Die Sache mit der Sucht

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Über die Schließung der Suchtberatungsstelle des Diakonischen Werkes Worms-Alzey

Sucht ist eine Krankheit. 1968 wurde ein Grundsatzurteil gefällt, bei dem erstmals ein Abhängigkeitssyndrom als Krankheit anerkannt wurde. Der Stoff, um den es ging, war dabei nicht jener, aus dem die Träume sind, sondern jener, der unsere Region prägt wie kein anderer, denn besonders Rheinhessen ist kulturell aufgrund des riesigen Weinanbaugebiets vom Thema „Alkohol“ geprägt.

Für viele Menschen ist der Umgang mit Wein und anderen Spirituosen kein Problem, doch immer wieder geraten Menschen in Konflikt mit ihrem Konsum. Abhängigkeit ist dabei eine heimtückische Krankheit. Oft erkennen die Konsumenten ihr Problem viel zu spät. Meist befinden sie sich zu diesem Zeitpunkt bereits in der Abhängigkeitsspirale. Da auch heute dieses Thema für viele Patienten mit einem Verlust von gesellschaftlichem Ansehen einhergeht, scheuen viele die aktive Auseinandersetzung mit dieser Problematik. Erst wenn die Spirale einen Moment erreicht hat, in dem der Leidensdruck so groß ist, dass kein Weg an der Auseinandersetzung vorbeiführt, folgt der schwierige Schritt, eine Beratungsstelle aufzusuchen. Zwar ist für viele Patienten der Hausarzt der erste Ansprechpartner, doch dem bleibt, ob seiner Unerfahrenheit, oft nicht mehr als den Patienten an eine Beratungsstelle zu verweisen. Nun sollte man glauben, dass eine Stadt wie Worms mit ihrer doch stattlichen Einwohnerzahl und einem beachtlichen Einzugsgebiet über eine adäquate Ausstattung hinsichtlich Beratungsstellen verfügt. Doch das ist ein Gedanke, der trügt. Zumal gegen Ende des letzten Jahres (31. Oktober 2015) eine wichtige Beratungsstelle ihre Türen geschlossen hat. Viele Jahre waren die Mitarbeiter des Diakonischen Werkes in der Seminariumsgasse für viele Menschen hinsichtlich ihres Leidenswegs eine wichtige und kompetente Anlaufstelle, gerade in Verbindung mit Alkohol- und Medikamentenabhängigkeit. Konkret bedeutet dies für Worms, dass mit der Caritas lediglich nur noch ein Träger vor Ort ist, der umfangreiche Beratungsangebote macht. Dies wird zur Folge haben, dass die Arbeitsbelastung für die Mitarbeiter stark zunehmen wird, was gerade in diesem Bereich nicht zu unterschätzen ist, und die Wartezeiten für die Patienten stark zunehmen. Eine Entwicklung, die für Patienten eine Katastrophe bedeutet, da nicht wenige, wie bereits oben erwähnt, sich erst mit ihrer Krankheit auseinandersetzen, wenn diese unmittelbare Auswirkungen auf das Leben hat. Dabei unterschätzen viele auch heute noch die Droge Alkohol.

Gerade durch seine ständige Verfügbarkeit und der gesellschaftlichen Akzeptanz ist Alkohol eine ständig präsente Droge, die mit zu den gefährlichsten überhaupt zählt. Laut Bundesministerium für Gesundheit konsumieren in Deutschland rund 9,5 Millionen Menschen Alkohol in riskanter Form, während 1,3 Millionen als alkoholkrank gelten. Wie hoch die Zahl in Worms ist, kann man nur schätzen. Wie die Drogenbeauftragte des Bundes zu berichten weiß, beläuft sich der volkswirtschaftliche Schaden auf sagenhafte 26 Milliarden Euro, wovon rund 7,5 Milliarden auf das Gesundheitssystem entfallen. Zahlen, die Ausdruck unseres ambivalenten Umgangs mit der Volksdroge Nummer 1 sind. Aufgrund der toxischen Gefährlichkeit des Wirkstoffs Ethanol führt schädlicher Konsum auch immer wieder zu Todesfällen. Laut einer Schätzung sterben täglich 202 Menschen an den Folgen ihres Trinkverhaltens. Eine erschreckende Zahl, nicht nur wenn man dieser die null Drogentote der gerne dämonisierten Droge Cannabis gegenüberstellt. Natürlich war die Diakonie nicht nur eine Anlaufstelle für Alkoholabhängige, auch die Medikamentenabhängigkeit ist ein Thema, das in den letzten Jahren immer mehr an Bedeutung gewonnen hat. Auch diese Gruppe wird zukünftig zur Caritas ausweichen müssen.

Grund für die Schließung der Beratungsstelle, die mit einem Personalschlüssel von 2,25 Personen besetzt war, ist mal wieder die Frage der Finanzierung. Während Land und Kommune 40% der Kosten übernahmen, musste der Träger die Differenz schultern. In Zahlen waren das jährlich 130.000 Euro, die man aufbringen musste. Wie Anne Fennel, Leiterin des Diakonischen Werkes Worms Alzey, gegenüber der WZ erklärte, stimme das Gesamtkonzept der Finanzierung nicht. Es sei schlicht unverständlich, dass die Krankenversicherung an den Kosten nicht beteiligt werde, schließlich handele es sich ja um anerkannte Krankheitsbilder. Finanziert wurde der bisherige Eigenanteil über Einnahmen durch die Kirchensteuer. Ironie ist hierbei, dass Luftlinie einhundert Meter entfernt die katholische Kirche sich lieber mit dem Bau eines Hauses beschäftigt, das rund 7,5 Millionen Euro kosten soll. Klar ist das ein komplett anderer Topf und die Diakonie obendrein evangelisch, dennoch drängt sich dieser Vergleich geradezu auf. Immerhin könnte man mit dieser Summe die Existenz der Beratungsstelle für rund 35 Jahre sichern (Lohnsteigerungen natürlich nicht mitgerechnet).

Vorerst wird die Suchtberatung weiterhin bei der Caritas stattfinden, die sind auch bereit, ihr Angebot auszuweiten, allerdings nur, wenn die Finanzierungsgrundlage stimmt. Immerhin ist es beruhigend, dass die Selbsthilfegruppe der Diakonie, die von Ehrenamtlichen geleitet wird, weiterhin existieren wird. Da die Zahl der Selbsthilfegruppen in Worms überschaubar ist, derzeit gibt es ganze fünf Gruppen in der Nibelungenstadt, ist das Engagement der engagierten Helfer nicht hoch genug einzuschätzen.