Der Elder Statesman der deutschen Musikszene

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WO! im Gespräch mit Wolfgang Niedecken (BAP)

Was 1976 mit „Wolfgang Niedeckens BAP rockt andere kölsche Leeder“ begann, hat 40 Jahre später immer noch Bestand. Die Kölschrockband absolviert aktuell eine Jubiläumstour durch allesamt ausverkaufte Hallen des Landes und macht am 12. Dezember 2016 auch Station im Wormser Kultur- und Tagungszentrum. Wobei man fairerweise anfügen muss, dass die einzige Konstante in vier Jahrzehnten BAP lediglich ihr Frontmann, Sänger, Texter, Gitarrist und Komponist Wolfgang Niedecken war. Der sieht sich nach dieser langen Zeit, wie er im Gespräch mit unserem Magazin verriet, nicht erst seit „Sing meinen Song“ ein wenig als „Elder Statesman“ der nationalen Musikszene.

WO! Sie haben gerade Tourpause. Sind Sie entspannt?
Tourpause ja, aber es geht ja jede Menge mehr ab. Fernsehauftritte, Promo-Arbeit etc. Ich kann mich über einen Mangel an Arbeit nicht beklagen.

WO! Wie läuft die Tour bisher, sind Sie zufrieden?
Ich bin wirklich sehr zufrieden, das ist bisher eine wunderbare Tour. Wir haben im Frühjahr dezent angefangen und konnten die Tour, je nach Nachfrage, etwas ausweiten. Insgesamt werden es 70 Konzerte und wir haben aktuell noch 33 im November und Dezember vor uns. Dann haben wir in diesem Jahr zwar viel gearbeitet, aber auch jeden Abend wunderbare Feste gefeiert, die Leute waren begeistert. Alles gut also, ich kann nicht klagen.

WO! Sie spielen aktuell mehr als drei Stunden. Haben Sie eine Erklärung dafür, warum die Alten – Stichwort: Bruce Springsteen, Peter Maffay, Udo Lindenberg etc. – so lange spielen und die Jungen speisen ihre Fans ab mit 70-Minuten-Konzerten für 90 Euro?
(lacht) Ich weiß nicht, wie es bei den anderen aussieht, aber bei Bruce weiß ich, dass er – ähnlich wie ich – nur schwer von der Bühne zu bekommen ist. Wenn man sowieso schon mal da ist, kann man ja auch noch ein bisschen mehr Spaß haben. Wenn ich manchmal auf die Setliste zu meinen Füßen schaue und es geht schon bald der erste Zugabenblock los, dann denke ich: „Wo ist denn die Zeit schon wieder geblieben?“ Wir spielen auf unserer aktuellen Tour drei Stunden, manchmal 3 Std. und 15 Minuten, mitunter wurde es auf der Tour schon mal 3:30 Stunden, je nachdem wie ich in Plauderlaune bin oder manchmal noch spontan ein Stück dazwischen schiebe. Das einzige, was ich nicht mag, ist Routine. Das würden die Leute auch irgendwann merken. Ganz davon abgesehen haben viele jüngere Kollegen auch nicht so ein großes Repertoire.

WO! Wobei ich mich an Zeiten in den Achtzigern erinnern kann, wo BAP mal in Karlsruhe-Durlach über vier Stunden spielten und zu dieser Zeit auch erst 2-3 Platten am Start hatten….
Damals war auch unsere Partyzeit. Da haben wir ganz am Schluss Nummern von Bob Dylan gespielt, von denen nur ich den Text kannte und die Band nicht mal die Akkorde. Oder Stücke von den Stones, z.B. kilometerlange Versionen von „You can’t always get what you want“.

WO! Gibt’s denn tatsächlich eine Steckdose in Deutschland, die in den letzten 40 Jahren noch nicht von BAP eingestöpselt wurde?
Das kommt tatsächlich noch vor. Wir hatten kürzlich ein Konzert im Osten in einer Stadt, die Torgau hieß. Von der hatte ich vorher noch nie gehört.

