Wie viel Bad Hersfeld kann Dieter vertragen?

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…wenn es dort noch mehr Provinz als in Worms gibt

Er tut es wieder! Eigentlich wollte der ehemalige Nibelungen Festspielintendant und -regisseur Dieter Wedel wieder hinter die Filmkamera, um für das Fernsehen einen neuen Film zu inszenieren. Ein Thema hatte er schon, nämlich seinen Wohnort Mallorca. Eine Komödie sollte es werden, doch die ist erst mal aufgeschoben, denn gerade mal zwei Monate nach seinem Abschied aus Worms wurde am 22. September verkündet, dass der 71 jährige die Intendanz der Bad Hersfelder Festspiele übernehmen wird.

Von Oktober an wird er als künstlerischer Leiter tätig sein, vereinbart ist eine Intendanz bis 2018. Ob er sich damit einen Gefallen erweist, das muss sich erst noch zeigen, denn hinter den Kulissen der Festspiele brodelte es bisher gewaltig. Erstes Opfer der Machtspiele in dem beschaulichen Bad Hersfeld, das den meisten als Hauptsitz des Multikonzerns Amazon bekannt sein dürfte, war der bisherige Intendant Holk Freytag. Der hatte ursprünglich einen Vertrag bis 2016. Allerdings wurde ihm im August, nach einem erbitterten Streit mit dem Magistrat, fristlos gekündigt. Vordergründig, weil Freytag sich weigerte, für die kommende Saison 400.000.- Euro einzusparen. Der Gesamtetat der Spiele betrug 2014 knapp 5,1 Millionen Euro, die sich auf sieben Inszenierungen verteilten, darunter eine Bühnenversion der „Wanderhure“. Nach städtischer Aussage belief sich allerdings der Verlust auf 290.000 Euro. Diese Summe muss komplett von der Stadt getragen werden. Freytag selbst erklärte der dpa, dass er die Schuld für die schlechten Besucherzahlen bei der Stadt selbst sehe, die die Festspiele kaputt reden würde. Letztlich wurde der Intendant, im Streit um Etatkürzungen und der künstlerischen Ausrichtung, sozusagen zum Bauernopfer auserkoren. Besonders perfide in dem Zusammenhang: Noch bevor der Magistrat die Kündigung offiziell bestätigen konnte, wurde dieser Vorgang durch Ratsmitglieder nach außen kommuniziert, wie die „Osthessen News“ mitteilten. Im Übrigen scheint Verschwiegenheit nicht gerade die Stärke des Bad Hersfelder Magistrats zu sein. Auch in der Personalie Wedel kam es zum Eklat. Noch nicht als Intendant abgesegnet, wurde die Meldung bereits an die Medien versandt. „Wozu braucht der Bürgermeister noch einen Magistratsbeschluss, wenn doch schon alles gelaufen ist?“ zitierte die „Hersfelder Zeitung“ Monika Schmidt, stellvertretende Vorsitzende der rot-grünen Fraktion. Weiter sprach sie gegenüber der Zeitung von einer Missachtung demokratischer Gepflogenheiten.

Auch in der Bevölkerung von „Amazon City“ sorgte die Festspielposse für reichlich Kopfschütteln und Politikverdrossenheit. Während Freytag bei der politischen Kaste zum Teil in Ungnade gefallen war, hatte er in der Bürgerschaft einen deutlichen Rückhalt. Bei einer nicht ganz unumstrittenen Unterschriftenaktion (ein Bürgerbegehren wurde zuvor abgelehnt) sprachen sich 10.000 Bürger gegen eine Kündigung des bisherigen Intendanten Freytag aus, eine Zahl, die bei rund 38.000 Einwohnern mehr als beachtlich ist. Auch das Ensemble sprach sich ausdrücklich gegen eine Entlassung des Mannes aus. Nebenbei bemerkt wurde der FDP Bürgermeister Thomas Fehling, dem der Kulturausschussvorsitzende Thomas Handke (SPD) einen persönlichen Feldzug vorwarf (Spiegel.de), bei der Bürgermeisterwahl 2010 gerade mal von 3500 Einwohnern gewählt (Quelle: Bad Hersfeld. de). Fehling gilt auch als Hauptakteur in diesem Trauerspiel. Einen Nutzen hatte die Aktion allerdings keinen, denn Freytag hat seinen Platz zwischenzeitlich geräumt und wird nun mit einer Abfindung vertröstet, die, wie man hört, bereits in den Festspieletat 2015 eingerechnet wäre (nachtkritik.de).

Vielleicht sollte Wedel dieses Drama mit Shakespeareschen Ausmaßen als Grundlage für die kommende Saison nutzen? Ob es dem ehemaligen „Herrn der Nibelungen“, bei denen er in den Anfangsjahren durchaus auch mal um 2,5 Millionen Euro überziehen durfte, gelingen wird, die Bad Hersfelder Festspiele in ruhigere Gewässer zu lenken, bleibt abzuwarten. Ein weiteres Detail in dieser kuriosen Provinzposse ist übrigens die Tatsache, dass Amazon einst von der Stadt 9 Millionen Euro erhalten hatte, damit man sich in der hessischen Idylle ansiedelt. Als nun das Loch in der Festspielkasse bekannt wurde, hat der US-Riese aber seinen Daumen nach unten gesenkt und war offenbar nicht bereit, dem schlingernden Festspielschiff als Sponsor unter die Arme zu greifen.

Übrigens: Das Motto in der diesjährigen Saison bei den Festspielen in der hessischen Kurstadt lautete: „Macht und Menschlichkeit“. Wo der Kapitalismus seine hässliche Fratze so deutlich zeigt wie in Bad Hersfeld, kann es nur einen geben: Dieter Wedel – übernehmen Sie! Es geht auch noch mehr Provinz als in Worms.