Stephanie Lohrs Wahlkampf bietet bislang mehr Persönlichkeit als Programm

Bevor die Wähler*innen am 13. September 2026 entscheiden, wer neuer Oberbürgermeister*in der Stadt Worms wird, steht im August bereits die heiße Endphase des Wahlkampfs an. Überraschend ist, wie wenig Inhalte der OB-Wahlkampf bisher zu bieten hatte. Vor allem aber würde man von einer Kandidatin wie STEPHANIE LOHR, die schon länger im Stadtvorstand ist, erwarten, dass sie den Wahlkampf auch nutzt, um auf ihre bisherigen Erfolge hinzuweisen. Stattdessen liegt ihr Fokus bisher darauf, in erster Linie zu „menscheln“ und viel Privates von sich preiszugeben.

Persönlichkeit gehört heute zu jedem Wahlkampf. Kandidaten zeigen sich nahbar, erzählen Privates und geben Einblicke in ihren Alltag. Was den bisherigen OB-Wahlkampf in Worms an-geht, da menschelt es auch gewaltig. Vor allem STEPHANIE LOHR (CDU), die einen Wahlkampf führt, der – wenig überraschend – von Social-Media-Aktivitäten geprägt ist, gibt erstaunlich viel von sich preis und sie verspricht in ihrem Podcast „Persönliche Geschichten, spannende Begegnungen und ehrliche Gespräche über Worms, die Menschen dieser Stadt und das, was uns verbindet.“ So erzählt sie in „Lohr im Ohr“ ganz unverblümt, dass sie ihre Wäsche noch zur Mutter bringt und schiebt die Begründung gleich hinterher: „Wir waschen unsere Wäsche nachhaltig und effizient.“ Auch wenn Lohrs Offenheit bei manchen Beobachtern möglicherweise für Kopfschütteln gesorgt hat, muss man fast schon anerkennend festhalten: Den Um-stand anschließend mit Nachhaltigkeit zu begründen, ist kommunikativ durchaus geschickt. Ob das aber Wählerstimmen bringt?

Als Lohr in ihrem Podcast auf ihre familiär bedingt lockigen (!) Haare angesprochen wurde, fragte sie zurück, ob man bei einem Mann genauso nach Äußerlichkeiten gehen würde. Wenig später animierte Moderator Benedict Schulz die Zuhörer, in den Sozialen Medien darüber abzustimmen, ob sie die Haare lockig oder lieber glatt tragen soll. Und der Podcast fördert noch mehr Persönliches zutage, was vermutlich auch so gewollt ist, jedoch kann man über den politischen Mehrwert für angehende Wähler*innen sicherlich diskutieren. So erfährt man, dass Stephanie Lohr Mamas Nussecken und Oma Hildes Vanillepudding liebt, gerne Döner „mit alles und scharf“ isst und ihren heutigen Ehrgeiz, Wahlen zu gewinnen, durch eine verpasste Wahl zur Weinprinzessin in Abenheim entwickelt habe. Stephanie Lohr spricht über ihr Guilty Plessure („getrocknete Blutwurst“), über ihre Schulzeit, über Reisen, die Heimat und ihre Zeit bei der Freiwilligen Feuerwehr in Abenheim. Keine Frage, die OB-Wahl ist eine typische Personenwahl. Ob aber dieses allzu Menschliche und Bodenständige nun echt oder eher gekünstelt wirkt, mag jeder Wähler für sich selbst entscheiden.

Kein Alleinstellungsmerkmal

Mangelnden Fleiß kann man Lohr wiederum nicht vorwerfen. Im Rahmen ihrer Reihe „Ste-phanie Lohr macht Urlaub“ besucht sie mit ei-nem VW-Bus verschiedene Wormser Stadteile, um sich die Sorgen der Bürger vor Ort anzuhören. Täglich sieht man bei Facebook, Instagram & Co., wie sie Wormser Firmen einen Besuch abstattet, sich mit Bürgern austauscht oder bei Veranstaltungen vorbeischaut. Dieser tägliche Content erreicht Views, Likes und Klicks und generiert entsprechend Aufmerksamkeit. Nichtsdestotrotz kann man auch Social Media – dort, wo bekanntlich die Oberflächlichkeit zuhause ist – mit politischen Inhalten füllen. Daran mangelt es derzeit noch. Bis dato hat man das Gefühl, dass der Wahlkampf von Stephanie Lohr aus den drei Säulen „Kompetenz“ („ich bin lange genug im Amt und kenne die Verwaltung“), „Persönlichkeit“ (heimatverbunden, bodenständig) und „Vernetzung“ („ich bringe Menschen zusammen, um Ideen zu entwickeln“) besteht.

Das mag für Social Media reichen, aber für viele Wähler im „echten Leben“ könnte das zu wenig Argumente für eine Wahl liefern, zumal ihr größter Kontrahent, TIMO HORST (SPD), mit denselben Schlagworten für sich werben kann. Worin liegt da das Alleinstellungsmerkmal? Was noch fehlt, ist ein detailliertes Wahlprogramm mit konkreten Maßnahmen. Wie soll die Innenstadt belebt werden? Welche Antworten hat Lohr auf die Finanzlage der Stadt, den Wohnungsmarkt oder den Verkehr? Gerade diese Fragen sollten nun im Mittelpunkt des Wahlkampfs stehen. Auch die Homepage www.stephanielohr.de enthält viele Termine, aber keine konkreten Wahlinhalte. Die sollen auf Nachfrage noch folgen. Fast hat man das Gefühl, die beiden Spitzenkandidaten würde so lange wie möglich mit Inhalten warten, damit der Konkurrent nicht die eigene Idee stiehlt. Dabei sollte es doch für eine Bürgermeisterin, die das Amt schon über fünf Jahre bekleidet, an Themen nicht mangeln. Immerhin war Lohrs Dezernat für die viel beachteten Kampagnen „Worms wird wow“ oder „#Wormsliebe“ verantwortlich, ebenso wie für die Themen „Sicherheit und Ordnung“ oder die Sauberkeit in Worms, wobei die wohl aufsehenerregendste Säuberungsaktion für die Wormser Innenstadt Ende März 2026 ausge-rechnet von Baudezernent Timo Horst veranlasst wurde.

Auch im Podcast wird es nur selten mal politisch. Beispielsweise, wenn Lohr Worms statt Heidelberg als „logischen“ Bewer-ber für Europas Kulturhauptstadt vorschlägt. Nach ihrer Vision für Worms gefragt, antwortete die OB-Kandidatin, dass sie das von ihr aufgebaute Netzwerk nutzen möchte, um eine gemeinsame Vision für Worms zu entwickeln. Was nach echtem Teamwork klingt, könnte den Eindruck erwecken, dass konkrete eigene Vorstellungen bisher noch fehlen. Von daher wäre zu wünschen, wenn in den letzten sechs Wochen vor der OB-Wahl mehr über politische Sachthemen gesprochen wird. Im bisherigen Wahl-kampf von Stephanie Lohr wurde genug ge-menschelt. Nun ist die Zeit gekommen für ein klar umrissenes Reformprogramm.

Kommentar: Frank Fischer