WO! …und Sie haben dort direkt noch einen Scheck über 10.000.- Euro für Ihr Afrika-Hilfsprojekt „Rebound“ erhalten…
Ja genau. Da wurde mir eine halbe Stunde vor dem Konzert mitgeteilt, dass man dort 10.000.- Euro für Rebound gesammelt hatte. Da war ich aber von den Socken.

(Anmerkung der Red.: Zusammen mit World Vision haben der BAP-Frontmann Wolfgang Niedecken und der Outdoor-Ausrüster Jack Wolfskin 2011 das Projekt „Rebound“ ins Leben gerufen. Das Projekt hilft Kindern und Jugendlichen im Kongo, die durch kriegerische Auseinandersetzungen verletzt und traumatisiert wurden.)

WO! Kommen wir zu ihrer Teilnahme an „Sing meinen Song“, die bei ihren alten Fans zunächst etwas Irritation ausgelöst hat….
Ja, aber nur am Anfang. Nachdem sie dann gesehen haben, was wir da machen, fanden sie es auch klasse.

WO! Meine Frage zielt aber eher darauf ab, ob Ihnen diese Sendung neue Fans beschert hat? Sehen Sie plötzlich junge Leute im Publikum, die früher nicht da waren?
Nicht wirklich. Man kann natürlich nie sagen, wie die Tour ohne „Sing meinen Song“ gelaufen wäre. Was ich jedoch merke, ist, dass ich nicht mehr so unbemerkt durch eine Fußgängerzone laufen kann wie früher. Leute, die eigentlich gar nicht zu unserer Kundschaft zählen, wollen trotzdem ein Selfie machen, weil sie mich bei „Sing meinen Song“ gesehen haben.

WO! Dank der Sendung wissen auch plötzlich ganz viele Leute, dass Wolfgang Niedecken richtig gute Texte schreibt. Haben Sie tatsächlich noch nie ernsthaft mit dem Gedanken gespielt, nur noch auf „Hochdeutsch“ zu singen, damit man Ihre Texte besser versteht?
Es gab mal eine Zeit, wo wir das in der Band ausgiebig diskutiert haben. Allerdings ging es da nicht um Kölsch oder Hochdeutsch, sondern Kölsch oder Englisch. Letztendlich kam es auch deswegen zu einer Umbesetzung. Die Leute, die Englisch wollten, konnte ich halt nicht fesseln, die sind dann ausgestiegen. Ich persönlich würde da erst erst in den letzten Jahren darüber nachdenken, weil die Dialekte so langsam am Verschwinden sind. Aber solange ich mich am besten in Kölsch ausdrücken kann, solange ich in Kölsch denke und das die Sprache meiner Seele ist, solange ich denke, dass Kölsch dem Song gut tut, werde ich das auch weiter tun.

WO! Ein wenig untreu sind Sie sich diesbezüglich auf dem neuen Album „Lebenslänglich“ aber schon geworden…
Stimmt, auf dem neuen Album ist ein Song namens „Absurdistan“, den hatte ich in Kölsch geschrieben, aber mich irgendwie albern dabei gefühlt. Erst als ich die Strophen etwas mehr in Hochdeutsch gesungen habe, hab ich mich wohlgefühlt. Das ist schon ein Zeichen. Aber ich muss das erleben und kann es nicht karriereplanerisch angehen, so nach dem Motto: „Das nächste Album ist komplett in Hochdeutsch!“ Es war schön, als Samy seine Version von „Kristallnach“ auf Hochdeutsch gesungen hat und viele gemerkt haben, was da alles drin steckt. Diese Facette „Hochdeutsch“ kann ich also zukünftig anwenden, muss ich aber nicht.

WO! Sie haben vorhin die Konflikte innerhalb der Band angesprochen. Nervt es Sie eigentlich, wenn Sie von alten Fans immer noch auf die Zeiten mit dem Major (Klaus Heuser, langjähriger Gitarrist der Band, die Red.) angesprochen werden?
Das war ja eine gute Zeit, aber irgendwann hat man halt gemerkt, dass die Band einen Spagat machte, der nicht mehr zusammen passte. Internationale Popkarriere machen zu wollen, halte ich für ein Hirngespinst. Wer zum Teufel hätte eine Band aus Köln gebraucht, die auf Schulenglisch singt? Wir hätten uns unserer Identität beraubt. Wir wären ganz schön bescheuert gewesen, wenn wir das gemacht hätten.

