Der große Schwindel des M. K. aus W.

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Warum nun doch kein Wormser auf den Mars fliegt

Was in der Zeitung steht, das stimmt. Das dachte sich auch ein Redakteur des Mannheimer Morgens, der in der November-Ausgabe unseres WO! Stadtmagazins gelesen hatte, dass der Gitarrist der Wormser Punk-Band „The Döftels“ ausscheidet, weil er zukünftig an einem Mars-One-Projekt teilnehmen würde. Also nahm er Kontakt auf, der schließlich am 03. Januar 2015 in den Artikel mit dem vielsagenden Titel „Ticket zum Mars – ohne Rückflug“ mündete. Nichtsahnend, welche Spirale man damit in Gang gesetzt hat. Denn jetzt war Marlon K. ein gefragter Mann bei Radio Regenbogen und weiteren Medien. Außer bei der Stadt Worms. Warum? Lesen Sie nur bei uns alles über den großen Schwindel des M. K. aus W….

Dabei hatte alles so harmlos angefangen. Ende Oktober rief WO! Mitarbeiter Peter Englert in der Redaktion an, weil er noch einen Abschiedsbericht für den scheidenden langjährigen Gitarristen John Evangelium alias Marlon Kraus schicken wollte. Wer die „Döftels“ kennt, der weiß, dass da selten etwas Produktives dabei herauskommt, wenn man eines der Bandmitglieder um ein Interview bittet. Nach den „wahren“ Beweggründen für seinen Weggang bei den Döftels befragt, antwortete John schließlich:

„Im Rahmen des Mars One-Projekts werde ich ab 2015 mit 39 weiteren Kandidaten für den Weltraum trainieren. Dafür brauche ich viel Zeit, die mir für zukünftige Konzerte leider fehlt. Außerdem schwirre ich dann nicht mehr in Worms, sondern irgendwo in einer NASA Zentrifuge in Nebraska rum.“

Auf die kritische WO! Nachfrage „Wie überleben das das denn der Jim und die Kollegen, wenn du zukünftig fehlst?“ antwortete John:

„Ich denke, die kommen gut zurecht, denn ich mache das ja auch für sie. Wenn auf dem Mars alles rund läuft, können die Jungs 2029 nachkommen und wir werden die einzige Band in den dortigen Charts sein. Das verspricht Erfolg.“

Und da Bilder manchmal mehr sagen als tausend Worte, setzte das Bild von dem scheidenden Döftels-Gitarristen und zukünftigen Mars-One-Teilnehmer dem Absurden noch die Krone auf.

Die Mars-Mission nach Absurdistan kann beginnen

Anscheinend war das aber nicht absurd genug. Denn schon kurz danach meldete sich ein Redakteur des Mannheimer Morgen, der mehr über diese spannende Geschichte erfahren wollte. Man kann nur mutmaßen, dass dieser vielleicht vorher den gleichen Bericht wie Marlon Kraus im Fernsehen gesehen hatte, wo genau über dieses Projekt eines niederländischen Milliardärs berichtet wurde, der tatsächlich eine Raumstation auf dem Mars errichten will. Wer den in den letzten Jahren als „John Evangelium“ im Dienste der Döftels durch die Clubs ziehenden Gitarristen näher beobachtet hat, fand ihn ziemlich oft in der Funzel wieder. Zumeist (immer?) war er nicht ganz so diszipliniert, wie man das von einem zukünftigen Astronauten erwarten könnte. Umso überraschter waren seine Freunde, als am 3. Januar 2015 schon auf dem Titel des Mannheimer Morgen groß angekündigt wurde:


„Wissenschaft: Der Wormser Marlon Kraus steht in der engeren Auswahl für eine Mission 2025 zum Roten Planeten“.


Über eine gute halbe Seite führte der Autor weiter aus: „Ein niederländischer Milliardär plant mit seiner Stiftung die erste bemannte Raumfahrt auf den Mars. Kraus ließ den Großteil der weltweit über 200 000 Mitbewerber hinter sich und befindet sich jetzt in der engeren Auswahl.“ Da unser Februar-Titelbild von dem angehenden Astronauten nicht den Gefallen der Mannheimer Kollegen fand, musste schnell ein neues Bild her. Kraus solle sich vor dem Science-Fiction-Bücherregal seines Arbeitgebers Thalia positionieren – mit dem Buch „Die Marsianer“ in der Hand. Jetzt wurde es richtig grotesk.

