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In Worms ist keine Fensterscheibe gesprungen / Die Wormser Republik

Gelesen von Dennis Dirigo

„In Worms ist keine Fensterscheibe gesprungen“

Bereits vor einem Jahr erschienen, passend zum hundertjährigen Ende des Ersten Weltkriegs, hat der von Dr. Gerald Bönnen und Dr. Daniel Nagel herausgegebene Sammelband von seinem Reiz nichts verloren. Im Mittelpunkt stehen die Ereignisse des Übergangs vom Deutschen Kaiserreich zur Weimarer Republik und deren Bedeutung für Worms in der Zeit zwischen 1918 bis 1923. In acht Beiträgen rekonstruieren verschiedene Autoren (darunter die Herausgeber sowie Dr. Jörg Koch, Jutta Kling, Volker Gallé, Silke Olbrisch, Burkhard Keilmann und Margit Rinker-Olbrisch) die Geschehnisse aus verschiedenen Blickwinkeln und beeindrucken hierbei mit detailreichen Schilderungen und akribischer Recherche.  Beschrieben werden die Novemberrevolution 1918, die in Worms wie im Rest des Nachkriegsdeutschlands weitestgehend friedlich und geordnet vonstattenging, worauf sich auch das titelgebende Zitat bezieht. Das nächste Kapitel widmet sich dem Wandel dieser Zeit, in der es zu einer bedrohlichen Verpflegungssituation kam und ein Wohnungsengpass bestand, dem man mit dem ersten städtischen sozialen Wohnungsbau begegnete. In weiteren Kapiteln beschäftigt sich das 380 Seiten starke Buch mit den höheren Schulen in Worms zwischen Kaiserreich und Republik, die wirtschaftliche Demobilmachung mit ihren Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt in Worms vom Kriegsende bis 1920/1921, die Aspekte der französischen Rheinlandbesetzung in Worms und Rheinhessen vor dem Hintergrund der deutsch-französischen Beziehungen in der Nachkriegszeit (1918–1930), die Berichterstattung der Wormser Zeitung zu Kriegsende und Revolution 1918. Am Ende gewährt das umfangreiche Werk auch einen Überblick über das kulturelle Leben in der Nachkriegszeit. Ein große Bedeutung hatte hierbei die Ablenkung durch das Kino. Das Buch wurde ermöglicht durch die finanzielle Unterstützung des Altertumsverein, bei dem auch alle Autoren Mitglied sind. In aufwendigen Recherchearbeiten steuerte das Stadt- und Fotoarchiv historische Fotografien bei, die das Worms jener Zeit ergänzend zu den Worten visualisieren.

„In Worms ist keine Fensterscheibe gesprungen“

Herausgeber Gerold Bönnen und Daniel Nagel

Worms-Verlag

ISBN: 978-3-944380-92-6

30 Euro I 380 Seiten

Gunter Heiland: Die Wormser Republik

Den meisten Wormsern war Gunter Heiland bis zu seinem Tod 2018 in erster Linie als Beigeordneter der Stadt Worms und Kulturdezernent ein Begriff, der ein Vierteljahrhundert das kulturelle Profil der Stadt prägte. Dass sich hinter der bürokratischen Fassade ein feinsinniger Beobachter befand, war höchstens jenen bewusst, die seinen scharfzüngigen Büttenreden lauschten und so titelten wir auch: „Das überraschend vielseitige Erbe des Gunter Heiland“ (WO! 10/19), als wir über die Ausstellung, die im vergangenen September im Wormser Kultur- und Tagungszentrum stattfand, berichteten. Im Rahmen der Ausstellungseröffnung, die Zeichnungen und Gemälde präsentierte, stellte Karl-Heinz Deichelmann auch das Buch „Die Wormser Republik“ vor. Deichelmann hatte die Gelegenheit, den literarischen Nachlass zu sichten und bündelte diesen schließlich in dieser Anthologie. Unterteilt ist sie in sechs Kapitel. Die eingangs erwähnten Büttenreden finden sich in dem Kapitel „Mitbirscherinnen, Mitbirscher“ ebenfalls in diesem Buch wieder. Der größte Teil von Heilands schriftstellerischem Schaffen sind Gedichte, mal kurz und beißend wie in „Ausruf“ („Also sind die ganzen Reime letzten Endes Haferschleime. Nur das, was ich selbst verfasse, ist als Dichtung Obertasse.“), aber auch nachdenklich, selbstreflexiv („Trübe Wochen“). Höhepunkt sind sicherlich die biografischen Erzählungen, in denen sich vor dem Auge des Lesers einerseits vertraute Ort auftun, andererseits Heiland mit einem ironischen Blick auf seine Heimatstadt und sein Leben wirft. Seite für Seite glaubt man, in diesem Buch den Menschen hinter den Aktentürmen zu entdecken. Einen, der gerne über sich lachte („Wie ich den Weltrekord in Hochsprung einstellte“), aber sich auch melancholisch mit seinem fortschreitenden Leben beschäftigte wie in dem Gedicht „Und ich“. Dort heißt es am Ende: „Werft ihn weg und lasst ihn liegen! Der hat aufgehört zu siegen, und ein bisschen riecht er schon: Weg damit und in Pension!“

Gunter Heiland: Die Wormser Republik

Herausgeber Karl-Heinz Deichelmann

Worms-Verlag

ISBN: 978-3-947884-17-9

12.- Euro I 124 Seiten