WO! Trotzdem spielt ihr die beliebtesten Songs auf der Jubiläumstour in ihren ursprünglichen Arrangements. Ist das Absicht, um die alten Fans ruhig zu stellen, oder waren die ursprünglichen Versionen schlichtweg besser?
Wir haben uns diesen alten Versionen respektvoll genähert. Auf den letzten Tourneen haben wir die Originalarrangements der Songs immer mal wieder relativ stark verändert, aber auf der jetzigen Jubiläumstour wollten wir den alten Songs mit Respekt begegnen und haben die meisten Stücke in der Originalversion belassen, allerdings mit dem Anspruch, diese ordentlich zum Klingen zu bringen. Vor 30 Jahren waren wir nicht so gut wie heute, da wären wir international nicht konkurrenzfähig gewesen. Mittlerweile sind wir das, was den musikalischen Standard betrifft.

WO! Zu diesem Thema habe ich kürzlich ein witziges Zitat bei Facebook gelesen: „Nach dem Abgang von Steve Borg ging es bei BAP musikalisch sowieso nur noch bergab…“
(lacht laut) Der Stefan hat bei uns in der Crew gearbeitet. Da unser damaliger Bassist beim Finanzamt gearbeitet hat und montags morgens ran musste, ging das irgendwann nicht mehr. Daraufhin hat einer bei uns gesagt, dass doch der Steve Borg aus der Crew Cello spielt und das hätte doch genauso vier Seiten wie ein Bass. Und plötzlich war das unser neuer Bassist.

WO! Und nach dessen Abgang ging es dann musikalisch bergab…
Das war alles okay damals. Aber das war natürlich Amateurmucke. Da waren reichlich Amateure mit dabei – mich inklusive.

WO! Aber auch das hat sich im Laufe der Jahre geändert….
Das hat sich geändert. Man muss ja auch irgendwann dazulernen…

WO! Wissen Sie eigentlich schon, welchen Song Sie nächstes Jahr auf der Meisterfeier des 1. FC Köln spielen? Eine neue Version von „Für ne Moment“?
(Schmunzelt ein wenig…) Ich denke, mit der Überlegung kann ich mir noch ein paar Jahre Zeit lassen.

WO! Aber mit dem Stöger an der Linie läuft es doch blendend…
Der Stöger macht das wunderbar, zusammen mit dem Schmadtke. Da mussten erst ein Wiener und ein Düsseldorfer kommen, um beim FC den Ball flach zu halten. Natürlich mahnen auch die fünf Abstiege zu einer gewissen Demut in Köln. Ich denke, dass da bei einigen der Groschen gefallen ist.

WO! Wie oft kommen Sie noch zu Ihrer zweiten Berufung – dem Malen?
Kaum. Ich beschäftige mich mit dem Cover-Artwork für unsere Alben oder dem, was auf der Bühne zu sehen ist. Ab und zu mache ich mal ein Bildchen oder eine Collage, wenn es um Geschenke geht. Aber zu sagen, ich sitze wie ein Künstler in meinem Atelier und arbeite an meinem neuen Werkzyklus, wäre etwas hoch gestochen. Dafür bräuchte ich ein ganzes Jahr.

WO! Wann sehen Sie Ihr Idol Bob Dylan mal wieder live? Und ist bezüglich Leopardefellband noch ein weiteres Projekt geplant?
Das letzte Konzert habe ich mir in Berlin zusammen mit Herbert Grönemeyer angesehen. Es war schön, da zu sitzen und dem Meister zu lauschen. Bob Dylan Songs kann man immer mal machen, auch wenn mich da im Moment nichts hinzieht. Aber man soll niemals nie sagen.