Bier und Fast Food tabu

Zudem konnte man im Mannheimer Morgen erfahren, dass Kraus aktuell ein umfangreiches Training bei der Europäischen Weltraumorganisation (ESA) in Darmstadt absolviere und man zitiert den angehenden Astronauten wie folgt:

„Ich musste eine ganze Reihe körperlicher Tests über mich ergehen lassen. Darüber hinaus wird von jedem Teilnehmer ein psychisches Gutachten erstellt. Ähnlich der Ausbildung eines Piloten bei der Bundeswehr“.

Weiterhin darf der vermeintliche Teilnehmer darüber fabulieren, dass man „wortwörtlich alles Irdische zurücklassen muss“ und dass er sich deswegen ein Fotoalbum mit seinen Liebsten zusammengestellt hätte, damit er sie stets bei sich habe. Und als wäre das nicht schon pathetisch genug, stellte sich Kraus – absolut vermessen – nun auch noch auf eine Stufe mit Neil Armstrong, dem ersten Menschen auf dem Mond, schließlich würde er damit auch „ein Kapitel Menschheitsgeschichte mitschreiben“. Kraus hat übrigens auch nicht Physik und Maschinenbau an der Technischen Universität in Darmstadt studiert, jedoch war man der Meinung, dass sich das ganz gut mit dem Thema „Raumfahrt“ vertragen würde. Wer nach dem Lesen des Artikels vom 3. Januar 2015 ins Zweifeln geraten war, ob die Geschichte von M.K. aus W. vielleicht doch stimmen würde, musste spätestens dann stutzig werden, als zum Abschluss zu lesen stand, dass Kraus, um sich fit zu halten, viermal die Woche Sport treiben müsse und dass Bier und Fast Food nun tabu seien. Ganz viele Bekannte aus seinem Umfeld gaben gegenüber unserem Magazin an, dass Kraus sich in den letzten Jahren nahezu ausschließlich von Fast Food und Bier ernährt habe. Von daher könne ein kompletter Verzicht auf seine beiden Hauptgrundnahrungsmittel nur über eine professionelle Entwöhnung stattfinden. Aber würde M.K. tatsächlich auf Bier und Fast Food verzichten, nur um auf den Mars zu fliegen und nie mehr zurück zu kehren? Wieder einmal wusste der Mannheimer Morgen mehr:


„Ab dem 10. Januar nimmt er am Mars-One-Trainingsprogramm für Orbitflüge in Almere (Niederlande) teil.“


Bei der Stadt Worms geht ein Schreiben des DRLZ ein

Jetzt kam der Stein erst so richtig ins Rollen. Nur wenige Tage nach dem Artikel im Mannheimer Morgen klopfte Radio Regenbogen an und wollte ein Interview mit dem angehenden Mars-One-Teilnehmer. Zur Mittagszeit referierte Kraus am 07. Januar 2015 auch im Radio über sein anstehendes Abenteuer, wobei das Thema „One Way Ticket“ die volle Aufmerksamkeit der Moderatorin erhielt: „Könnten Sie sich vorstellen, auf den Mars zu fliegen, aber nicht wieder zurück?“ Im Gespräch mit Kraus aus Worms konnte es die Moderatorin kaum fassen, dass der 24-Jährige sein irdisches Leben aufgeben wolle, um auf dem Mars zu leben. Kraus, mittlerweile geübt in Sachen Interviews, berichtete, dass seine Verlobte über seine Pläne nicht begeistert sei, ihm aber seinen großen Traum nicht nehmen wolle. Nur wenige Tage nach dem Kurzinterview bei Radio Regenbogen landete ein Schreiben des DRLZ beim Oberbürgermeister der Stadt Worms. Hierin weist Pressesprecherin Kim Kettinger vom „Deutschen Raum- und Luftfahrtzentrum“ in Darmstadt den Oberbürgermeister der Stadt Worms auf ihren „prominenten Bürger“ hin: „Wie Sie dem beigefügten Artikel aus dem Mannheimer Morgen vom 03. Januar 2015 entnehmen können, werden die auserwählten Astronauten nach erfolgreicher Landung den Rest ihres Lebens auf dem Mars verbringen. Sie sollen dort eine erste Siedlung für Menschen errichten und erste wissenschaftliche Erkenntnisse sammeln.“ Abschließend bittet das DRLZ „auf Bitten von Kraus“ darum, den Ehrenbürger der Stadt Worms „im Rahmen einer kleiner Feierstunde im Wormser Rathaus offiziell zu verabschieden“. Zu diesem Termin würden auch der Vorstandsvorsitzende des Deutschen Raum- und Luftfahrtzentrums, Prof. Dr. Ing. Gustav Reese, sowie der deutsche Astronaut Alexander Gerst anreisen.

