Ein Parteirebell auf Abschiedstour

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Wolfgang Bosbach am 30. Juni 2017 zu Besuch in Worms

Seit geraumer Zeit ist der Wahlkampf auch in Worms voll im Gange. Während sich die Euphorie des Schulz-Effektes zwischenzeitlich wieder verflüchtigt hat, kann Kanzlerin Merkel offenbar machen, was sie will, was sie gelegentlich auch tut, ohne in der Wählergunst in Ungnade zu fallen. In einer komfortablen Situation befindet sich auch MdB Jan Metzler (CDU). Mit einem 6. Platz auf der Landesliste Rheinland-Pfalz ist der erneute Einzug in den Bundestag wohl nur Formsache, dennoch lud der Winzersohn einen hochkarätigen Abgeordneten nach Worms ein, nämlich Wolfgang Bosbach.

Der ist ein durchaus ambivalenter Wahlkampfhelfer, da Bosbach auch als Kritiker seiner eigenen Partei bekannt ist. Das wiederum brachte ihm im Laufe der Jahre eine große Beliebtheit ein, die ihm seit 2003 immer wieder das Direktmandat bei den Bundestagswahlen sicherte. Im vergangenen Jahr beschloss der Nordrhein-Westfale jedoch, nicht mehr zu kandidieren. Als Gründe gab er sowohl politische als auch gesundheitliche an. Derzeit befindet er sich auf einer Art Abschiedstournee, die ihn auf Einladung von Jan Metzler auch nach Worms in die Sporthalle des DRK Berufsbildungswerkes führte. Wie kaum ein anderer Politiker in diesen Tagen beherrscht der streitbare Politiker die Kunst, mit Politik auch zu unterhalten. Man merkt dem gelernten Einzelhandelskaufmann seine langjährige Talk-Show Erfahrung an. Im unterhaltsamen Plauderton, gespickt mit Anekdoten, streifte der Mann, der es auf dem zweiten Bildungsweg bis zum Rechtsanwalt brachte, die Themen, die derzeit Deutschlands Wähler, und insbesondere die der CDU, pressieren.

Ein Blick auf die Flüchtlingspolitik

Natürlich durfte da Griechenland genauso wenig fehlen wie Merkels Flüchtlingspolitik. Beides Themen, mit denen er zwar in seiner eigenen Partei aneckte, aber immer wieder Zuspruch bei den Wählern fand. Sein „Nein“ bei der Abstimmung zum Euro-Rettungsschirm, brachte ihm von Ronald Pofalla die legendäre Beschimpfung ein: „Ich kann Deine Fresse nicht mehr sehen. Ich kann Deine Scheiße nicht mehr hören“.Es folgte zwar eine Entschuldigung, doch der beleidigende Satz war ausgesprochen. In Sachen Griechenland verwies er in Worms einmal mehr auf die enorme Schuldenlast Griechenlands (340 Mrd. Euro), setzte die in Vergleich zu Essen (40 Mrd.) und erklärte, dass er weiterhin von einem Schuldenschnitt nichts halte. Einige Details, wie die Mitschuld seiner eigenen Partei an der kläglichen Situation Griechenlands, ließ er hierbei lieber aus. Dafür widmete er sich ausgiebig der Flüchtlingspolitik und ihren Auswirkungen auf Deutschland. In diesem Kontext erklärte er: „Ich habe keine Angst vor Islamisierung, sondern vor einer Entchristifizierung. Wenn wir z.B. aus einem schönen Weihnachtsmarkt einen Wintermarkt machen, finde ich das nicht gut“. Als unfreiwilliger Seitenhieb auf die jüngst ausgerufene „Nibelungen Weihnacht“ erntete er dafür sowohl Lacher als auch großen Applaus. Ein wenig populistisch klang wiederum seine Aussage:

„Warum sagen wir zu Salafisten nicht ganz klar, wenn ihr nach der Scharia leben möchtet, dann könnt ihr hier nicht leben.“

Im Kern der Sache ist die Aussage nachvollziehbar, dass das nicht funktioniert, hat aber auch mit der mangelnden Entscheidungsfreude mancher Bundespolitiker zu tun. Schließlich sagte er noch kurz zuvor:

„Wie wir die Regeln des Zusammenlebens gestalten, ist Sache des Staates“.

Auch die Kurskorrekturen in Sachen Flüchtlingspolitik, die von ihm angesprochen wurden, waren nicht immer das Werk seiner Partei. So verwies er auf die richtige Schließung der Balkan-Route, erwähnte allerdings nicht, dass diese Entscheidung von anderen Ländern getroffen wurde. Der Familienmensch Bosbach (verheiratet, drei Töchter) sieht aber auch, dass 90% bis 95% der Zuwanderer friedlich leben, dennoch wünsche er sich konkretere Projekte, bei denen Christen und Muslime gemeinschaftlich zusammenarbeiten.

Bildung ist unsere Zukunft

Mit Sorge sieht Bosbach das Bildungsland Deutschland, weshalb er den Zuhörern erklärte: „Wir sind ein rohstoffarmes Land, unser Kapital ist die Bildung“ und fügte hinzu, dass wir bei den modernsten Unternehmen (sprich: die Bereiche der IT-Branche) hinterher hinken. Bosbach nannte exemplarisch das teuerste Unternehmen der Welt, Apple, das aus der USA stamme. „Kann Europa/Deutschland mithalten? Das wird die Frage der Zukunft sein“, sprach er hierzu. Erklärungen, wie man der Bildungsmisere begegnen könne, blieb er indes schuldig. Ehrliche Worte fand er hingegen für die Spezies der Politiker:

„Politik verdirbt den Charakter, diese Aussage stimmt nicht. Es gibt Charaktere, die die Politik verderben!“

Vielleicht ist das auch der Grund, warum der Graben zwischen Wähler und Politiker immer größer wird, wie er feststellte, auch wenn er das Thema schließlich im Raum stehen ließ. Knapp eine Stunde redete der Politiker, der 23 Jahre ununterbrochen im Bundestag saß, vor ca. 250 Zuhörern. Anschließend ging es in eine rund einstündige Frage und Antwort-Runde, die von RPR-Moderator Andreas Kunze moderiert wurde und bei der die Saalgäste zuvor Fragen einreichen konnten. Die Fragen und die daraus resultierenden Antworten waren allerdings nicht halb so spannend wie der Soloauftritt zu Beginn des Abends.