Es ist eine Adresse, die den Wormsern auf den ersten Blick gar nicht so unbekannt erscheinen dürfte, die Hafenstraße mit der Nummer 46. Dort befindet sich die Notunterkunft der Stadt Worms zur Vermeidung von Obdachlosigkeit. Folgt man der Straße werden aber nicht wenige feststellen, dass sie diesen Abschnitt der Hafenstraße niemals betreten haben.

Christina P. kennt den Straßenabschnitt nur allzu gut. Seit drei Jahren wohnt sie dort, nachdem ihr Leben aus den Fugen geriet und sie Job und Haus verlor. Anfangs führte sie der Weg in eine Wohngemeinschaft mit zwei Frauen, doch die Wohnung wurde wieder an die Wohnungsbau GmbH übergeben und sie musste innerhalb von zehn Tagen raus. Um ein Leben auf der Straße zu vermeiden, bekam sie von der Stadt schließlich das Angebot, in die Unterkunft in der Hafenstraße zu ziehen. Seit fast drei Jahrzehnten unterhält die Stadt diesen aus drei Häusern bestehenden Gebäudekomplex. 40 Betten stehen dort zur Verfügung, derzeit leben 35 Menschen in der Unterkunft. Es sind tragische Schicksale von Menschen, die einst eine andere Vorstellung von ihrem Leben hatten. Die Stadt selbst versucht es in der Regel zu vermeiden, dass Menschen dorthin ziehen. „Die Hafenstraße ist nicht toll, dazu stehe ich“, erklärt der Sozialdezernent Waldemar Herder im Gespräch mit WO! Aus diesem Grund gibt es die Zentralstelle zur Vermeidung von Obdachlosigkeit, eine mit verschiedenen Stellen eng verzahnte Behörde. Droht der Verlust der Wohnung, bekommt die Behörde zumeist vom EWR, Jobcenter oder bei Wohnungen der Wohnungsbau von selbiger ein Signal. Es folgen Einzelgespräche mit den betroffenen Personen. Ziel ist es, durch Vermittlung an Schuldnerberatung oder auch Suchtberatung, das gewohnte Lebensumfeld zu erhalten. Doch dies gelingt nicht immer. Dennoch ist die Zahl der Obdachlosenunterbringungen in Worms derzeit rückläufig. Waren im Jahr 2003 noch rund 600 Personen vom Wohnungsverlust betroffen, sind es aktuell etwas über 300 Menschen.

EIN LEBEN IM EMOTIONALEN STRESS
Befindet man sich erstmal in dieser Situation, ist es nicht selten, dass sich das Leben zu einer Abwärtsspirale entwickelt und oft zur Verstärkung der psychischen Probleme führt. Leben in der Hafenstraße bedeutet ein Leben im emotionalen Stress, treffen doch dort die unterschiedlichsten Krankheitsbilder aufeinander. Alkoholismus, Drogensucht, Depressionen und Gewalt sind an der Tagesordnung. Ein Ausbrechen aus diesen Verhältnissen ist oft nur schwer möglich. Alexandra P. versucht derzeit, aus diesem Kreislauf auszubrechen. Sie selbst räumt ein, ein Problem im Umgang mit Alkohol zu haben. Seit einiger Zeit bemüht sie sich um eine stationäre Entgiftung. Der Weg dorthin ist aber nicht einfach, da die Plätze rar sind und die Wartezeiten entsprechend lang. Gerne würde sie auch wieder in ihrem erlernten Beruf arbeiten. Doch wer nimmt jemanden, dessen Postanschrift in der Hafenstraße ist. Ähnliches gilt für die Wohnungssuche. Zwar bemüht sich die Stadt um Unterstützung, allerdings ist bezahlbarer Wohnraum ein großes Problem, wie Waldemar Herder freimütig einräumt.

