Wenn einem die Decke auf den Kopf fällt…

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Gleich mehrere Wormser Sporthallen und Schulsäle wegen Einsturzgefahr geschlossen

Als Mitte Januar zunächst nur eine Decke in der Staudinger-Schule zusammenkrachte, war Oberbürgermeister Kissel – wie schon bei den auftretenden Schäden in der ELO-Sporthalle Ende letzten Jahres – sofort zur Stelle und erwies sich einmal mehr als Krisenmanager, der einen Konsens mit Schule, Eltern und Schülern erzielen konnte. Da konnte er jedoch noch nicht ahnen, dass sich die Deckenproblematik zu einem wahren Flächenbrand entwickeln sollte, denn kurz vor Redaktionsschluss dieser Ausgabe mussten akut die Sporthallen von einem guten Dutzend Wormser Schulen geschlossen werden. Diese Maßnahme war nötig, bevor so manchem Schüler buchstäblich die Decke auf den Kopf fällt…

Zunächst war es nur ein harmloses Schild am Eingangstor zur Staudinger Grundschule, das Schüler und Eltern auf den Umstand hinwies: „Aufgrund einer bauseitigen Überprüfung der Gebäude sind fast alle Klassen heute und eventuell morgen in die Realschule plus ausgelagert“. Der Grund: Am Morgen zuvor hatte in einem Klassensaal die Decke nachgegeben und hing nun zu rund zwei Dritteln durch. Begleitet worden war das Ganze von einem lauten Geräusch, wie ein „umfallender Stuhl“ habe es sich angehört, als sich die Decke teilweise absenkte. Dank der Geistesgegenwart und der Besonnenheit der Lehrkraft konnten die Schüler in Sekundenschnelle ohne Panik aus dem Saal geleitet werden. Zu Schaden kam glücklicherweise niemand, die Decke ist lediglich abgesackt, keinerlei Bauteile sind herabgestürzt. Die verantwortlichen Architekten des Gebäudebewirtschaftungsbetriebs nahmen unverzüglich die Untersuchung der Schadensursache auf und stießen auf den Umstand, dass die Konterlattung der Deckenkonstruktion in der Staudinger Schule nicht verschraubt ist wie die eigentliche Lattung, sondern lediglich genagelt. Durch das Gewicht der Deckenverkleidung und der Beleuchtungssysteme haben sich die Nagellöcher geweitet und die Stabilität beeinträchtigt. Da fast alle Räume mit einer solchen Deckenkonstruktion versehen sind, blieb der Stadt nichts anderes übrig, als die Säle vorübergehend zu sperren. Glücklicherweise boten sowohl die Staudinger Realschule plus als auch die benachbarte Karl-Hofmann-Schule sofort Ausweichräume an, so dass der Schulbetrieb weiterlaufen konnte. Immerhin werden an der Staudinger Grundschule aktuell 369 Schüler in 18 Klassen unterrichtet.

DER OB IST SOFORT ZUR STELLE
Oberbürgermeister Michael Kissel, Bildungsdezernent Waldemar Herder, Andrea Müller als Leiterin der Schulverwaltung und Ortsvorsteher Uwe Merz ließen sich unmittelbar nach dem Vorfall vor Ort von Karsten Bohmann sowie Thorsten Mohr vom GBB im Beisein der stellvertretenden Schulleiterin Nicole Guthier die Schäden zeigen. Als erste Maßnahme des Ortstermins blieb der Saal, in dem die Decke abgesackt war, weiterhin gesperrt. Stahlsprießen sicherten das Konstrukt vorerst, die Decke wurde kurz danach bereits ausgebaut. Die übrigen betroffenen Räume wurden ebenfalls abgesprießt – ein Statiker bestätigte, dass sie mit dieser Maßnahme auch wieder für den Unterricht freigegeben werden können. Im Anschluss an die Sicherungsmaßnahme sollen sämtliche Decken der 15 betroffenen Räume Block für Block (à jeweils vier Sälen) saniert werden. Die jeweiligen Klassen werden während dieser Zeit in das benachbarte ehemalige Hauptschulgebäude ausgelagert. In einem Informationsgespräch mit Schulleitung und Elternbeirat der Staudinger Grundschule konnte OB Kissel anschließend als Konsens vermelden: „Im Gespräch ist deutlich geworden, dass weder Eltern noch Schulleitung eine Auslagerung wünschen, sondern die Räume der Grundschule weiter genutzt werden sollen.“ Um die Sicherheit der Kinder zu erhöhen und ein etwaiges Verletzungsrisiko zu minimieren, wurden anschließend die Sprießen mit einer Schaumstoffummantelung verkleidet. Sobald die Decken ausgebaut sind, werden die Beleuchtungseinrichtungen wiederhergestellt, sodass die Räume dann wieder für den Unterricht genutzt werden können. Zeitgleich bereitete die Verwaltung die Planung und Ausschreibung für den Einbau neuer Deckenelemente vor, so der Stadtchef. „Wir wollen diese Arbeiten möglichst in den Sommerferien durchzuführen lassen und, abhängig vom Fortgang dieser aufwändigen Maßnahmen, spätestens bis zum Ende der Herbstferien beenden.“

