Auf sieben Stationen zur Wormser Glückseligkeit

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Stadttour mit Oberbürgermeister Michael Kissel und Wormser Bürgern

Es gibt viele Möglichkeiten, sich durch Worms zu bewegen. Eine davon ist, mit dem Nibelungenbähnchen oder einfach zu Fuß durch zwei Jahrtausende zu marschieren. Man kann aber auch mit dem Oberbürgermeister auf eine Tour gehen und sich Worms im Jahre 2017 erklären lassen.

Dass er seinen Job auch nach rund 14 Jahren immer noch gerne macht, merkte man ihm bereits zu Beginn dieser Fahrt schnell an. Michael Kissel ist Wormser und das offensichtlich sehr gerne. Ginge es nach ihm, wäre unsere Nibelungenstadt schon längst Kulturhauptstadt Europas oder wenigstens die heimliche Hauptstadt von Rheinland-Pfalz. Das sagt er zwar an diesem Tag nicht explizit, aber es schwingt in jeder Zeile als leiser Unterton mit. Fünfzig Wormser nahmen an der Tour teil. Zum Beginn bekam jeder ein „Handout“ mit den wichtigsten Fakten zu den sieben bevorstehenden Orten. Hierfür gebührt ausdrücklich ein großes Lob. Detailreich vom Büro des Oberbürgermeisters, namentlich Christian Bub, erstellt, versorgte es die Reisegruppe mit den wichtigsten Informationen.

Bekannt für seinen Sarkasmus, wenn es darum geht, die Qualitäten „seiner Stadt“ zu betonen, ist das erste „Opfer“ des OB’s an diesem Tag der Frankenthaler Busfahrer, der sich glücklich schätzen darf, dass er endlich mal die Gelegenheit bekommt, auf ordentlichen Straßen zu fahren. Schnell schob der Stadtchef noch hinterher: „Frankenthal, das ist eine besiedelte Bahnschiene zwischen Worms und Ludwigshafen“. Kaum war der Satz ausgesprochen, stand der Bus bereits vor der ersten Station, dem PARKHAUS KOEHLSTRASSE, über das im Stadtrat viel und heftig diskutiert wurde. Meterhoch ragen die Stahlgestelle in den Himmel und machen so anschaulich, in welcher Dimension der neue Parktempel erstrahlen wird. Da die Autos immer breiter werden, wie Kissel erklärt, werden nun auch die Parkplätze breiter und natürlich wird es auch barrierefrei sein, sprich: ein Aufzug wird in dem neuen Gebäude zu finden sein. Insgesamt 7,6 Millionen Euro soll es kosten. Kissel erwähnt auch die Kritiker, die der Meinung sind, dass man den Fahrradverkehr sowie öffentliche Verkehrsmittel stärker forcieren soll. Das hält er aber schlicht für unrealistisch. Mobilität ist überhaupt ein Thema seiner Amtszeit, wie sich im späteren Verlauf der Tour noch zeigen wird. Erstmal stand allerdings das sogenannte „WACKELHAUS“ auf dem Programm. Nach einem riesigen Knall im Jahr 2007 wies das bewohnte Gebäude „Am Wolfsgraben“ Risse auf, sodass die Bewohner ausziehen mussten. Nach jahrelangen Rechtsstreitigkeiten zur tatsächlichen Ursache der Risse, wurde schließlich das Gebäude komplett saniert. Heute findet sich hier das Caritas Kaufhaus sowie 31 seniorengerechte Mietwohnungen, die ebenfalls von der Caritas betreut werden.

Von hier ging es durch schmale Straßen zum sogenannten „SALAMANDERGELÄNDE“, das eigentlich von den Heylschen Lederwerken genutzt wurde, ehe es 1963 von der Salamander AG gekauft wurde. Den meisten Wormsern dürfte das Gelände vor allem als Industrieruine bekannt sein. Nach Jahren des Streites über den Rückbau dieser Ruinen und der Befreiung der Flächen von Altlasten, erwarb die Stadt 2014 das Gelände, das im Moment eher einem Ödland gleicht. Die einzigen Bewohner auf diesem kahlen Stückchen Erde sind derzeit Asylanten, die in zweckdienlichen Containern leben, die seit diesem Sommer notdürftig mit ein paar bunten Streifen verziert sind. In Worms leben derzeit rund 1.600 Flüchtlinge, von denen 168 in diesen Containern leben. Das Dorf soll jedoch irgendwann wieder zurückgebaut werden. Geht es nach dem Willen des Stadtchefs soll auf diesem Gelände zukünftig die Feuerwehr ihre Hauptwache bekommen. Desweiteren hat auch der THW signalisiert, sich hier niederzulassen. Knackpunkt ist im Moment noch die Finanzierung (wir berichteten), denn ohne eine ordentliche Finanzspitze vom Land ist dieser Plan nicht umsetzbar. Vom Land abhängig ist auch die derzeit größte Straßenbaustelle in Worms, nämlich die „SÜDUMGEHUNG“. Die Planungen für das ehrgeizige Projekt begannen bereits in den 70er Jahren, wie Michael Kissel erklärt. Ziel ist es, die B47 mit der B9 zu verbinden, um zukünftig den Pendler- und Lastverkehr aus der Stadt rauszuhalten. Um zu veranschaulichen, wie weit die Baumaßnahmen unterhalb des Autobahnzubringers am Kirschgartenweg sind, durfte der Bus im Namen des OB schon mal auf der Schnellstraße halten, sehr zum Missfallen eines eiligen PKW-Fahrers.