IST SOZIALER WOHNUNGSBAU ÜBERHAUPT NOCH MÖGLICH?
Unlängst wurde der Masterplan „Wohnen“ verabschiedet, dieser sieht vor, dass bis 2025 knapp 2500 neue, bezahlbare Wohnungen entstehen sollen. Herder glaubt, dass dies jedoch nicht ausreichen wird. Zumal es eine berechtige Frage ist, ob sozialer Wohnungsbau zukunftsfähig ist, da ausgerechnet die Politik die Schaffung von bezahlbarem Wohnraum durch immer neue Auflagen, Gesetze und Ansprüche an die Energieeffizienz erschwert. Kissel hofft auf Investoren, Herder sieht das jedoch als schwierig an, da diese mit anderen Summen jonglieren, als das, was die Stadt zahlen kann. Derzeit geht der Deutsche Mieterbund davon aus, dass neue Wohnungen nur bei einem Quadratmeterpreis von 10.- Euro zu refinanzieren sind. Die Mietobergrenze zur Förderung von einkommensschwachen Personen liegt allerdings bei 5,10 Euro pro Quadratmeter. Waldemar Herder übt diesbezüglich offene Kritik und sieht die Kommunen immer mehr vom Bund allein gelassen. Nicht viel besser sieht es bei den Sozialausgaben aus, die nur zu einem Drittel vom Land gegenfinanziert werden. Im Haushaltsentwurf 2016 belaufen sich die Sozialausgaben – inklusive der Personalkosten – auf sagenhafte 95 Millionen Euro. Das bedeutet für die Stadt Worms 58 Millionen Euro, die sie selbst aufbringen muss. Sparen ist nicht möglich, da diese Ausgaben zu den sogenannten Pflichtausgaben zählen. Allein für die Situation der Obdachlosen zahlt die Stadt 1,5 Millionen Euro. Das mag man erstmal nicht glauben, wenn man sich die Gebäude in der Hafenstraße anschaut. Als wären sie der Fantasie eines Drehbauchautoren entsprungen, der gerade ein Drama über die New Yorker Bronx schreibt, wirken die Gebäude wie aus einer Parallelwelt. Eingeschlagene Scheiben, eingetretene Türen, mit Taubenkot verschmutzte Flure, Fäkalien, hinterlassen von externen Junkies, die die Gebäude immer wieder für sich in Anspruch nehmen. Für das Subunternehmen, das sich um die Instandhaltung kümmert, eine nicht enden wollende Sisyphusarbeit. Dazwischen aber auch immer wieder Wohnungen, in denen es sich Bewohner, soweit möglich, gemütlich eingerichtet haben. Man ist verblüfft, angesichts der schwierigen Perspektiven, mit denen diese Menschen inmitten unserer Leistungsgesellschaft leben müssen.

HILFE JA, ABER AUCH EIGENINITIATIVE
Auch wenn von den Bewohnern gerne Kritik an der Stadt geübt wird, ist diese bemüht, in ihrem Rahmen zu helfen. Dazu gehören auch die Hilfsangebote der Caritas. Zwei Sozialarbeiterinnen bieten im wöchentlichen Wechsel an einem Tag eine dreistündige Sprechzeit an, in der sie den Bewohnern verschiedene Hilfsangebote unterbreiten. Das reicht von der Unterstützung im Umgang mit der Bürokratie bis hin zur Sucht- oder Lebensberatung. Die Angebote setzen jedoch die Eigeninitiative der Bewohner voraus, aber genau hier hakt es immer wieder. Gefangen im Kreislauf zwischen Perspektivlosigkeit und Krankheitssymptomen fällt genau diese Eigenverantwortung nicht wenigen leicht. Auch muss die Frage erlaubt sein, ob das vorgegebene Zeitfenster für 40 Bewohner ausreicht? Eine Frage, die bei den Menschen in der Hafenstraße auf unterschiedliche Antworten stößt. Im Gespräch verweist Christina P. genau auf diese Problematik. „Ist man an einem Tag noch hoch motiviert, sich am eigenen Schopf aus dem Dreck zu ziehen, so kann das am nächsten Tag, wenn einen die Tristesse wieder überrollt, ganz anders aussehen.“ Sie gehört zu den Personen, die sich mehr aktive Ansprache wünschen. Allerdings teilt auch die Stadt die Haltung der Caritas. „Die Bewohner sind schließlich erwachsene Menschen, die eine eigene Meinung haben und keine Bevormundung wollen.“, verteidigt der Sozialdezernent den Ansatz. Man sieht zwar die vielfach psychischen Erkrankungen, sieht aber die Handlungskompetenz eingeschränkt. Einen komplett anderen Ansatz der Obdachlosenbetreuung verfolgt die Nichtsesshaftenherberge, die vom DRK in der Klosterstraße unterhalten wird. Ausgestattet mit einem Herbergsvater, ist die Einrichtung für durchreisende Obdachlose gedacht, aber auch hier finden sich zwischenzeitlich immer wieder Dauergäste.

SOZIALES UNGLEICHGEWICHT
Armut in Deutschland ist ein echtes Problem. Zwar hat Hans Brecht, Pressesprecher der Stadt Worms, Recht, wenn er erklärt, dass in Deutschland niemand auf der Straße erfrieren muss. Dennoch ist es erschreckend, dass in einem der reichsten Länder immer noch ein derart großes soziales Ungleichgewicht existiert. Derzeit fragen die Macher des Pop Up Festivals immer wieder, in welcher Stadt wir leben wollen. Vielleicht in einer Stadt, in der es keine Parallelwelten mehr geben muss? Für Christina P. bleibt indes die Hoffnung, dass es demnächst mit einer Unterbringung in einer Suchtklinik klappt und sie ihr Leben wieder auf die Reihe kriegt. Schließlich will sie eines Tages ihren drei Kindern, die bei Pflegefamilien untergebracht sein, ein eigenes Zuhause präsentieren. Sie weiß aber auch, dass dieser Weg kein leichter sein wird.