SCHWERE ZEITEN FÜR DIE GASTRONOMIE

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Lokal-Betreiber als organisatorische Alleskönner

Eigentlich sind Lokale Orte, an denen man sich wohlfühlt, gepflegte Gespräche führt und sich dem Genuss hingibt. Für die Gastgeber kann der Traum vom eigenen Gastraum zugleich eine enorme Belastung bedeuten. Die bürokratischen Herausforderungen sind für Gastronomen mannigfaltig, das Personal ist knapp und der zeitliche Aufwand enorm.

Zum Teil ähneln sich die Probleme denen vieler mittelständischer und kleiner Unternehmen. Immer neue Vorschriften, gekoppelt mit erdrückender Bürokratie, erschwert so manchem Geschäftsmann/- frau das Leben. Gastronomie ist aber zusätzlich auch ein Stück Lebensqualität für uns alle, deren Bedeutung wir oftmals erst bemerken, wenn diese verschwunden ist. In den letzten Jahrzehnten hat sich das gastronomische Gesicht in Worms stark verändert. Wo einst Bratwurstbude, Straßenpizzeria oder ein Wienerwald zum Verweilen einluden, finden sich heute Shisha Bars, Dönerläden und noch eine Handvoll Abendcafés und Weinläden. Kai Hornuf, Stadtmarketing Worms, bemängelt im Gespräch mit WO! dementsprechend die ausbleibende Vielfalt in der Wormser Gastronomielandschaft und bringt dies auch mit hohen Mieten in Zusammenhang, die potentielle Gastronomen daran zweifeln lassen, entsprechende Umsatzzahlen zu erzielen. Gespräche der Stadt oder des Stadtmarketing mit den Eigentümern führten bisher nicht dazu, dass die Mieten günstiger wurden. Ein aktuelles Beispiel für Mietpreise 2020 sind die leerstehenden Räume, in denen zuvor der preiswerte Textil Anbieter Zeemann seine Produkte verkaufte. Derzeit ist die Immobilie für 3.200 Euro zu mieten. Geld, das man erst mal verdienen muss. Dehoga, der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband, warnt deshalb schon seit einiger Zeit vor einem drohenden Gaststättensterben. Im ländlichen Bereich ist dieses bereits weit vorangeschritten.

EINE ONLINE PETITION ALS CHANCE
Der Bundesverband hat deswegen eine Idee, wie man kulinarischen Unternehmern helfen könnte. Ein erster Schritt wäre es, die unterschiedlichen Mehrwertsteuersätze, mit denen Imbisse und Restaurants besteuert werden, anzupassen. Derzeit betreibt man hierfür eine Petition mit dem Ziel, dass Essen steuerlich einheitlich mit dem reduzierten Mehrwertsteuersatz belegt wird, unabhängig von der Art der Zubereitung, sowie „wo“ und „wie“ gegessen wird. Tatsächlich wird heute ein gemütliches, gesundes Essen im Sitzen mit 19 Prozent Mehrwertsteuer berechnet, im Gehen und Stehen fallen nur sieben Prozent an. Widersinnig ist auch der Umstand, dass bei Essen im Kindergarten, der Schule oder im Altersheim ebenfalls 19 Prozent Steuer anfallen, während die Uni-Mensa mit nur 7 Prozent bedacht wird. Die Liste ließe sich noch endlos fortsetzen und wirft unweigerlich Fragen auf. Am 20. März endet die Petition. Zum Erreichen ihres Ziels benötigt der Verband 50.000 Unterschriften, rund 84.000 hat er zusammen.

ERFOLGSAUSSICHTEN EHER GERING
Wir fragten MdB Jan Metzler (CDU), wie es mit der Petition weitergeht? „Das Erreichen der Zielvorgabe ist zunächst notwendig dafür, dass sich der Petitionsausschuss inhaltlich mit der Forderung auseinandersetzt“, erklärt er. Der Ausschuss kann dann über Einstellung oder Weitergabe entscheiden. Sollte Letzteres geschehen, wird er in den zuständigen Fachausschuss weitergereicht, der wiederum darüber entscheidet, ob das Thema zum Gegenstand parlamentarischer Behandlung wird. Voraussetzung ist aber, dass das Thema auch im Koalitionsvertrag zu finden ist. Jan Metzler räumt deswegen der Petition wenig Chancen ein, äußert aber Verständnis. Metzler betont, dass das Steuergesetz einer grundsätzlichen Revision unterzogen werden muss, statt immer wieder einzelne Mehrwertsteuersätze anzugleichen, wie zuletzt bei Hygieneartikeln für Frauen. Auch wenn die Politiker auf den Fluren Berlins Metzler Recht geben, ist in dieser Legislaturperiode nicht damit zu rechnen.

