Ein Festival für fast jeden Geschmack

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„Jazz & Joy 2018“ – Ein selektiver Rückblick

17. bis 19. August 2018 / Worms Innenstadt:

Text: Dennis Dirigo, Frank Fischer

Seit 28 Jahren bereichert das Jazz & Joy-Festival die Wormser Veranstaltungslandschaft. Viel ist seitdem in Worms und der Welt passiert, während das Festival sich weitestgehend treu geblieben ist. In diesem Jahr wagte man ein paar kleine Änderungen, wie z.B. sonntags den Familientag auf dem Marktplatz. Los ging es aber mit einer Tradition, die seit vielen Jahren fortwährend Bestand hat, nämlich einem königlichen Festivalwetter. Vergessen ist das Regenjahr 2014, das mit eher bescheidenen Besucherzahlen aufwartete. In diesem Jahr verdankten die Veranstalter Musik und Wetter 20.000 „gehändelte Tickets“, wie es Oberbürgermeister Michael Kissel beim abschließenden Pressegespräch formulierte.

Freitag
Traditionell fiel auch die Eröffnung aus, denn die wurde wieder von der Private Selection, einer extra für diesen Auftritt zusammengestellten Band, begleitet. Neu war indes, dass erstmals alle fünf Bühnen bereits am ersten Tag bespielt wurden. Das Mainzer Trio Seng/Kuehn/Jentzen kam dabei die Ehre zuteil, das erste offizielle Jazz and Joy-Konzert an diesem Abend auf dem Platz der Partnerschaft zu bestreiten. Die preisgekrönten Musikstudenten spielten sich durch einen unterhaltsamen Mix aus eigenen Stücken und Klassikern wie Nino Rotas berühmter Titelmelodie zum Mafia Epos „Der Pate“. Leider war der Publikumszuspruch zu diesem Zeitpunkt noch recht übersichtlich. Die wenigen, die dem konzentrierten Spiel der Musiker folgten, wurden jedoch mit einem vorzüglichen Konzert belohnt. Etwas mehr Publikum konnte der Wormser Steven Neuhaus alias Elijah (ehemals Soul-On) für sich verbuchen. Mit seiner bewährten Mischung aus Rap und Pop sorgte er für eine entspannten Sommerabend auf dem Schlossplatz. Knapp 3.000 Besucher verfolgten derweil das Sonderkonzert von Sarah Connor auf dem Marktplatz. Die ist bereits im vierten Jahr auf Tour mit ihrem Erfolgsalbum „Muttersprache“, dessen Songs im Mittelpunkt des Abends standen. Sarah Connor stellte aber bereits im zweiten Drittel des Konzertes unter Beweis, dass es auch vor ihrem ersten deutschsprachigen Album jede Menge englischsprachige Hits in ihrer Vita gab. Zwar klingen Songs wie „Let’s Get back to Bed, Boy“, „From Zero to Hero“ oder „From Sarah with Love“ aus dem Mund einer vierfachen Mutter nicht mehr ganz so passend, aber das überwiegend junge Publikum sang natürlich trotzdem kräftig mit. Und Connor, ganz