Nur nicht langweilen ist die Devise
Kritik zu „Die Hunnenkönigin“ – das aktuelle Stück der Nibelungen Festspiele 2026

Im Bemühen, der Nibelungensage auch nach über zwei Jahrzehnten Nibelungen-Festspiele neue Facetten abzugewinnen, widmen sich die Autoren immer wieder sogenannten Leerstellen. Zuletzt taten das Feridun Zaimoglu und Günter Senkel, als sie in „Der Diplomat“ Dietrich von Bern in den Mittelpunkt stellten. In diesem Jahr rückt Autor Oliver Lansley Kriemhilds Leben am Hofe des König Etzel in den Fokus. Eine durchaus spannende Prämisse, die die britische Theatercompagnie Les Enfants Terribles letztlich für eine eigenwillige Theater Revue nutzte.
Das Bühnenbild, das sich dem Zuschauer gleich zu Beginn präsentiert, ist im Grunde schlicht, aber effektiv. Eine Rundbühne mit der Fähigkeit, sich einmal um 360 Grad zu drehen, dominiert die Szenerie. Zugleich ergänzt sich das Bühnendesign, entworfen von Sean Turner, nahezu perfekt mit dem stolz emporragenden historischen Gemäuer des Dom St. Peter, der an diesem Abend wahlweise zur Kulisse beim Fest der Burgunder oder zur stattlichen Burg des gefürchteten König Etzel wird. Etzel, so werden wir später noch lernen, ist gar nicht so sehr zum Fürchten. Denn auch das gehört zum Konzept des Abends, Figuren entgegen ihren Erwartungen anzulegen. Zu Beginn des Stücks befinden wir uns aber erstmal noch in Worms. Die deutsch-britische Sängerin Alice Merton, begleitet von der Band SilverLung, lässt gleich zu Beginn vermuten: Das hier wird nicht gut enden. Wehklagend eröffnet der Song „Bittersweet“ mit wortlosen Vokalisen. Die Bühne bevölkert sich, Menschen in bunten Kostümen, irgendwo zwischen Shakespeares „Widerspenstigen Zähmung“ und Disneys „Schneewittchen“ (Kostüme: Susan Kulkarni), versammeln sich an einer großen Tafel, die ein festliches Gelage verspricht. Willkommen am Hofe einer schrecklich dekadenten Burgunder Familie. Gefeiert wird der 40. Geburtstag von König Gunter. Nach schmeichelnden Worten folgen erneut ein Song und eine erste Choreografie, bei der sich die Adelsfamilie im Tango probiert. Zugleich zeigt sich hier schon das inszenatorische Muster des Abends. Worte, Tanz, Musik, und dann wieder von vorne. Zunächst sind es Zynismus und der erste verbale Hinweis darauf, wo Lansley an diesem Abend hinmöchte, nämlich einmal mehr das Leid der Frauen im toxischen Umfeld der hinterlistigen Burgunder Bande zu zeigen. „Frauen haben es in diesen Hallen nicht leicht„, sagt die Königinmutter Ute zu Beginn und verweist damit bereits auf das tragische Schicksal der beiden zentralen Frauenfiguren Brynhild und Kriemhild. Letztere crasht dann auch schon kurz nach diesen Worten die eigenwillige Geburtstagssause, in dem sie blutverschmiert zunächst durch die Tribünenreihen schreitet, ehe sie nach Jahren der Abwesenheit wieder Wormser Boden betritt. Die Szene ist eine erzählerische Klammer. So wie die 30 Sitzplätze rechts und links der Rundbühne selbige begrenzen, ist diese Eröffnung die erzählerische Begrenzung, die in den nächsten 90 Minuten mit Rückblenden gefüllt wird, ehe wir im letzten Akt erneut zu dieser Szene zurückkehren werden. „Ich werde alles erzählen. Vieles wisst ihr schon. Aber ihr müsst alles hören, damit ihr versteht, was ich euch heute Abend bringe“, kündigt Kriemhild an. Dramaturgisch ist diese Klammer eine spannende Entscheidung, denn natürlich wollen auch die Zuschauer wissen, welche