WO! Die „Leopardefellband“ wird womöglich ein einmaliges Projekt bleiben, hat Ihnen aber auch ein einmaliges Erlebnis beschert, nämlich einen legendären Auftritt mit Bruce Springsteen im Café Eckstein in Berlin.
Das war wirklich unglaublich. Während wir da gespielt haben, hab ich irgendwann gedacht: „Jeden Moment klingelt der Wecker.“ Das kann eigentlich nicht sein, was jetzt gerade passiert.

WO! Das sieht man auch auf den Videos, dass alle Beteiligten etwas ungläubig dreinblicken…
Am Vorabend kam der Anruf, dass wir uns ein paar Stücke überlegen sollten, die wir ungeprobt spielen könnten, weil Springsteen den Leuten nicht immer nur „Hungry Heart“ vorplaybacken wollte. Irgendwann wurde das Playback immer leiser und die Band immer lauter. Und in den Pausen zwischen den Aufnahmen haben wir von „Jumping Jack Flash“ über „Johnny B. Goode“, „Boom Boom Boom“ oder „Knocking on Heaven’s Door“ alles Mögliche gespielt. Springsteen wollte halt das Publikum nicht nur als Statisten für das Video gebrauchen und ihnen eine ordentliche Show liefern. Wenn jemand so drauf ist: Alle Achtung!

WO! In den 80ern und 90ern gab es die großen Vier – Westernhagen, Maffay, Grönemeyer, Niedecken. Wie beurteilen Sie die Entwicklung heute? Sehen Sie sich immer noch als Impulsgeber für die regionale Musikszene?
Auf der Präsentation von unserem neuen Album haben jede Menge junge Kollegen mitgespielt. Thees Uhlmann, Clueso, Max Prosa oder Nicki Müller, der früher bei… – wie hieß seine alte Band?

WO! Jupiter Jones….
Genau, bei Jupiter Jones gespielt hat und jetzt mit „Von Brücken“ sein eigenes Projekt macht. Da war ich schon überrascht, was ich da an Respekt gezollt bekam. Ich fühle mich mittlerweile so als „Elder Statesman“, aber ehrlich gesagt wollte ich sowas auch immer sein. Ich finde, in der Musik sollte Alter keine Rolle spielen. Wenn Musiker etwas zusammen machen wollen, weil sie zusammenpassen, ist das Alter egal.

WO! Sie haben zuletzt 2004 in Rheindürkheim, einem Vorort von Worms, gespielt. Können Sie sich noch an Worms erinnern?
Wir haben einmal da am Rhein gespielt. Ich kann mich auch noch an die Innenstadt erinnern.

WO! Sie haben auch zu Ihren Anfangszeiten einmal in Eich in der Altrheinhalle gespielt, das ist knapp 10 km von Worms entfernt….
Ach ja. War das so eine alte Sporthalle?

WO! Ja genau….
Komischerweise daran kann ich mich noch erinnern. Wann war das genau?

WO! ich glaube, auf der „Bess demnähx“-Tour, 1981 oder 1982.
Das muss dann 1982 gewesen sein.

(Berichtigung: Das Konzert fand am 19. Januar 1983 in der Eicher Altrheinhalle statt, im Rahmen der „Von drinne noh drusse“-Tour)

WO! Damals ist der Strom ausgefallen und die Band hat quasi unplugged weiter gespielt….
Das müsste dann ja in dem Buch „BAP över BAP“ stehen.

WO! Zum Abschluss noch die Standardfrage: Welche drei Dinge fallen Ihnen spontan zu Worms ein?
„Wormatia Worms“ auf jeden Fall!

WO! (lacht laut) Sehr gut. Wir haben vor 12 Jahren am Rande des Konzertes in Rheindürkheim schon einmal miteinander gesprochen. Damals hatte ich Ihnen die gleiche Frage gestellt und Sie antworteten mit: „Dom, Nibelungen….“ Ich hatte Sie allerdings seinerzeit darauf gebrieft, auf jeden Fall „Wormatia Worms“ mit dazu zu nehmen…..
Man sieht erneut: Ich bin lernfähig. Der Rest, Dom und Nibelungen, wäre dann wohl auch noch gekommen…

WO! Vielen Dank für das nette Gespräch, Herr Niedecken!