Keine Kunst, die nur gefallen will

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Kunstprojekt „atelierblau“ feiert 10. Geburtstag

7. und 8. März 2019 | EWR Kundencenter – Wormser Dom:

Vor zehn Jahren wurde ein Projekt ins Leben gerufen, das Inklusion mit der Sprache der Kunst schaffen sollte. Heute gilt es längst über die Stadtgrenzen hinaus als Leuchtturmprojekt, das auf eindrucksvolle Weise zeigt, wie behinderte Menschen über den künstlerischen Ausdruck der Welt neue Aspekte abringen. Mit einer zweiteiligen Ausstellung feierte „atelierblau“ nun seinen ersten runden Geburtstag.

Den Auftakt feierte man in der Hauptstelle der EWR AG mit einer umfangreichen Werkschau, die auf beeindruckende Weise die Bandbreite der zehn behinderten Künstler spiegelte. Begleitet wurde die Eröffnung von Festrednern, die allesamt die Ausnahmestellung der Künstlergemeinschaft betonten. Norbert Struck, Geschäftsführer der Lebenshilfe Worms-Alzey, war es allerdings auch wichtig zu betonen, dass in den Werkstätten der Lebenshilfe rund 400 Menschen mit Einschränkungen tätig sind, die ebenfalls Respekt für ihre Leistungen verdient haben. Grundsätzlich steht es jedem Behinderten frei, sich für die Gruppe zu bewerben. Horst Rettig, künstlerischer Leiter des Ateliers, betonte jedoch, dass er für das „atelierblau“ einen professionellen Ansatz verfolge und er insofern ein grundsätzliches Talent erkennen muss. Das letzte Wort über die endgültige Aufnahme hat allerdings die Gruppe, wie Rettig lächelnd erklärte. Überhaupt ist es ihm wichtig, darauf zu verweisen, dass die Gruppe alle Entscheidungen gemeinsam trifft. Michael Dinges, der ebenfalls ein Teil der Gruppe ist, erzählt dann auch voller Stolz, dass man vor ein paar Jahren eine Ausstellungsanfrage aus China ablehnte. China sei ein Unrechtsstaat, in dem Menschen für ihre Meinung inhaftiert werden, erklärt er. So verlockend das Angebot war, man lehnte letztlich ab, da man nicht wollte, dass sich dieser Staat mit ihrer Kunst schmücke. Dinges hierzu: „Wir sind auch ein politische Gruppe“. Michael Dinges, dessen bevorzugte Ausdrucksform großflächige Gemälde mit Pflanzen sind und bereits von Anfang an dabei ist, dankte Horst Rettig vor allem dafür, die Menschen aus ihrem Kokon zu holen und ihnen zu zeigen, was sie wirklich können.

Heiko Ernst, ehemaliger Chefredakteur von „Psychologie Heute“, beeindruckt vor allem die Radikalität der künstlerischen Sprache, wie er in seiner Laudatio erklärte: „Es ist eine Kunst, die nicht darauf ausgerichtet ist, zu gefallen. Projekte wie das „atelierblau“ können Augen öffnen“. Ernst verwies auch auf die außerordentlichen Leistungen, die diese zehn Menschen vollbringen: „Jeder einzelne muss in Bezug auf seine Behinderung besondere Kompensationslösungen finden“. Drei Tage in der Woche sind die körperlich- oder geistig behinderten Menschen im Atelier, um neue Techniken zu lernen, sich auszutauschen und natürlich neue Kunstwerke zu schaffen. Die anderen Tage verbringen sie in ihrer jeweiligen Werkstatt, so arbeitet Michael Dinges abseits der Kunst in der Küche der Lebenshilfe. Um den Anwesenden einen Einblick in die Arbeit des Ateliers zu gewähren, zeigte man an dem Abend einen Film des Filmemachers Wilfried Sauer. Der durfte mit seiner Kamera die Gruppe bei ihrem Alltag im Kunsthaus in der Prinz Carl Anlage begleiten. Für Stephan Wilhelm, Gastgeber und EWR Vorstand, ist das Atelier eine Inspirationsquelle, weshalb er gerne mit der Gruppe kooperiere. „Es geht beim „atelierblau“ darum, neue Dinge durch Kreativität zu schaffen. Bei uns geht es darum, Lösungen zu finden und kreativ zu sein“, sagt er und schließt mit den Worten: „Wir sind nicht einfach Sponsor, sondern sehen uns als Partner“.

Bereits 24 Stunden später folgte im Wormser Dom die Fortsetzung des zehnjährigen Jubiläums. Dort findet noch bis zum 14. April die Ausstellung „Mit anderen Augen“ statt. Der Presse gegenüber erklärte Domprobst Tobias Schäfer, dass der Dom normalerweise kein Ausstellungshaus sei, ihn aber das Besondere dieser Gruppe überzeugte. Horst Rettig fügte dem hinzu, dass man natürlich eine Ausstellung schaffen wollte, die thematisch passt. Visuelle Säule der Ausstellung sind zwölf Zeichnungen der 12 Apostel, die der Autist Daniel Schoa schuf. Schoas Bilder faszinieren vor allem durch die unzähligen Details, die er in seine großformatigen Portraits einbringt, die wiederum ein Spiegelbild seiner eigenen Wahrnehmung sind. Neben weiteren Zeichnungen mit religiösen Symbolen oder Personen, findet sich im südlichen Querschiff eine Videoinstallation über die Künstlerinnen und Künstler. Sie alle sind auch auf Fahnen porträtiert, eine Idee, die man bereits aus der Pauluskirche kennt, wo die Dominikaner Mönche abgebildet wurden. Ergänzt wird die Ausstellung durch ein Video Tryptichon des Theologen und Filmemachers Gergely Paál. Die Eröffnung wurde zudem musikalisch vom Organisten Dan Zerfaß begleitet.