Vorbei am Kreisel („…und an dem schönen Kreisverkehr, da haben unsere Gärtner Herbstblümchen eingepflanzt“, Michael Kissel) und am Hochstift („Da wird nach dem Abriss neue qualitätsvolle städtebauliche Bebauung stattfinden“, Michael Kissel) ging es an den LUDWIGSPLATZ und dem dazugehörigen Parkhaus. Seit Jahren ist der Platz samt Parkhaus sanierungsbedürftig. Näheres wurde hierzu nicht erläutert, lediglich, dass die Betreibergesellschaft der Kaiser Passage ein Interesse hatte, das Parkhaus zu übernehmen. Der OB möchte allerdings die Parkmöglichkeiten weiterhin in städtischer Hand halten. Man führe deswegen Gespräche mit dem Land. Von hier ging es zu Fuß durch die Ringanlage, wo Kissel berechtigterweise voll des Lobes bezüglich der kreativen Grünflächengestaltung ist, Szenenapplaus vor dem LUTHERDENKMAL inklusive. In stolzer Martin Luther-Haltung zeigte sich der OB sehr geschichtsfest während seiner historischen Erläuterungen zu dem 1868 eingeweihten Denkmal, das weltweit das größte Reformationsdenkmal ist. Kenntnisreich in Sachen Wormser Geschichte verdeutlichte er den interessierten Wormsern die historische Bedeutung des Heylshofparks, der auf den Ruinen einer römischen Tempelanlage verweilt.

Nach viel Lob für Gärtner, Architekten und Luther gab es an der vorletzten Station, dem WORMSER DOM, betrachtet vom Mauritius aus, nochmal eine Kostprobe des bekannten Kissel‘schen Sarkasmus. „Und hier sehen wir jetzt nicht mehr den Wormser Dom. Wie Sie sehen, ist er komplett zugebaut!“ Natürlich ist er noch zu sehen, wenn auch ein unangenehm dicht platziertes Gebäude ihm vielleicht etwas zu nah auf die Pelle rückt. Die Rede ist natürlich vom Haus am Dom, das wie kein anderes Gebäude die Wormser Bürgerschaft spaltete. Man merkt dem Oberbürgermeister an, dass dieses Thema nicht spurlos an ihm vorbeigegangen ist. Er erzählt von den rund 17.000 Unterschriften derer, die sich gegen das Haus ausgesprochen haben und einer kleinen Gruppe von Menschen, die sich auch heute noch treffen, um Mahnwachen abzuhalten. Ein wenig zu sarkastisch wird es, als er besonders eine Haus-am-Dom-Gegnerin leicht schmunzelnd umschreibt, die dadurch wahrscheinlich für die meisten Wormser leicht zu identifizieren war. Interessant waren hingegen die historischen Ausführungen, bei denen Kissel beiläufig erwähnte, dass das ursprüngliche katholische Gemeindehaus bis 1689 am Glaskopf stand, also an jener Stelle, an der die Dom Terrassen gebaut wurden. Ein Gebäude, das der Gemeinde angeboten und von ihr abgelehnt wurde. Interessant war dies insbesondere im Hinblick auf die Befürworter des Gebäudes, das im Frühling 2018 eröffnet werden soll. Tatsächlich wurde das historische Gebäude, auf das die Kirche immer gerne verweist, erst viel später an den Dom angeschlossen. Kissel betonte am Ende dieser Station, dass er sich in seinen Entscheidungen immer von geltendem Recht abhängig gemacht hätte.

Zum Abschluss ging die „Tour de OB“ ins ANDREASSTIFT. Dort wird seit einiger Zeit der historische Kreuzgang wiederhergestellt. Bevor der Tourleiter das Gespräch an den zuständigen Architekten übergab, erwähnte dieser noch, dass die Kosten von 1,5 Millionen Euro ausschließlich privat finanziert werden. Um den Stadtsäckel nicht allzu sehr zu belasten, gab es am Ende der Reise statt ein paar leckerer Schnittchen eine Laugenbrezel mit Wasser – wer wollte, mit einem Schuss Apfelsaft . Aber natürlich nahm man an dieser informativen Reise durch das innenstädtische Worms nicht wegen der Kulinarik teil, sondern um einmal ohne Umschweife aus dem Mund des Oberbürgermeisters informiert zu werden. Auch wenn die kritischen Baustellen, wie die maroden Schulen und die entstehenden Container-Dörfer für die betroffenen Schüler fehlten, ist eine Fortsetzung dieser Touren unbedingt erwünscht!