Widrigkeiten in den vergangenen sieben Jahren dazu führten, dass Kriemhild nun zum runden Geburtstag ihres Bruders erscheint. Eins ist dabei klar, Geschwisterliebe dürfte es eher nicht sein. Die Umstände sind für die königliche Schwester nicht wirklich gut. Ihr Mann Siegfried wurde von der eigenen Familie um die Ecke gebracht. Um vom eigenen schlechten Gewissen abzulenken und ganz nebenbei noch ein kleines diplomatisches Schnippchen zu schlagen, beschließen Hagen und Gunter, Kriemhild an den gefürchteten König Etzel zu verhökern, um diesen vom Gedanken eines Angriffs auf Worms abzubringen. Kurz darauf wird sie von gar nicht mal so finster dreinblickenden Hunnen abgeholt und in eine fremde Welt entführt, in der die Sprache nicht die einzige Barriere ist. Oliver Lansely und sein Regiepartner James Seager zeigen diesen Hof als eigenwillige Mischung zwischen Fantasy Folklore, Jahrmarkttreiben und ganz vielen Klischees, die den beiden Machern auf der Leinwand zurecht jede Menge Kritik einbringen würden. Die wilden Hunnen als lebenslustige Tänzer mit dem Herzen am rechten Fleck, das klingt schon arg nach Karl May Romantik und bringt das Stück bereits hier in eine gefährliche Nähe zwischen „Pocahontas“ und „Winnetou“. Ein Gefühl, das sich in den nächsten anderthalb Stunden mehrfach einstellen wird, ehe es im Finale zum erzählerischen Bruch kommt. Vorher lernt Kriemhild aber erstmal ihren zukünftigen Ehemann kennen, den gefürchteten Kriegerkönig Etzel. Der wirkt zwar rein optisch durchaus furchteinflößend – zwischen Waldschrat, Barbar und Highlander – entpuppt sich aber in der Lesart von Oliver Lansley als erstaunlich reflektierter Mann, der mit sanfter Stimme irgendwie so gar nicht an einen gefürchteten Krieger erinnern möchte. Gespielt von Aram Tarefshian bleibt so der Kriegsherr eine bloße Behauptung. Auch wenn er mit bestimmender, aber immer noch samtener Stimme betont, dass Kriemhild alle Freiheiten hat, so lange sie gehorcht, irgendwie glauben will man ihm diese Härte eher nicht.

Schwächen des Abends
Insbesondere in diesem Mittelteil der Inszenierung entblößt sich die zentrale Schwäche des Abends. „Die Hunnenkönigin“ will irgendwie die Menschen hinter diesen überlebensgroßen Figuren sichtbar machen, weicht aber immer wieder von diesem Anspruch ab und verirrt sich in zahllosen weiteren Themen. Da wird über Krieg und Frieden philosophiert („Frieden ist die Erinnerung an Krieg“, ein Satz, der insbesondere Verteidigungsminister Boris Pistorius berührt haben soll), aber auch über Geschlechterrollen. Auch die Frage, was ist Liebe, findet natürlich in die Erzählung, ebenso eine Auseinandersetzung mit Perspektiven und was diese Geschichte ändern kann. Dann widmet man sich wieder dem Einklang von Menschen und Natur, aber auch der Frage, welche Verantwortung wir für unsere Handlungen übernehmen müssen. Fast scheint es so, als wäre es Lansleys größte Furcht, das Publikum länger als fünf Minuten bei einem Gedanken verharren zu lassen. Was genau die Briten erzählen wollen, scheint insbesondere in den 90 Minuten vor der Pause ein wenig unklar zu sein. Manchmal bewegen sich die Dialoge in diesen Momenten nahe am Rosamunde Pilcher Kitschmoment. Kurz vor der Pause entsteht dann auch der Eindruck, als habe Lansley allen Mut zusammengefasst und sich dazu entschieden, das Publikum mit einem radikalen erzählerischen Kurswechsel in Richtung Happy End zu überraschen.