Wer steckt hinter dem DRLZ?

Recherchen unseres Blattes haben ergeben, dass Kim Kettinger keineswegs die Pressesprecherin der DRLZ ist, sondern die Lebensgefährtin von Jim Walker jr., seines Zeichens Sänger der Wormser Kultband „The Döftels“. Nachbarn wollen beobachtet haben, dass Kettinger ab dem 09.01.2015 einen Aufkleber mit der Aufschrift „DRLZ“ auf dem Briefkasten ihrer Darmstädter Adresse in der Mollerstraße kleben hatte. Überhaupt, was ist eigentlich die DRLZ, die der Stadt Worms als „Deutsches Raum- und Luftfahrtzentrum“ angepriesen wurde? Unter der angegebenen Internetseite „www.drlz.de“ wird man zunächst nicht schlauer, man landet stattdessen direkt auf der Infoseite des Mars-One-Projektes (www.mars-one.com). Das kann eine gewollte Weiterleitung sein, weil man von Seiten der DRLZ auf das Projekt aufmerksam machen will. Es kann sich aber auch um eine absichtlich gelegte falsche Spur handeln, um die Stadt Worms von der Identität des DLRZ zu überzeugen. Wir haben deshalb bei dem Domaininhaber, der Strato AG, näher nachgeforscht, wer sich tatsächlich hinter der Homepage verbirgt. Telefonisch wurde uns der Fischer-Verlag genannt. Nähere Angaben zum Ort oder handelnden Personen dieses Verlages wollte man uns von Seiten der Strato AG nicht machen. Wer auch immer hinter diesem Verlag stecken mag, es handelt sich jedenfalls nicht um das „Deutsche Raum- und Luftfahrt-Zentrum“. Wie eingehendere Recherchen unseres Verlages ergaben, steht DRLZ ganz offensichtlich für „Döftels-Rein-Leg-Zentrum“.

„Worms is e Loch“

Diese Recherchen, die ein bestens ausgebildetes Journalistenteam eines Stadtmagazins über Wochen und Monate hinweg anstellt, waren jedoch gar nicht nötig. Denn der Brief landete erst gar nicht auf dem Schreibtisch des Oberbürgermeisters, sondern auf dem seiner Vorzimmerdame. Diese wiederum hat einen Sohn, der mit dem vermeintlichen Astronauten in einer Klasse war. Nach einem Anruf war die Sache aufgeflogen, da ihr Sohn ziemlich sicher ausschließen konnte, dass der ihm bekannte Marlon Kraus die Fitnesstests für einen sieben Monate dauernden und 56 Millionen Kilometer langen Flug zum Mars bestehen würde. Das, was also renommierte Zeitungen wie der „Mannheimer Morgen“ oder ein Radiosender wie „Radio Regenbogen“ vollkommen vergessen hatten, nämlich einfach mal nachzufragen, ob diese Geschichte überhaupt stimmt, hat wenigstens die Stadt Worms getan. Fairerweise sollte man jedoch den alten Spruch „Worms is e Loch“ anfügen, denn hier kann man einfach nichts geheim halten.

Große Schwindler der Geschichte

Man hätte die Geschichte übrigens noch locker bis zum ersten Fernsehbesuch weiter aufrecht erhalten können, wenn nicht der angehende Astronaut selbst kalte Füße bekommen hätte. Da auch sein Arbeitgeber zunehmend genervt auf die immer zahlreicher eintreffenden Presseanfragen reagiert hat, wird Marlon Kraus aus Worms nicht bei den „Sat1-17.30 Uhr-Nachrichten“ auftauchen und auch kein Gespräch bei der „SWR 3 Landesschau“ führen. Endziel war es übrigens, in der Talkshow von Markus Lanz zu landen und zusammen mit dem echten Astronauten Ulf Merbold, Maut-Experte Alexander Dobrindt, Howard Carpendale und Gina Lisa Lohfink über die anstehende Mars-Mission zu diskutieren. Was mit einem harmlosen Scherz in der November- Ausgabe unseres Magazins begann, wird als „Der große Schwindel des M. K. aus W.“ in die Geschichte der Stadt eingehen. Den falschen Astronauten Marlon Kraus wird man in Zukunft in einem Atemzug nennen mit Bernd Fritz, dem Buntstift-Lutscher von „Wetten dass“, oder Konrad Kujau, dem Fälscher der Hitler-Tagebücher.