Die Nibelungen im Django-Land

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Rund zwei Wochen ist es her, dass die namhafte Besetzung der diesjährigen Nibelungen-Festspielinszenierung zum letzten Mal die Bühne betrat, um sich vor den ausverkauften Zuschauerrängen zu verbeugen. Rückblickend bleibt zunächst festzuhalten, dass es schon erstaunlich ist, wie man ein und derselben Geschichte in zwölf Jahren immer wieder unterschiedliche Facetten abgewinnen konnte. Immerhin brachte Intendant Dieter Wedel die berühmte Sage um die Wormser Königsfamilie in bereits neun verschiedenen Ausführungen auf die Bühne vorm Dom.

Rezension von: Dennis Dirigo

Im aktuellen Jahr benutzten er und sein persönlicher Referent auf Augenhöhe, Joern Hinkel, einmal mehr als Vorlage Friedrich Hebbels berühmten Klassiker, der bereits in den Jahren 2004 und 2005 unter der Regie Karin Beiers den Weg auf die Festspielbühne fand. Längst sind die beiden Künstler so was wie Experten in Sachen Nibelungen geworden, wobei hier auch schon ein Problem dieser Inszenierung auszumachen ist. Denn Experte zu sein, heißt möglicherweise, sich in Details zu verlieren. Dabei war der Ansatz, den die beiden wählten, durchaus attraktiv. Natürlich dürfte den meisten Zuschauern bekannt sein, dass Siegfried im Laufe der Geschichte den Tod finden wird. Also warum den Mord nicht einfach an den Anfang stellen und die Geschichte in einer Rückblende erzählen? Was in der Theorie plausibel und interessant klang, entwickelte in der praktischen Umsetzung jedoch keine dramaturgische Rechtfertigung. Selbst die Frage, die Wedel in verschiedenen Interviews aufwarf, ob der Mord an Siegfried an irgendeiner Stelle zu verhindern war, spielte nur eine untergeordnete Rolle. Ebenso die Ankündigung, ein Fantasyspektakel auf die Bühne zu zaubern und sich mit der Frage nach dem Wesen des Helden auseinanderzusetzen, konnte die Aufführung nur eingeschränkt gerecht werden. Auch Wedels Ansatz, den germanischen Überhelden Siegfried zu demontieren, in dem er aus dem mittelalterlichen Supermann ein verweichlichtes Muttersöhnchen machte, das entsprechend feminin von Vinzenz Kiefer gespielt wurde, bereicherte das Stück auf dramaturgischer Ebene ebenfalls nicht.

Die Schwächen
Größtes Problem der rund 160-minütigen Inszenierung war jedoch der seltsam schleppende Rhythmus. Keine Frage, Verdichtung ist bei einem Stück wie Hebbels Mammutwerk unumgänglich, doch hier rächte sich der Expertenblick. Wedel setzte zu viel voraus und überforderte mit einer gelegentlich sprunghaften Inszenierung das Publikum. Da wurde in epischer Breite die Ankunft der Burgunder in Brunhilds Reich vorbereitet, nur um dann, als es zum dramatischen Höhepunkt – dem Wettkampf – kommt, unvermittelt wieder an den Königshof zu springen. Ähnlich verhielt es sich mit dem Königinnenstreit, der darstellerisch zweifelsohne punkten konnte, aber leider nur wie ein weiteres Abhaken in einer Nummernrevue wirkte und somit seine Wirkung nicht vollends entfalten konnte.

Die Stärken
Doch Wedel wäre nicht der berühmte Regisseur, wenn er letztlich nicht doch ein paar Asse im Ärmel versteckt hätte. Und so boten die diesjährigen Nibelungen zumindest ein über jeden Zweifel erhabenes Augenfutter. Mit dem sicheren Blick eines Cineasten ausgestattet, gelang es ihm, durchgehend auf der visuellen Ebene zu beeindrucken. So konnte sich das Auge nur schwer satt sehen an der fraglos großartig illuminierten Arena. Auch die gekonnt eingesetzten Anleihen beim Italowestern funktionierten hervorragend. Nicht von ungefähr erinnerte die Arena mit ihrem Schlammlook und dem unfertig wirkenden Holzturm an das Szenenbild von Sergio Corbuccis legendären „Django“. Dazu passte, dass die Königsfamilie in ihrer Mischung aus Debil und Dekadenz, ebenso aus dem Westernklassiker emigriert sein könnte. Eine Idee, die sich wohltuend von früheren Inszenierungen abhob. Über jeden Zweifel erhaben waren die fantasievollen Kostüme, die stilistisch einen Bogen von Fantasy-Trash a la „Kampf der Titanen“ (siehe der Chor der Nibelungen) bis hin zu Post Punk Style a la „Mad Max“ schlugen. Das war zwar nicht immer schlüssig, aber machte Spaß anzuschauen.

