Der Vampir, der ins Lincoln kam

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Musikalische Neuvertonung des Stummfilms „Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens“ mit dem Trio Contraste

02. November 2015
Lincoln Theater:

Stummfilme neu zu vertonen, ist eine Disziplin, die spätestens seit Giorgio Moroders eigenwilliger Neuvertonung von Fritz Langs „Metropolis“ sehr beliebt bei Musikern ist. Auch die rumänische Komponistin Violeta Dinescu wählte einen deutschen Film als Vorlage für ihr musikalische Bearbeitung. Da enden allerdings schon die Gemeinsamkeiten mit dem Schweizer Elektro-Pionier.

Während Moroder, der Ur-Vater des Techno, eher einen eingängigen Ansatz wählte, fühlt sich Dinsecu der atonalen Musik verpflichtet. Das ist nicht der schlechteste Weg, um sich einem Gruselfilm zu nähern. 1922 von der Regielegende F.W. Murnau an Originalschauplätzen gedreht, gehört der Film heute zu den großen Klassikern. Dabei ist die Hintergrundgeschichte mindestens genauso spannend wie der Film selbst. Im Grunde ist „Noseferatu“ so etwas wie die erste Kinoverfilmung von Bram Stokers berühmtem Roman „Dracula“. Da die Produzenten damals zu geizig waren, etwas für die Rechte zu bezahlen, änderte man kurzerhand den Namen und ein paar Orte, vermengte das Ganze noch mit dem Thema Pest und schon hatte man seinen eigenen Vampirfilm. Stokers Witwe sah das anders und klagte. 1925 gab ein Gericht ihr Recht und ordnete die Vernichtung des Films an. Allerdings konnte eine Kopie gerettet werden, so dass wir auch heute noch in den Genuss des Selbigen kommen. Mit der Musik hat das indes nichts zu tun. Am vorzüglich spielenden Trio Contraste lag es zumindest nicht, dass Dinescus Ansatz nicht ganz funktionieren wollte. Die begegneten der herausfordernden Partitur mit präzisem Spiel und überraschten immer wieder mit neuen Klangfarben. Vielmehr erschwerte die sehr kopflastige Auseinandersetzung mit den Bildern den emotionalen Zugang. Die wenigen melodischen Farbtupfer wirkten in diesem Zusammenhang fast schon wie Fremdkörper.

Fazit: Experimentelle Musik trifft auf expressionistischen Klassiker. Ein Experiment, das nur teils gelang. Ein wenig mehr Emotionen hätte der Film vertragen können.