Profi, hatte die Menge schnell im Griff und konnte sich hierbei auf ihre bestens geölte Band im Hintergrund verlassen. Zwischendurch gab es immer wieder Interaktion mit dem Publikum, das jede Gelegenheit zum Mitklatschen oder Arme schwenken nutzte. Im Laufe des Konzertes durften immer mal wieder Fans auf die Bühne, eine angehende Braut nebst Trauzeugin ebenso wie ein junges Mädchen, das schon die ganze Zeit ein Schild hoch gehalten hatte. Ihren Überhit „Wie schön du bist“ durften die Besucher dann fast alleine singen. Keine Frage, das Konzert von Sarah Connor war besser als befürchtet. Auffällig auch, dass diesmal ungewöhnlich viele Wormser das Konzert vorm Eingang verfolgten und sich für lau die Songs zumindest von außen anhörten. Da waren dem einen oder anderen die knapp 50 Euro Eintritt für Sarah Connor wohl doch zuviel.
Über Publikumsmangel konnte auch der Star des Abends nicht klagen. Die niederländische Saxofonistin Candy Dulfer hatte einst in den 90er Jahren, gemeinsam mit Dave Stewart, einen ordentlichen Hit in den Charts („Lilly Was here“), seitdem ist es dort um sie ruhig geworden. An ihrer Popularität hat das allerdings nichts geändert. Auf den Bühnen der Welt ist sie nach wie vor gefragt und begeistert regelmäßig Publikum und Presse gleichermaßen. Auch in Worms schaffte sie es mühelos, den aus allen Nähten platzenden Weckerlingplatz für sich zu gewinnen. Als würde sie sagen wollen, dass ihr ein Charthit nicht besonders viel bedeute, spielte sie besagtes „Lilly Was here“ bereits sehr früh im Programm. Wer bis jetzt mit dem Namen Candy Dulfer nichts anfangen konnte, quittierte dies spätestens an dieser Stelle mit dem Satz: „Den Song kenne ich doch!“. Die Titelmelodie aus dem gleichnamigen, mittlerweile vergessenen Kinofilm war allerdings eher untypisch für den weiteren Verlauf des Konzertes. In der folgenden Stunde dominierte eine mitreißende Fusion aus Funk, Rhythm’n’Blues und Soul das musikalische Geschehen. Visuell untermalt von einer eindrucksvollen Lightshow bescherte sie der Volksbank-Bühne einen würdigen Start in ein buntes Musikwochenende. Klar, dass es für das Publikum kaum ein Halten gab und die Band mit frenetischem Applaus in die Nacht verabschiedete wurde. Wenn man etwas bemängeln möchte an diesem Konzert, dann höchstens, dass die Bandmaschinerie ein wenig zu routiniert über die Bühne rollte. Persönliche Ansprachen waren rar gesät und was improvisiert wirkte, war natürlich über Jahre hinweg perfektioniert eingespielt. Dennoch konnte man am Ende zufrieden den Heimweg antreten, in froher Erwartung auf noch kommende Konzerthighlights.

