Ein Geschäft, das es nicht geben sollte

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Armut in Worms und die Arbeit der Wormser Tafel e.V.

Spricht man in Deutschland von Armut, so gibt es nicht wenige, die versuchen, dieses Thema zu relativieren und argumentieren, dass hierzulande niemand hungern müsste. Es wäre wahrscheinlich eine noch größere Schande für Deutschland, wenn in einem der reichsten Länder Menschen auf der Straße verhungern müssten. Dennoch sind zahlreiche Menschen auf die Unterstützung durch den Verein „Deutsche Tafel e.V.“ angewiesen. Auch inmitten von Worms ist Armut ein prekäres Thema.

In der Europäischen Union gelten Personen als arm, die monatlich weniger als 60% des nationalen Mittelwerts verdienen, das entspricht in Deutschland einem Nettoverdienst von rund 900,- Euro. Als arm gilt, wer gerade mal dazu in der Lage ist, die grundlegenden Lebensbedürfnisse abzudecken. Während im ganzen Land knapp 13 Millionen Menschen unter dieser Einkommensgrenze liegen, sind in Worms ca. 8.000 Einwohner von dieser sogenannten relativen Armut betroffen. Eine erschreckend hohe Zahl für eine sogenannte Überflussgesellschaft. Um diesem Überfluss sinnvoll entgegen zu wirken, wurde vor 20 Jahren die Deutsche Tafel e.V. gegründet. Derzeit gibt es mehr als 900 dieser Einrichtungen, die sich um 1,5 Millionen Menschen kümmern. In Worms existiert die Tafel seit neun Jahren, derzeit versorgen die Wormser Tafel und die rund 70 ehrenamtlichen Helfer 1957 Personen. Zweimal die Woche öffnet sie die Türen, um bedürftigen Menschen unter die Arme zu greifen. Dabei wäre Geschäftsführer Jürgen Sehrt nicht böse, wenn dieses Geschäft nicht mehr existieren würde: „Wir sind eines der wenigen Geschäfte, das froh wäre, aufgelöst zu werden“. Das sagt der 57-jährige nicht, weil er von der Idee der Tafel nichts hält, sondern weil es ihn immer wieder entsetzt, dass in einem reichen Industrieland Menschen auf Hilfe angewiesen sind. Erschreckend ist in diesem Zusammenhang vor allem wie groß die Kluft zwischen arm und reich ist. „Die obersten zehn Prozent verfügen über rund 53 Prozent des Vermögens“, erklärte unlängst der Gießener Armutsforscher Ernst-Ulrich Huster. Zwar ist nach wie vor das Risiko, arm zu werden, in erster Linie an Erwerbstätigkeit geknüpft, letztlich gefeit ist aber niemand dagegen. Besonders Altersarmut ist ein immer stärker werdendes Thema. So erklärt Jürgen Sehrt, dass ca. 60% der Tafelkunden Rentner sind, von der Dunkelziffer, die aus Scham nicht zur Tafel geht, ganz zu schweigen. Denn zur Tafel zu gehen, heißt nicht, in einem Selbstbedienungsladen gemütlich zu shoppen, vielmehr bedeutet es das Eingeständnis, ohne „Almosen“ nicht mehr auskommen zu können. Zudem muss für jeden Einkauf eine Spende von 2.- Euro entrichtet werden. Einen Beitrag, von dem die Tafel freilich nicht alleine leben kann, immerhin beträgt die monatliche Summe, die Sehrt für Miete, Strom usw. benötigt 5000.- Euro. Eine Summe, die nur durch tatkräftige Unterstützer aufgebracht werden kann, denn von der Politik gibt es keine Unterstützung. Dabei trägt die Politik – nicht nur in den Augen Sehrts – die Hauptschuld an dieser Entwicklung. Sehrt, der bereits seit sieben Jahre für die Tafel tätig ist, kritisiert in diesem Zusammenhang vor allem das Legislaturperiodendenken und dass es zu wenige visionäre Politiker heutzutage gibt. Historisch gesehen trägt ausgerechnet eine sozialdemokratische Regierung eine nicht unbeträchtliche Schuld an dieser Armutsentwicklung. So sorgte Altbundeskanzler Gerhard Schröder mit seiner damaligen Regierung für einen sprunghaften Anstieg der Armut durch das Einführen des Alg II (Hartz IV). Eine Entscheidung, die der einstigen Arbeiterpartei bis heute einen nachhaltigen Imageschaden zugefügt hat und unser Land sozial noch ein wenig ungerechter gemacht hat. Auch die Billiglohnentwicklung hat ihren Beitrag dazu geleistet. Tatsächlich finden sich unter den für die Tafel ausweisberechtigten Personen auch einige Geringverdiener. Ein Umstand, den Sehrt aufgrund der Arbeiterstruktur von Worms nicht wirklich überrascht. Zusätzlich zu dieser Struktur haben die vielen ansässigen Logistikunternehmen mit ihrer Lohnpolitik auch ihren Teil dazu beigetragen. Neben diesen Gruppen werden derzeit auch knapp 400 Flüchtlinge versorgt, eine Zahl, die sich wohl in den nächsten Wochen noch nach oben korrigieren wird. Auch Alleinerziehende gehören in Deutschland zu einer besonders gefährdeten Gruppe, da sie oft mangels Betreuungsangebote unfreiwillig in die Arbeitslosigkeit abrutschen.

Vielfältige Aufgaben und Herausforderungen, die auf die Wormser Tafel, die der Geschäftsführer gerne als kleine Insel bezeichnet, zukommen. Um diese auch erfolgreich stemmen zu können, ist er auf ehrenamtliche Helfer angewiesen, an dem es ihm zur Zeit etwas mangelt. Zwar hat sich in den letzten Wochen etwas getan, aber das reicht noch längst nicht, zumal das derzeit durchschnittliche Alter der Helfer bei 62 Jahren liegt. Eine Verjüngerung würde sich das ganze Team wünschen. Wer Interesse hat, sich bei der Tafel engagieren, kann sich täglich unter der Telefonnummer 06241 209 544 melden.