigen Geisterspiele vor leeren Rängen antun muss. Stattdessen bleibt zu hoffen, dass so mancher Verein, der aktuell Durchschnittsspielern Millionengehälter zahlt, die Corona-Krise nutzt, um darüber nachzudenken, wie weit man dieses Millionengeschäft Fußball noch ausufern lassen will. Sonst geht das Interesse an der „schönsten Nebensache der Welt“ ganz schnell verloren. Im Moment ist man auf dem besten Weg dahin.