Samstag
Bei hochsommerlichen Temperaturen, sowie der anfänglichen Zuschauerkonkurrenz durch das DFB-Spiel Wormatia Worms gegen Werder Bremen im Rücken, waren die fünf Plätze auch an diesem Tag zunächst spärlich bevölkert. Als um 17:30 Uhr der hochtalentierte Musiker Lutz Rode die EWR-Bühne am Marktplatz den Festivalsamstag eröffnete, spielte dieser vor ungefähr 50 hartgesottenen Musikfans, die tapfer der Sonne trotzten. Was die Sonne nicht schaffte, vollbrachten schließlich der Wormser Dom und die Dreifaltigkeitskirche gemeinsam. Wie bereits in den Vorjahren sorgten auch dieses Mal die klangvollen Glocken dafür, den musikalischen Genuss des bis dahin tadellosen Konzertes zu trüben. Rockte Lutz Rode mit seiner Band anfangs noch kräftig dagegen an, stand dieser allerdings bei der ersten Ballade in seinem Set vor einer schier unlösbaren Aufgabe. Die Lösung: Man machte eine kurze Pause. Als die Glocken aber weiterhin nicht verstummen wollten, spielte man eben doch den gefühlig bluesigen Song „Nur bei dir“. Man merkte der Band schnell an, dass sie genervt war. Wie genervt, das zeigte sich kurz danach, als sich die Band noch vor Ablauf der eigentlich geplanten Spielzeit eiligst mit den Worten „Wir gehen jetzt eine Schorle trinken“ verabschiedete. Da nutzten auch gefühlte zehn enthusiastische Zugabe-Rufer nichts mehr. Deutlich mehr Zuschauer hatte die Band Indianageflüster auf der Renolit-Bühne vor der Jugendherberge. Dort konnten sie eindrucksvoll zeigen, dass ihre Songs live deutlich besser rüber kommen als glattgebügelt aus dem Studio. Mit nachdenklichen, teils gesellschaftskritischen Texten, die in bester Eminem-Tradition gerappt wurden, bewiesen die Jungs, dass noch nicht alle musikalische Hoffnung im Algorithmus dominierten Konsenspop unzähliger Popakademie Epigonen verloren ist. Der soghafte Sound der Band sorgte für ein angemessen mächtiges Musikgewand. Als Anspieltipps seien hierzu der „Quasi-Hit“ der Band „Lass sie in dem Glauben“ oder der Song „Impuls“ empfohlen. Wenn die Musikwelt eine gerechte ist, dann werden wir garantiert von dieser Band noch mehr hören. Der Schweizer Rapper Seven ist in der Karriereleiter schon ein Stückchen weiter geklettert und konnte sich bereits in der TV Sendung „Sing meinen Song“ einem größeren Publikum bekannt machen. Mit solcherlei TV Publicity im Rücken fanden dementsprechend deutlich mehr Zuhörer den Weg zum Marktplatz als zuvor bei Lutz Rode. Der Soul-Sänger und seine Band lieferten bereits ab dem ersten Takt Liveunterhaltung mit funky Beats, die vor allem von einem fetten Bass-Sound angetrieben wurden. Am Ende des Gigs dürfte klar sein, warum man Seven auch gerne mal als den „weißen Prince“ bezeichnet. Zeitgleich spielte ein ganz besonderes Orchester auf dem Weckerlingplatz eine wilde Mixtur, die auf den Namen Barrio Jazz hört. Das sechsköpfige Hi-Fly-Orchestra performte eine schweißtreibende Fusion aus lateinamerikanischen Rhythmen, gepaart mit klassischem Jazz und garniert mit Rock und Soul. Ausgewählte Coverversionen gingen dabei Hand in Hand mit Eigenkreationen, die auf Namen wie „Afro Boo“ oder „Sookie Sookie“ hörten. Nur das Tanzbein der Zuschauer wollte nicht so recht in Gang kommen, was wohl den ermattenden Temperaturen geschuldet war. In eine musikalisch ähnliche Kerbe schlugen am selben Ort anschließend die Holländer Jungle by Night. Im Gegensatz zur verspielten Lässigkeit des Miniorchesters kokettierte der Sound deutlich mit Elementen der Rockmusik. Zusätzliche elektronische Elemente verstärkten diesen Eindruck. Passend zum Bandnamen schufen sie mit ihren instrumentalen Stücken den Soundtrack für eine heiße Dschungelnacht auf dem Weckerlingplatz. Wer anschließend immer noch nicht genug hatte, konnte sich noch ein wenig im Weinladen Borgnolo zu den treibenden Beats des DJ Kollektivs Dreiklang die Seele aus dem Leib tanzen.
Der unbestrittene Höhepunkt dieses Samstags fand aber an einem anderen Platz statt. Tausende trieb es zu später Stunde zum Marktplatz, wo die Schweizerin Stefanie Heinzmann ihr Worms Comeback feierte. Schon 2010 begeisterte sie das Jazz & Joy Publikum auf dem Platz der Partnerschaft. Bereits nach wenigen Takten hatte die Entertainerin das Publikum erneut fest im Griff. Zwar zeugten die Songs nicht gerade von musikalischer Tiefe und schielten ein wenig zu sehr Richtung Radio Airplay, doch die fehlende Tiefe machte sie locker mit Charisma und vor allem mit ihrer unglaublichen Stimme wieder wett. Klar, dass sich das Publikum bei ihrem Hit „Diggin‘ in The Dirt“ nicht lange bitten ließ und den Song mit rhythmischem Klatschen begleitete. Heinzmanns Konsens-pop unterhielt letztlich bestens und das ist schon mal viel Wert bei einem familientauglichen Festival.