Wie gewohnt ins Verderben
Da aber der Autor schließlich dafür bezahlt wurde, die Nibelungen erneut zu erzählen, tut er es dann auch im letzten Akt und schickt die Burgunder Horde wieder mal ins Verderben. Wie so oft in der Historie der Nibelungen-Festspiele geschieht das ziemlich plötzlich und ziemlich konsequent. Gebeutelt von Wochenbettdepressionen, hadert Kriemhild nach der Geburt von Ortlieb, ihrem gemeinsamen Sohn mit Etzel, aber scheint dann doch noch einen Schlüssel zu ihrer Liebe zu finden. Jedoch kommt dann alles anders und das Gemetzel bei Etzel findet dieses Mal seinen Höhepunkt in Worms, während der berühmte Streit der Königininnen in dieser Interpretation mit der Königsmutter Ute ausgefochten wird. Dieser Streit wird von Jeanette Hain kraftvoll vorgetragen und sie konfrontiert Kriemhild mit deren Lebenslüge, dass Siegfried ein liebender Mann sei – im Übrigen ein weiteres Thema, das dieser Abend aufmacht (Lebenslügen und Verlust). Tonal sorgt das im Laufe der zweieinhalb Stunde gerade am Ende für einen seltsamen Bruch. Inszenatorisch ist zu diesem Zeitpunkt allerdings schon längst klar, dass die größte Furcht von Lansley und Seager nicht die Reaktion des Feuilletons ist, sondern das Publikum zu langweilen. Und so ist „Die Hunnenkönigin“ ein inszenatorischer Gemischtwarenladen, mal Kammerspiel, mal Festspielspektakel, gespeist mit zahllosen Verweisen auf das moderne Kino und Fernsehen („Der König der Löwen“, „Schneewittchen“, „Avatar“. „Der mit dem Wolf tanzt“, „Game of Thrones“). Immer wieder mutiert das Drama zum Rock Musical, dann wieder zu einer ansatzweise leichtfüßigen Komödie. Elemente des Puppenspiels finden genauso ihren Weg auf die Bühne wie diverse Regiegimmicks, wie die Burgunderburg, die als kleines Modell mit Minifiguren immer wieder in Szene gesetzt wird. Leidtragenden dieses turbulenten Regiestils sind oftmals die Darsteller, die zuweilen spielen, als wäre die Regie mit anderen Dingen als Schauspielführung beschäftigt gewesen. Insbesondere die Darstellungen von Hagen (Heiko Raulin) und Gunter (Paul Marianne Furtwängler) wirken, als seien die Charaktere mehr Zitatengeber als echte Menschen. Auch Tafreshians Etzel scheint nicht zu Ende gedacht, was auch für die eigenwillige Charakterentwicklung von Kriemhild (Maria Dra?gus?) – weg vom Trotzkopf, hin zur Kindesmörderin – gilt. Überraschend starke Momente erspielt sich wiederum Jeanette Hain, die, wenn sie die Bühne betritt, konsequent zum Szenendieb wird, allerdings ist ihre Figur über weite Strecken nur eine Randfigur. Deutlich mehr Präsenz, vielleicht zu viel, erhalten hingegen die Musiker Alice Merton und Alexander Wolfe. Grundsätzlich ist jeder Song für sich genommen gelungen und Merton überzeugt mit ihrem souligen Timbre. Allerdings ist der Mehrwert der Songs dramaturgisch oftmals in Frage zu stellen, zumal diese aus erzählerischer Sicht keine neue Ebene eröffnen, sondern lediglich doppeln, was zuvor gesagt wurde und im Anschluss an den Song oftmals nochmals erklärt wird, sodass auch der unaufmerksamste Zuschauer den jeweiligen erzählerischen Punkt versteht. Leider behindert das auf Dauer den Erzählfluss.

Fazit: Erzählerisch mäandernd zwischen ambitioniertem Kammerspiel und hektischem Budenzauber, ist „Die Hunnenkönigin“ grundsätzlich eine kurzweilige Inszenierung, die aber im Laufe des Abends unter den tonalen Schwankungen und den vielen erzählerischen Ansätzen leidet und deren einzelne Ideen selten zu einem großen Ganzen zusammenfinden.
Text: Dennis Dirigo Fotos: Andreas Stumpf