NEUBAU WIRD ANGESTREBT
Da es dem Wormser Baudezernenten Uwe Franz – kaum im Amt, aber doch ständig im Mittelpunkt des Geschehens, weil mal wieder irgendein Bauprojekt stockt – an Arbeit nicht mangelt, hatte Kissel das PR-Desaster zur Chefsache erklärt und konnte eine schnelle Klärung in die Wege leiten. Auch im Hinblick auf die Zukunft des Schulstandortes hatten die städtischen Vertreter – in Person von Kissel und Franz – positive Nachrichten zu vermelden: „Mittel- und langfristig streben wir für die Staudinger Grundschule einen kompletten Neubau an, denn die Pavillon-Bauten aus den sechziger Jahren können wir nicht in wirtschaftlicher Weise komplett energetisch sanieren und auch eine Barrierefreiheit können wir bei dieser Bauweise nicht herstellen“, machte der Stadtchef deutlich. Deshalb sei ein Neubau auf lange Sicht die vernünftigste Lösung. Wer die Wormser Schulen kennt, weiß, dass man die Pavillon-Bauen aus den Sechzigern vielerorts findet. Der Bedarf an Neubauten dürfte also in den nächsten Jahren noch steigen. Zunächst jedoch muss das Vorhaben „Neubau Staudinger Grundschule“ in den Gremien des Rates ausführlich besprochen werden. „Ein solches Großprojekt mit einem Investitionsvolumen von mindestens 20 Millionen Euro muss natürlich in die Investitionsplanung der Stadt eingetaktet, hinsichtlich der Förderung mit dem Land abgestimmt und nicht zuletzt mit Blick auf den personellen Aufwand bewältigt werden“, erläuterte Kissel dem Elternbeirat, der sich zufrieden mit dem Gesprächsergebnis gezeigt habe. „Wir sind froh, gemeinsam einen für alle Beteiligten verträglichen Konsens erzielt zu haben und sind guter Dinge, dass wir auch künftig zum Wohle des Schulstandortes zusammen an einem Strang ziehen werden“, unterstrich der Stadtchef abschließend. Da die politischen Mühlen aber bekanntlich etwas langsamer mahlen, könnte sich die „mittel- bis langfristige Lösung“ so lange hinziehen, dass die meisten Leute im Elternbeirat diesen Neubau wohl gar nicht mehr im Amt erleben werden.

GUTE NACHRICHT WIRD GETRÜBT
Aufgrund des Umstandes, dass man es gleich in mehreren Schulen mit einer Beton-Rippendecke mit geschraubter Lattung aus den sechziger Jahren zu tun hat, hat der städtische Gebäudebewirtschaftungsbetrieb anschließend die Deckenkonstruktionen in sämtlichen schulischen Liegenschaften bautechnisch überprüft. Das Ergebnis bereitet Oberbürgermeister Michael Kissel und Baudezernent Uwe Franz Sorgen: „In sechs Schulsporthallen entspricht die Deckenkonstruktion der in der Staudinger Grundschule“, gibt der Baudezernent bekannt. Es bestehe daher keine andere Möglichkeit als zu veranlassen, diese sechs Hallen bis zu einer genauen baulichen Überprüfung zu sperren. „Wir wollen jegliches Risiko für die Hallennutzer ausschließen“, unterstrich Stadtchef Kissel. Betroffen sind Sporthallen der Heppenheimer Grundschule, der Karmeliter Grund- und Realschule plus, der Ernst-Ludwig-Schule sowie der Pestalozzi- und Neusatzschule. In Heppenheim wurde die Halle umgehend gesperrt und die Eltern in einem Elternbrief informiert. Die Halle muss für längere Zeit geschlossen werden; die Schulverwaltung arbeitet bereits an Ausweichmöglichkeiten und ggf. notwendigen Bustransfers. Bei Redaktionsschluss war die Stadt für die anderen Sporthallen noch auf der Suche nach Lösungen. „Wir hoffen natürlich, dass wir die Hallen schnellstmöglich wieder freigeben können, aber die Sicherheit geht vor. Insofern sind uns momentan die Hände gebunden“, bedauern OB Kissel und Dezernent Franz die Situation.

KURZKOMMENTAR:
Obwohl alle Seiten betonen, dass ein Vorfall wie an der Staudinger Grundschule nicht vorhersehbar war, entsteht in Worms sehr oft der Eindruck, dass man bei öffentlichen Gebäuden – egal, ob Parkhäuser, Kindergärten oder eben Schulen – so lange wartet, bis im wahrsten Sinne des Wortes nichts mehr geht und eine sofortige Schließung droht. Von daher wäre ein Gebäudemanagement, das die Schäden aller öffentlichen Gebäude umfasst, dringend von Nöten. Zugegeben: Bei knapp 375 Gebäuden, die Baudezernent Franz aktuell zu unterhalten hat, ist das eine wahre Sisyphusarbeit. Aber immer noch besser, als darauf zu warten, dass einem Schüler irgendwann tatsächlich die Decke auf den Kopf fällt.