Sonntag
Auch in diesem Jahr standen auf den Wormser Bühnen einige Formationen, die ihre Zusammenkunft der Mannheimer Pop Akademie zu verdanken haben. Auffällig war jedoch, dass sich die meisten Bands an diesem Wochenende von dem mit der Pop Akademie in Zusammenhang gebrachten radiotauglichen Popmainstream zu entfernen scheinen und eher in Richtung Garagenrock schielen. Das traf auch auf Spiral Drive zu, die sich übrigens beim Band-Voting für Jazz & Joy 2018 bewarben. Die Abstimmung mussten sie jedoch gar nicht abwarten, David Maier hievte sie trotzdem ins Programm und ließ sie musikalisch den Sonntag an der Jugendherberge eröffnen. Leider verpuffte der selbsternannte Space Rock, der zwischen sphärisch zarten Klängen und einem gehörigen Wall of Sound mäanderte, ein wenig in der Hitze des frühen Mittags. Man mag sich nicht ausmalen, was für ein Feuerwerk die vier Jungs bei Dunkelheit entfacht hätten. Der eigentliche Gewinner, Used, hatte es da ein wenig einfacher und punktete mit ordentlichem Indie Rock. Die größte inhaltliche Änderung, die die Organisatoren in diesem Jahr vornahmen, war es, auf dem Marktplatz einen Familientag zu etablieren. Aus diesem Grund spielte die derzeit bekannteste Kinderband Deutschlands, Deine Freunde, und lud damit explizit den Jazz & Joy Nachwuchs samt Eltern auf den Platz. Mit HipHop-Songs wie „Schokolade“ oder „Hausaufgaben“ im Gepäck war es für sie ein Leichtes, das junge Publikum in Nullkommanix für sich zu gewinnen. Da hatte es das Mainzer Cover Duo Flo und Chris nicht einfach, dagegen zu bestehen. So schnell wie sich die Familien auf dem Marktplatz versammelten, verschwanden diese auch wieder. Dieses Problem hatte der Gitarrist und Sänger Torsten Goods mit seiner Band nicht zu befürchten. Goods, der bereits als Gitarrist beim Sonderkonzert mit Sarah Connor die Saiten zupfte, kam auf persönliche Einladung seines Freundes Filippo Borgnolo. Er kam, sang und wurde gefeiert. So lässt sich wohl in wenigen Worten der famose Auftritt des Musikers beschreiben. Auf dem Platz der Partnerschaft näherte sich schließlich der Jazzteil mit dem großartigen Auftritt des Franco Ambroseti Quartetts seinem Ende. Der 77-jährige Italiener bewies gemeinsam mit seinem Sohn Gianluca nicht nur modisch Stil auf der Bühne, sondern spielte auch feinsten Jazz, der einen mit der Zunge schnalzen ließ.
Auf dem Weckerlingplatz zeigte sich die britische Band Ephemerals für ein abschließendes musikalisches Feuerwerk verantwortlich. Soul, Rock, Jazz und Funk wechselte, mal wild, mal leise interpretiert, in atemberaubender Geschwindigkeit und sorgte dafür, dass Jazz & Joy 2018 den meisten Zuschauern in bester Erinnerung bleiben dürfte.

Fazit: Zwar konnte man vor Beginn des Festivals darüber mäkeln, dass außer Dulfer und Heinzmann die richtig großen Namen fehlten, das machte aber letztlich die musikalische Qualität wieder wett. Müßig zu erwähnen, dass der Anteil an Wormser Bands mal wieder äußerst diskutabel ausfiel (neben Elijah noch Break Even Point sowie ein Musiker der Band Vier Männer von Welt). Zu den Neuerungen in diesem Jahr zählte neben dem Familienkonzert am Marktplatz auch der großflächige Einsatz eines Social Media Teams. Damit einhergehend gab es erstmals die Möglichkeit, sich bei Facebook per Livestream Songs verschiedener Künstler anzuschauen. Organisatorisch lief die Veranstaltung einmal mehr wie eine perfekt geölte Maschine.