Während sich die Nibelungen Festspiele seit 20 Jahren immer wieder mit der Frage beschäftigen, ob es einen Moment in der Geschichte gibt, an dem sich das Schicksal zum Guten hätte wenden können, hat der Wormser Liederkranz Fakten geschaffen. Denn so viel sei schon mal verraten: Am Ende siegt die Liebe!

Was macht eigentlich ein Fastnachtsverein, der seit zwei Jahren keine Fastnacht feiern durfte, der aber davon lebt, dass seine Akteure mit Begeisterung und Leidenschaft den Menschen eine gute Zeit bescheren wollen? Die Antwort ist nicht so einfach. Während die einen versuchen, mit einer Weinprobe ein wenig Geld zu verdienen, um ihre laufenden Kosten zu begleichen, entschied sich der Wormser Liederkranz für eine Art Mini- Festspiele in der Aula der Hochschule. Im Grunde war das auch eine logische Konsequenz. Wer die Damensitzungen des Vereins kennt, weiß, dass die „Zuckerschnute“ um Mechthild Vogel und Sandra Hoh ohnehin immer wieder innerhalb der Damensitzungen quasi ein Stück im Stück aufführten, das auch unabhängig von der Jahreszeit funktioniert hätte. Auf der Suche nach einem Format beschloss man schließlich, ein „Dramödical“ auf die Beine zu stellen, also eine Mischung aus Komödie und Drama, angereichert mit viel Gesang, Akrobatik und Tanz. Und da uns als Wormser ohnehin das Nibelungenlied sozusagen in die Wiege gelegt wurde, war es dann auch eine folgerichtige Entscheidung, sich der Burgundersippe anzunehmen. Doch Vogel (zusammen mit Tochter Ella), Hoh und Bernhard Zinke (musikalische Leitung) wären nicht die, die sie sind, wenn sie die Nibelungen nicht ordentlich entstaubt hätten. Das Grundgerüst der Geschichte an diesem Abend war bestens bekannt. Kriemhild fristete als Single ihr Dasein im Schatten ihrer schrulligen Brüder. Die beschlossen, einen Mann für die holde Prinzessin zu finden. Doch Kriemhild, die weder verträumt war, noch die starke Schulter eines Helden brauchte, stellte bei der Vorstellung der Brautwerber fest: „Alles Kricke, alles Schrott!“ Doch schließlich kreuzte Siegfried am Hofe auf, im Schlepptau den gar nicht mal so kleinen Zwerg Alberich. Gar nicht mal so hünenhaft, wie man sich wiederum den Helden zuweilen vorstellt, strotzte der Vokuhila tragende Siegfried dennoch geradezu vor Selbstvertrauen, als er hüftschwingend über die Bühne tänzelte und sang: „Ich bin zu sexy fer ins Verddel, ich bin zu sexy fer die Welt“. Kriemhild zeigte sich wiederum verzückt und dem Liebesglück sollte eigentlich nichts mehr im Wege stehen. Überhaupt war auffällig, dass – im Gegenzug zu den üblicherweise emotional etwas unter- kühlten Burgundern – in diesem Liederkranz-Burgunder-Reich die Liebe alles dominierte. So liebte Hagen, „der alte Zyklop“ Ute, Giselher Volker von Alzey (passend dazu das Lied von Roland Kaiser „Manchmal möchte ich schon mit dir“) und Gunter träumte von Brünhild. Der Streit der Königinnen wurde zum zünftigen Dance Battle und über das Schicksal der Protagonisten wachten drei Nornen, begleitet von dem Klassiker „Ein bisschen Frieden“. Nach zweieinhalb Stunden endete schließlich alles mit der Erkenntnis: „Der allergrößte Schatz auf Erden ist, einander anderen Schatz zu werden“. Fast hätte man die politische Tristesse dieser Welt vergessen können, wenn im finalen Song nicht noch die Frage gestellt worden wäre: „Was ist los mit dieser Welt?“

Fazit: Auch wenn das Publikum sich danach wieder der Realität dieser verwirrenden Zeit stellen musste, sorgte der Liederkranz in den drei Sommernächten, in denen das Stück aufgeführt wurde, dafür, dass man für zweieinhalb Stunden einfach gut unterhalten wurde und eine beeindruckende Leistung des rund 80-köpfigen Ensembles erleben durfte. Nicht weniger Lob gebührt aber auch den zahlreichen Helfern hinter den Kulissen, die in wenigen Monaten nähten, bauten, arrangierten und organisierten. Kurzum: Ganz großes Theater mit Witz, Esprit und Leidenschaft.

Anmerkung der Redaktion: Im Heft haben wir irrtümlich “Zuckerschnuude” statt “Zuckerschnute”, für diese Verunglimpfung des Dialekts entschuldigen wir uns natürlich vielmals…

Text: Dennis Dirigo | Fotos: Andreas Stumpf, Dennis Dirigo