Die zwei Seiten einer Stadt

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Eine Kulturhauptstadt mit maroden Schulen

Wenn unser Oberbürgermeister eine Bustour mit Wormser Bürgern unternimmt, ist die Wormser Welt rosarot. Da werden die weniger schönen Ecken ausgespart und aus der Nibelungenstadt wird gerne mal die „Kulturhauptstadt Europas“ (oder zumindest von Rheinland-Pfalz…). Dass aber gleichzeitig viele Schulen schon seit Jahren vor sich hin gammeln und nun gleich an mehreren Standorten Sanierungsbedarf besteht, ist die andere, weniger schöne Seite der Stadt Worms.

Als die Stadtführung um die Jahrtausendwende beschloss, den Tourismus und speziell das Thema „Nibelungen“ zu forcieren, da war Worms – aus kultureller Sicht – ein verschlafenes kleines Örtchen inmitten Rheinhessens. Dessen Einwohner wussten die Nähe zu Großstädten wie Mannheim, Mainz oder Frankfurt zu schätzen und schwärmten entsprechend aus, wenn sie kulturell etwas erleben wollten. Heute muss man das nicht mehr. Die damalige Installation der Kultur- und Veranstaltungs GmbH, die sich um die meisten großen Events in der Stadt kümmert, hat Worms in den letzten 15 Jahren enorm nach vorne gebracht. Der regionale Kultursommer besteht längst nicht mehr nur aus Backfischfest und zahlreichen Weinfesten und Kerwen. Das „Spectaculum“ lockt im Frühjahr mehr als 20.000 Besucher von überall her ins Wormser Wäldchen, „Jazz & Joy“ und „Nibelungen-Festspiele“ zählen zu den kulturellen Leuchttürmen von Rheinland-Pfalz und selbst neue Events wie die „Weinmesse“, „Genussmarkt“ oder „Kulturnacht“ wurden positiv aufgenommen. Im Jahr 2018 wird hier der „Rheinland-Pfalz-Tag“ stattfinden und bis zu 300.000 Besucher in die Nibelungenstadt locken. Wer sich im Herbst/Winter der Kultur hingeben will, dem steht ein (fast) neues Kultur- und Tagungszentrum mit angeschlossenem Theater zur Verfügung, dessen Programm zwar noch verbesserungsbedürftig, aber vielfältig genug ist, damit jeder kulturinteressierte Wormser etwas finden kann. An Angeboten mangelt es also nicht. Wer heute noch meckert, in Worms wäre nichts los, hat sich schlichtweg nicht richtig informiert. Inmitten all dieser Errungenschaften steht zumeist ein strahlender OB, der der Welt da draußen verkündet, dass Worms quasi sowas wie die Kulturhauptstadt Europas wäre. Und tatsächlich hat sich das Image der Stadt seitdem verbessert – rein subjektiv betrachtet natürlich. Ob sich jedoch der ganze finanzielle Aufwand, den die Stadt in dieser Zeit betrieben hat, auch in barer Münze auszahlt – diesen Nachweis ist Kissel bis heute schuldig geblieben. Rechnet man die Kosten (inklusive der jährlichen Defizite) für Nibelungenmuseum, Festspiele, Kultur- und Tagungszentrum oder andere Events zusammen, kommt man locker auf 100 Millionen Euro, die sich die Stadt das Thema Kultur in den letzten 15 Jahren hat kosten lassen. Klar ist, dass Kultur nun mal Geld kostet und eine Förderung der selbigen ist, gerade in der heutigen Zeit, grundsätzlich begrüßenswert. Trotzdem wird man den Hauptvorwurf einiger Kritiker, dass es sich z.B. bei den Nibelungen-Festspielen um eine städtisch subventionierte Veranstaltung für eine gut situierte Klientel handelt, nur schwer entkräften können. Bei einem städtischen Zuschuss von 1,5 Mio. Euro pro Jahr, muss nach wie vor jede einzelne der knapp 20.000 Eintrittskarten mit 75.- Euro vom Steuerzahler bezuschusst werden. Natürlich soll nicht verschwiegen werden, dass auch gewisse Erfolge zu verzeichnen sind. Die Anzahl der Touristen hat sich seitdem deutlich erhöht, allerdings – wie Kissel gerne zu sagen pflegt – ausgehend von einem sehr niedrigen Wert. Auch die Gewerbesteuereinnahmen der Stadt lagen in den letzten Jahren zumeist deutlich über den Prognosen. Freilich, am städtischen Schuldenberg hat dies wenig geändert. Der wächst kontinuierlich weiter.

