Ein isländisches Sommermärchen

, , Kommentar schreiben

Eindrücke der Fußball-EM in Frankreich bis zum Achtelfinale

Obwohl die deutsche Mannschaft bis zum Redaktionsschluss dieser Ausgabe relativ souverän durch das Turnier marschiert ist, hatte mich selbst nach dem souveränen 3:0 im Achtelfinale gegen die Slowakei noch nicht so richtig das EM-Fieber gepackt. Und dann kamen ein paar Wikinger…

Es war bis dahin eine Europameisterschaft, die auf und außerhalb des Platzes wahrlich nicht für positive Schlagzeilen gesorgt hat. Mit der Organisation überforderte Gastgeber und prügelnde Hooligans aus ganz Europa auf den Straßen und in den Stadien hatten eines schon früh gezeigt: Ein Sommermärchen wird die EM 2016 ganz gewiss nicht mehr. Auch fällt es mir manchmal schwer, mich an den heutigen, sehr systemorientierten Fußball zu gewöhnen, der zwar deutlich schneller ist als zu Zeiten Günter Netzers. Aber ist das auch zwangsläufig attraktiver oder fallen dadurch mehr Tore? Auf hohem Niveau mag das ganz gut aussehen, bei einer künstlich aufgeblähten EM-Endrunde mit jeder Menge Fußballzwerge kann das dagegen wie eine Schlaftablette wirken. Das sollte sich zunächst auch bei den „Alles-oder-nichts“– Spielen nicht gravierend ändern, erinnert sei etwa an das gruselige „Wales gegen Nordirland“. Oder „Portugal gegen Kroatien“, bei dem beide Mannschaften in 120 Minuten weniger aufs Tor geschossen haben als die deutsche Elf gegen die Slowakei – wohlgemerkt: in den ersten zehn Minuten (!). Und dann kamen ein paar Wikinger und zeigten in einer vom Geld zerfressenen Fußballlandschaft, dass es auch mit Herz, Leidenschaft und Freundschaft geht. Oder wie das Fußballmagazin „11 Freunde“ schrieb: „Island führt der Fußball-Welt gerade vor Augen, dass es eben keine aufwendigen PR-Kampagnen oder glitzernden Stars braucht, um bei einem Fußball-Turnier Erfolg zu haben.“ Während die englischen Millionäre, von denen einer alleine mehr verdient als das gesamte isländische Team, dem Ehrgeiz des kleinsten EM-Teilnehmers nur wenig entgegen zu setzen hatten, erinnerten uns diese elf Spieler aus dem hohen Norden wieder daran, warum wir diesen Sport so sehr lieben. Wenn jetzt noch die Mannschaft von Jogi Löw ihr Italien-Trauma überwindet, wird Deutschland auch Europameister. Falls nicht, dann bitte Island, lieber Fußballgott. Damit wir alle weiter Spaß am Fußball haben und nicht dem Irrglauben verfallen, es gewinnen nur noch die, die man mit dem meisten Geld zuschüttet.