DIE KOSTENLAST MIT DER GEWERBESTEUER
Verständnis zeigt er auch für die zahlreichen Beschwerden, dass wachsende Auflagen ebenfalls ein Hindernis sind und betont, dass Kommunen und Land begreifen müssen, dass gastronomische Unternehmungen für das touristische Rheinland-Pfalz unabdingbar sind und man deswegen besser zusammenarbeiten müsse. Gefragt von uns, wie er als Politiker helfen kann, erklärt Metzler, dass er natürlich offen sei, dort zu helfen, wo zwei Seiten nicht mehr weiterkommen. Ein Gastronom, der das Vorhaben der Dehoga aktiv unterstützt, ist Filippo Borgnolo (Weinladen Borgnolo und Café Bar Borgnolo), der im Gespräch mit WO! erklärt, dass die zahlreichen Gebühren, Abgaben und Steuern zunehmend die Kasse belasten. Ein Problem, welches den Geldbeutel vieler Bürger ebenso belastet und schließlich wieder den Gastronomen trifft. Schließlich kann jeder Euro nur einmal ausgegeben werden. Igor Starin (The Burger Kitchen) bringt es auf den Punkt: „Eine Absenkung der Mehrwertsteuer wäre ein deutliches Zeichen dafür, die gesellschaftliche Bedeutung von Gastronomie anzuerkennen“. Könnte man dem Staat Tipps geben, wie man Lokalbetreibern außerdem das Leben erleichtern könnte, wäre das der Wunsch nach einer Flexibilisierung der Gewerbesteuer. Gerade da viele Gaststätten abhängig von der jeweiligen Wetterlage sind, kann die Gewerbesteuer die Inhaber knallhart treffen, wenn die Umsätze mal ausbleiben, aber das Finanzamt unbarmherzig seine Forderungen eintreibt. Zwar bekommt man bei der nächsten Abrechnung dementsprechend Geld wieder zurück, dennoch muss man es erst mal vorfinanzieren. Selbst bei regelmäßig gebildeten Rücklagen kann das schwierig sein. Ein Musterbeispiel hierfür ist sicherlich der Rekordsommer 2018, der viele Gastronomen an den Rand des finanziell Machbaren führte. Nicht wenige mussten Kredite aufnehmen oder auf privat Angespartes zurückgreifen, um die Steuerlast zu befriedigen.

QUALITÄT BESTIMMT DEN PREIS
Als würde das an Problemen nicht reichen, stößt der einstmals beliebte Arbeitgeber Gastronomie zunehmend auf große Probleme, neue Mitarbeiter zu finden. War das Kellnern früher ein beliebter Job bei Schülern und Studenten, scheint sich das in den vergangenen Jahren gewandelt zu haben. Die Gastronomen, mit denen wir sprachen, sind ratlos und betonen, dass es am Stundenlohn nicht liegen kann, da man bereits über dem Mindestlohn zahle. Stress in Stoßzeiten und unvorteilhafte Arbeitszeiten, bei gleichzeitig abnehmender Belastbarkeit, könnten Gründe hierfür sein. Für die Inhaber/-innen bedeutet das, oft bis nachts in der eigenen Lokalität zu stehen. Um deutlich höhere Löhne zu zahlen oder mehr Festanstellungen zu tätigen, müsste man indes die Preise für Speisen und Getränke anheben, zumal auch gute Lebensmittel gutes Geld kosten. In einer Stadt, in der rund 16 Prozent der Bevölkerung als „arm“ gelten, ist das ein Problem. Hinzu kommt die Wertigkeit, mit der viele Deutsche ihre Nahrung betrachten. Zwar wächst zunehmend das Bewusstsein für gute Lebensmittel, dennoch endete das Verständnis bei Vielen nach einem Blick auf die Speisekarte. Kritik gibt es diesbezüglich zwar eher selten, räumen die Gastronomen ein, die Kehrseite ist jedoch, dass die Kunden beim nächsten Mal einfach nicht mehr kommen.

GASTRONOMIE ALS LEIDENSCHAFT
Die Aufgaben in der Gastronomie sind vielfältig, denn um im Gaststättengewerbe bestehen zu können, müssen Lokalbetreiber zum Alleskönner mutieren: Sie sollten Talente als Buchhalter, Kaufmann, Koch, Lebensmittelhygienefachmann, Gastgeber, Organisator, Steuerfachmann und Unterhalter mitbringen. Eine Arbeit, die irgendwann auch zur physischen Belastung werden kann. In den Gesprächen wollen wir zuletzt wissen, warum man sich dennoch täglich der Herausforderung Gastronomie stellt. Filippo Borgnolo erklärt hierzu treffend, dass es ihm Spaß bereite, andere Menschen mit seinen Angeboten glücklich zu machen. Nicht minder geschätzt wird von den Kollegen/- innen die Bekanntschaft von vielen spannenden Menschen, die man kennenlerne, und die zahlreichen interessanten Gespräche, die man vermutlich in einem anderen Beruf so nicht hat.