Wormser Kompetenz für Amazon City

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Wedel und Pruschwitz sollen Bad Hersfeld retten

Ein ungeschriebenes Gesetz in der Branche besagt: Wer in Worms etwas Neues gewagt und überlebt hat, den kann so schnell nichts mehr aus der Ruhe bringen. Regisseur Dieter Wedel hat seine 13 Jahre bei den Festspielen überstanden und Stefan Pruschwitz immerhin fast sechs Jahre (plus knapp zwei Jahre als freiberuflicher Berater) als Zuständiger fürs Stadtmarketing in Worms. Beide trafen nun wieder im skandalgeschüttelten Bad Hersfeld zusammen. Ihr Ziel: Die dortigen Festspiele in ruhigeres Fahrwasser lenken.

Wedel als Intendant, der nach dem unrühmlichen Abgang seines Vorgängers Freytag die Scherben in dem Kurort zusammenkehren soll (wir hatten in unserer Oktober-Ausgabe darüber berichtet), Stefan Pruschwitz als kaufmännischer Leiter (Marketing). Beide übernehmen keine leichte Aufgabe, sitzt doch das Geld in Amazon-City längst nicht so locker wie man das vermuten könnte. Nicht nur, dass der US-Versandriese quasi als Ansiedlungsprämie knapp 9 Millionen Euro von der Stadt kassiert hat, aber sich in Sachen Sponsoring komplett zurück hält, sind aus den erhofften guten Arbeitsplätzen etwas bessere Hungerlohnjobs geworden. Dank des komplizierten Firmengeflechtes bei Amazon fließt nicht einmal die Gewerbesteuer nach Bad Hersfeld, sondern nach Luxemburg. Soll noch einer behaupten, die Amerikaner hätten die Regeln des Kapitalismus nicht verstanden. Von daher will man in Bad Hersfeld am liebsten gar nicht so sehr mit Amazon in Verbindung gebracht werden. Man wirbt hauptsächlich damit, dass die Kurstadt am bekanntesten ist für ihre Festspiele, ein sich „über einen Monat erstreckendes Festival der Musik und der Künste“. Allerdings hat man das gleiche Problem wie andernorts: Die Sponsorengelder gehen zurück. Und weil das so ist, wird von politischer Seite – ähnlich wie in Worms – jedes Jahr ein bisschen getrickst, damit die Festspiele erhalten bleiben.

Nachtkritik.de schrieb dazu:

„So behilft man sich rathausseitig mit immer unbefangeneren Manipulationen der Einnahmeerwartungen – sie werden einfach von Jahr zu Jahr trotz regelmäßiger Nichterreichung höher geschraubt. Das damit von Jahr zu Jahr sich vergrößernde Defizit schiebt man, wie auch heuer wieder geschehen, öffentlich dem Intendanten in die Schuhe, der sich diesen Augenwischereien erfolglos widersetzt hat. Muckt der Intendant aber öffentlich auf, droht ihm das Missfallen der Bürokraten.“

Deshalb musste der bei Publikum und Ensemble ungemein beliebte Intendant Holk Freytag irgendwann als Bauernopfer herhalten, sein Nachfolger Wedel soll jetzt wieder für Aufbruchsstimmung sorgen. Dabei muss er die Hersfelder Festspiele mit einem vergleichsweise geringen Gesamtetat von rund 5 Millionen Euro bestreiten und bewegt sich damit in ähnlichen Dimensionen wie in Worms. Dafür erstrecken sich die Hersfelder Festspiele auch über fast sechs Wochen und locken in dieser Zeit mehr als 100.000 Besucher an. Dagegen klingen die knapp 20.000 Besucher (in zwei Wochen) der Wormser Festspiele fast schon bescheiden. Es gibt allerdings noch einen weiteren gravierenden Unterschied zur Nibelungenstadt. Während hier der Zuschussbedarf in den letzten Jahren zwischen 1,5 und 2 Millionen Euro lag, schießt die Kreisstadt Bad Hersfeld nur ein Fünftel des Gesamtetats zu, also knapp eine Million Euro. Dieser Zuschuss soll zum 65 Jubiläum der Festspiele im Jahr 2015 sogar noch um 40% gekürzt werden. Keine leichte Aufgabe also für den neuen Intendanten Wedel (bis 2018) und den kaufmännischen Leiter (Marketing), Stefan Pruschwitz. Bürgermeister Thomas Fehling (FDP), der den Coup mit Wedel eingefädelt hat, freut sich jedenfalls auf den Regiezampano: „Gerade Dieter Wedels große Erfolge im durchaus eigenen Festspielgeschäft, zumal an einer historischen Spielstätte, haben ihn für mich zum absoluten Wunschkandidaten gemacht“. Auch Dieter Wedel selbst äußerte sich zu seiner Verpflichtung als Intendant der Bad Hersfelder Festspiele: „Ich freue mich auf die Aufgabe, die Festspiele wieder in ruhiges Fahrwasser zu lenken. Es wird natürlich einen Neustart geben. Und ich hoffe, dass mir in Bad Hersfeld gelingt, was mir zuvor ja schon sowohl bei meinen Fernsehfilmen als auch am Theater oft gelungen ist, nämlich den Spagat zu schaffen zwischen Anspruch, Qualität und Popularität.“

Ende November wird Dieter Wedel den Spielplan für die 65. Bad Hersfelder Festspiele vorstellen. Selbstverständlich wird auch seine Pressereferentin Monika Liegmann vor Ort sein, um für den nötigen Presserummel in dem 30.000-Seelen Örtchen zu sorgen. Dazu noch Marketingfachmann Pruschwitz. Geballte Kompetenz aus Rheinhessen für Nordhessen quasi. Das Festspieljahr 2015 wird so spannend wie schon lange nicht mehr. In Worms genauso wie in Bad Hersfeld.