Das andere Worms

Nicht wenige fragen sich, ob das viele Geld, das man für Hochkultur ausgibt, an anderer Stelle in der Stadt nicht besser aufgehoben wäre. Zwar wird Kissel die Ausgaben damit begründen, dass die „urbane Lebensqualität“ steigt, wenn in der Stadt etwas geboten wird. Aber gehören zur urbanen Lebensqualität nicht auch Themen wie der Zustand der Schulen und Straßen oder die Sicherheit der Bürger? Denn hinter der Fassade der Kulturmetropole verbirgt sich allzu oft ein anderes Gesicht der Stadt, das man auswärtigen Besuchern ungern zeigen möchte. Ganz abgesehen davon, dass sich in den letzten Wochen Meldungen über Einbrüche, Überfälle oder Banküberfalle in der Stadt häuften, liegt auch infrastrukturell einiges im Argen. Es fehlen immer noch die gesetzlich vorgeschriebenen Kita-Plätze und jedes Jahr schlagen gleich mehrere Schulen Alarm, weil ihre Unterrichtsräume, Turnhallen oder Toiletten sanierungsbedürftig sind. Krisenmanager Kissel verspricht dann zwar schnelle Lösungen, die eigentliche Beseitigung des Problems wird aber gerne in die Zukunft geschoben, wenn es mal wieder Zuschüsse vom Bund oder Land gibt. Auch wenn Kissel nicht müde wird zu betonen, wie viel sich die Stadt das Thema „Bildung“ kosten lässt, der Eindruck vieler Eltern ist ein ganz anderer. In Worms scheint es üblich zu sein, dass man die Schulen so lange vor sich hingammeln lässt, bis der Sanierungsbedarf derart groß ist, dass eine baldige Schließung droht und die Schüler in Container umziehen müssen. Der Staudinger Grundschule blüht dies, in der Karmeliter Realschule plus muss das historische Gebäude saniert und aufgestockt werden, Nibelungenschule und Ernst-Ludwig-Schule müssen saniert werden, die Pfrimmtal Realschule plus soll abgerissen und neu gebaut werden. Nicht zuletzt warten auch die Karl-Hofmann-Schule, Gauß und Rudi auf eine Lösung, da diverse Fachräume nicht mehr nutzbar sind. Die Generalsanierung des BIZ wird mindestens 70 Mio. Euro verschlingen. Da sich die Stadt auf kurzfristige Sanierungen in Schulen konzentrieren muss, für die man Bundeszuschüsse erhält, wird mit einer BIZ-Sanierung nicht vor 2022 zu rechnen sein.

Kissel und die Jugend

Überhaupt Kissel und die Jugend, das ist ein Thema für sich. Als Kissel im Jahr 2003 erstmals zum OB der Stadt Worms gewählt wurde, setzte er sich im Vorfeld der Wahl bei Diskussionsrunden stets für den Bau eines Jugendzentrums ein. Die seinerzeit recht aktive Jugendszene hatte mit der Jugendorganisation Worms e.V. einen Verein gegründet, der sich für die Belange seiner Altersgenossen einsetzte. Hauptforderung: Ein Raum für Jugendliche, der für Partys, Konzerte oder ähnliche Veranstaltungen genutzt werden kann. Der angehende OB Kissel nahm diese Forderung sogar in sein Wahlprogramm mit auf. Passiert ist seitdem wenig, außer Diskussionsrunden, Besichtigungen und vielen Lippenbekenntnissen von regionalen Politikern. Das Projekt Jugendzentrum dümpelt seit sage und schreibe 14 Jahren vor sich hin. Erschwerend kommt hinzu, dass aktuell dem „Kanal 70“, einer Jugendeinrichtung, die sich großer Beliebtheit erfreute, wegen Sanierungsbedarf die endgültige Schließung droht. Die Frage lautet deshalb: Bleibt in Anbetracht eines 50 Millionen Euro teuren Kultur- und Tagungszentrums nicht genug Geld übrig, um der Jugend einen Raum veranstaltungstauglich machen zu können? Dass Jugendliche nicht gerade zu Kissels bevorzugter Klientel gehören, mag damit zu erklären sein, dass diese nun mal seltener wählen gehen, als ein kultivierter „Erwachsener“. Außerdem macht es natürlich mehr Spaß, sich im Schatten des Heylshofs von der Wormser Prominenz beklatschen zu lassen, als eine schnöde Jugendhalle von ein paar undankbaren Kids einzuweihen, die in ein paar Jahren sowieso erwachsen sind.

Zwei Seiten

Worms bleibt also nach wie vor eine Stadt mit zwei Gesichtern. Hier die vermeintliche Kulturhauptstadt, die sich für ein paar Wochen im Jahr für ihre Gäste fein rausputzt. Dort eine Stadt mit einer Arbeitslosenquote von 7 – 8% (Rheinland- Pfalz: 4 – 5%), in der die Anzahl der Zweitjobber in den letzten zehn Jahren um 47% gestiegen ist, weil immer mehr Bürger mit ihrem normalen Arbeitsverhältnis nicht über die Runden kommen. Da davon auszugehen ist, dass sich Michael Kissel 2019 für eine weitere Amtszeit als Oberbürgermeister zur Wahl stellt, steht zu befürchten, dass weiterhin Prestigeobjekte in seinem Fokus stehen werden. Man kann ihm deshalb nur wünschen, dass er sich wenigstens in seiner dritten Amtszeit um wirklich wichtige Dinge kümmert. Und dazu gehört bestimmt nicht, wer im nächsten Jahr über den roten Teppich flaniert.