Das Ensemble
Ein weiterer Pluspunkt war die Besetzung, die über weite Strecken zu gefallen wusste. Vor allem Lars Rudolph als Hagen überzeugte in einer schrägen Mischung aus Klaus Kinski und Billy Idol. Endlich durfte Hagen Tronje mal so richtig intrigant und böse sein. Als einziger an diesem degenerierten Königshof mit ein wenig Grips gesegnet, war er der Mittelpunkt des Stücks. Und Rudolph, mit gelegentlichem Mut zum Overacting, nutzte das konsequent und machte „Born to die“ zu seiner Show. Selbst Vinzenz Kiefer, der die Last zu tragen hatte, einen femininen Siegfried – inklusive Büstenhalter Rüstung – geben zu müssen, gelang es, dieser eigenwilligen Interpretation sympathiebringende Momente abzugewinnen. Mit naivem bübischen Charme wirkte sein Siegfried fast schon rührend. Das war zwar nicht das, was man von einer Heldenfigur erwartet hätte, aber immerhin machte er das Beste daraus. Der zumeist auf Comedyrollen abonnierte Markus Majowski überzeugte mit bärbeißigem Charme und leitete als Volker von Alzey zugleich durch die Geschichte, die er einem gewohnt souverän agierenden Roland Renner in der Rolle des Rüdiger von Bechelaren schilderte. Mit dezentem Glamourfaktor konnte Cosma Shiva Hagen ebenso überzeugen wie Kathrin von Steinburg, die mit eindrucksvoller Bühnenpräsenz eine selbstbewusste Brunhild gab. Ruhender Pol des Ensembles war jedoch Susanne Uhlen. Unaufgeregt und mit Bedacht spielte sie die Königsmutter, Akzente setzte auch Bernd Michael Lade als ungebildeter und ungehobelter König Gunter. Selbstverständlich soll an dieser Stelle auch nicht das große Theaterdebüt des WO!-Mitarbeiters Peter Englert unterschlagen werden. Zwar hatte dieser in der Rolle des Königsbruders Gerenot nur wenig Dialogzeilen, trotzdem gelang es ihm mühelos, mit den namhaften Darstellern an seiner Seite mitzuhalten. Auch akustisch beeindruckte das Stück, zum Leidwesen der Anwohner, durch den dynamischen Einsatz des Schlagzeugers Matthias Trippner. Kraftvoll gab er dem Stück an den passenden Stellen die Dramatik, die sich auf der erzählerischen Ebene nicht immer einstellen wollte. Unterstützt wurde sein Spiel von der gelungenen  Komposition des Theaterkomponisten Jörg Gollatsch. Lediglich der Titelsong „Born to die“, der auch in einem James Bond Film seinen Platz hätte finden können, und eine Musicaleinlage von Markus Majowski in der Rolle des Volker von Alzey wirkten seltsam fremd.

Fazit
Bleibt am Ende festzuhalten, dass die diesjährigen Nibelungen viel Gutes zu bieten hatten, jedoch unter einer nicht immer schlüssigen Dramaturgie leiden mussten. Der Anspruch, große Sprache und Spektakel zusammenzubringen, dem wurde Dieter Wedel letztlich nur eingeschränkt gerecht. Zu sprunghaft wirkte die Erzählung und zu mannigfaltig waren die Ideen. Dennoch weckte das Stück Interesse daran, zu erfahren, was Wedel aus Hebbels „Kriemhilds Rache“ machen wird. Unter dem Titel „Der zweite Mann“ wird er 2014 zum letzten Mal im übermächtigen Schatten des Kaiserdoms inszenieren.